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Wie in den TV-Serien, nur mit weniger Show: Auch in der Pasinger Notaufnahme geht es jeden Tag um Leben und Tod .

Die Zentrale Notaufnahme in Pasing

Lebensretter als Beruf: Wo Notfälle Alltag sind

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München - Wie verläuft der Alltag in der Zentralen Notaufnahme in Pasing. Wir haben einen interessanten Blick hinter die Kulissen geworfen.

Mit ruhiger Stimme fragt die Arzthelferin nach Adresse, Hausarzt, einer Telefonnummer. Ein junger Mann ist beim Waschen seines Lasters auf die Straße gestürzt, er kann seinen rechten Arm nicht mehr bewegen und hat sichtbar starke Schmerzen. Ein Freund hat ihn in die Notaufnahme des Klinikums Pasing begleitet. Die Arzthelferin beruhigt, telefoniert und organisiert einen Röntgentermin und begleitet den Verletzten zum Arzt. Wem es schlecht geht, der wird schnell versorgt. Wer besser beieinander ist, muss warten. So wie ein Mann, der über Bauchweh geklagt und nach der Befragung auf einem Stuhl Platz genommen hat. Aber auch den Wartebereich muss das Pflegepersonal immer im Blick haben. Zehn Minuten später wird Arzthelferin Christine bei ihren Kollegen anrufen und um eine sofortige Behandlung bitten: Der Bauchweh-Patient leidet plötzlich unter Atemnot.

„Wir sind hier in der Zentralen Notaufnahme (ZENA) ein unglaublich tolles, fest zusammengeschweißtes Team“, sagt der Leiter der Zena im Helios-Klinikum München-West, Wolfgang Gutsch: „Hier kann sich jeder auf jeden verlassen.“ Immer drei Pflegekräfte haben zusätzlich zu den Ärzten Dienst. Jeder weiß, welche Patienten gerade da sind, und behält alle im Auge – damit sofort geholfen werden kann, falls es jemandem plötzlich schlechter geht, Jeden Tag werden in Pasing 30 bis 50 Patienten über die Notaufnahme stationär aufgenommen, und etwa 100 Personen ambulant versorgt. Gutsch: „In diesem Verschiebebahnhof den Überblick zu behalten, ist die große Kunst in der Notaufnahme.“

Kann man sich die Arbeit in der Notaufnahme so ähnlich vorstellen wie in den actionreichen TV-Serien? „Im Prinzip schon“, wenn auch weniger auf Show getrimmt, meint Gutsch. Täglich müssen im Schockraum, der gleich neben der Liegendanfahrt für die Rettungswägen ist, Patienten wiederbelebt und Schwerverletzte versorgt werden. Direkt neben dem Schockraum befinden sich zwei Computertomografie-Räume, die CT-Spange, sodass der stabilisierte Patient sofort umfassend untersucht werden kann.

Allerdings bestimmen nicht die dramatischen Fälle auf Leben und Tod den Alltag: „Unser tägliches Geschäft sind die kleineren chirurgischen Verletzungen wie Schnitte oder Brüche oder Verkehrsunfälle. Motorradfahrer z.B., die bei hoher Geschwindigkeit gestürzt, sich aber augenscheinlich nicht verletzt haben und meist am liebsten sofort wieder heimgehen würden. „Ich sage immer, Sie haben ein Hochgeschwindigkeitstrauma erlebt. Sehr oft finden wir innere Verletzungen wie Risse an Leber oder Milz.“ Viele Patienten kommen mit Schwindel, Krampfanfällen – auch Schlaganfälle und Herzinfarkte gehören zum täglichen Brot. Das Helios-Klinikum Pasing ist seit der Privatisierung mit einer Stroke Unit und einem Herzkatheter-Labor ausgestattet.

Patienten, die mit dem Rettungswagen kommen, werden über das zentrale Computersystem IVENA, das gerade in München getestet wird, angekündigt. Beim Blick auf dem Monitor sieht Gutsch, dass in neun Minuten aus Germering ein 90-jähriger Mann mit einer Kopfverletzung gebracht wird. Die Sichtungskategorie zwei sagt dem Notfallteam, dass dieser Patient im Krankenhaus bleiben wird. SK 3 bedeutet, dass eine ambulante Behandlung notwendig ist, SK 1 ist die rote Alarmstufe, dieser Patient muss sofort auf den Behandlungstisch. So wie die Frau mit Aortenaneurysma, einem lebensgefährlichen Riss in der Hauptschlagader, die in der Früh eingeliefert wurde, oder die Verletzten eines Verkehrsunfalles. Gutsch: „Über das System können wir der Leitstelle auch melden, wenn wir momentan voll sind.“

