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Zeigen, was man für den Eingriff braucht: Patientin Ingrid Heimerl (links), daneben Professorin Ilka Ott. Ganz oben auf dem Hilfsinstrument steckt ein MitraClip, mit dem das Herz wieder dicht gemacht werden kann.

MitraClipping

Eine Klammer schließt Löcher in der Herzklappe

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Beim „MitraClipping“ können Löcher in der Herzklappe auch ohne große Operation geschlossen werden. Die Methode ist eine Alternative zu herkömmlichen Herzklappen-Operationen.

Ein Griff auf die Brust. Der Blick – geprägt von Neugierde und großen Erwartungen. Ingrid Heimerl (68