Zusätzlich kommen den ganzen Tag Patienten zu Fuß in die Notaufnahme, zum Teil mit Beschwerden, die eigentlich Haus-oder Fachärzte behandeln können: „Da klagt jemand, dass er seit sechs Wochen Rückenschmerzen hat und es jetzt doch mal untersuchen lassen will. Jemand leidet seit einem Monat unter Verstopfung und braucht einen Rat.“ Die Ärzte, Pfleger und Schwestern wundern sich, abweisen dürfen sie niemanden. Es könnte ja eine ernste Erkrankung dahinterstecken. „Wir bemühen uns um jeden Patienten“, so Gutsch. Neun Behandlungsräume stehen in der Zentralen Notaufnahme zur Verfügung, den Notfallarzt an sich gibt es nicht, die Ärzte im Dienst sind von Beruf Chirurgen, Internisten oder Neurologen. Auch ein HNO-Arzt, ein Frauenarzt und Gefäßchirurgen aus der Klinik stehen bereit, um Notfälle schnell zu versorgen. In einem der Räume liegt jetzt der junge Mann mit dem Armbruch. Er ist mittlerweile geröntgt worden und hat ein Schmerzmittel bekommen. Noch weiß er nicht, ob er eine Operation braucht oder ob ihm gleich im Gipsraum ein Verband angelegt wird – aber es geht ihm sichtlich besser.

Viele Patienten sind nicht richtig krank

Sie beobachten eine zunehmend überfüllte Notaufnahme. Warum kommen viele Patienten zu Ihnen, die eigentlich beim Hausarzt besser aufgehoben wären?

Wolfgang Gutsch: Manchmal fragen wir natürlich bei den Patienten nach, dann kommen Antworten wie: Das Krankenhaus liegt näher und ist für mich besser zu erreichen. Oder: Manche Patienten hätten bei einem Arzt wochenlang auf einen Termin warten müssen, waren aber dazu nicht bereit. Wir sind an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr da. Wir wollen wirklich keinem Arzt einen Patienten wegnehmen, doch es kommen zu uns vermehrt Menschen, die nicht mehr zum niedergelassenen Arzt gehen. Wir glauben, dass da etwas ganz falsch läuft. Die Mentalität hat sich einfach geändert. Ich bin seit 25 Jahren der Standortverantwortliche für den hiesigen Notdienst und war vorher schon lange als Notarzt im Einsatz. Aber früher wäre man wegen einer Kleinigkeit nicht ins Krankenhaus gefahren, sondern ganz selbstverständlich zu seinem Hausarzt gegangen.

Aber so viele, eher einfache Patienten sind doch vermutlich eine gute Geldquelle fürs Krankenhaus!

Gutsch: Gut, dass Sie das ansprechen. Leider nicht. Wir haben ja keine Kassenzulassung. Das, was uns die Kassenärztliche Vereinigung vergütet, deckt bei Weitem nicht den Aufwand. Zudem bedeutet es natürlich, dass die Wartezeiten insgesamt immer länger werden.

Wann sollte man nicht zögern, in die Notaufnahme zu gehen?

Gutsch: Natürlich gehen Sie nicht, wenn Sie sich fiebrig fühlen und eine schlimme Erkältung haben. Aber wenn auf einmal Herzrasen oder Atemnot dazukommen, dann sollten Sie sich schnell ärztlich behandeln lassen. Denn vielleicht haben Sie eine Lungenentzündung bekommen. Also, wenn sich Ihr Gesundheitszustand bzw. vitale Funktionen plötzlich stark verschlechtern, wenn Ihr Blutdruck in die Höhe schnellt, wenn Sie plötzlich ohnmächtig werden. Dann gehören Sie in ein Krankenhaus, weil dort auch kompliziertere Untersuchungen möglich sind.

Der Haushalt gilt als Ursache Nr. 1 für Unfälle. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Gutsch: Natürlich, Menschen stürzen, fallen von einer Leiter oder verletzen sich beim Kochen oder im Haushalt. Dennoch erlebt man auch hier immer noch Überraschungen: Ein Kollege hatte einen Patienten, der beim Rasenmähen unten in den laufenden Mäher gegriffen hat. Das hat dem Mann einen Teil seines Fingers gekostet. Die Arbeit einer Notaufnahme ist ja auch immer vom Einzugsbereich des Krankenhauses abhängig. Wir haben zum Beispiel sehr viele Altenheime in der Umgebung, also sehen wir ziemlich häufig Oberschenkelhalsbrüche. Die spannende Frage ist jedoch, wie verändern sich die Patienten, wenn zum Beispiel so ein riesiges Neubaugebiet wie in Freiham gebaut und bezogen wird? Anhand der Daten des Runden Tisches Notfallversorgung, wo die Patientenströme aller Notfallpatienten in allen Krankenhäusern der Stadt München erfasst werden, versuchen wir solche Fragen zu beantworten. Damit wir uns in Zukunft darauf einstellen und unsere Patienten optimal versorgen können.

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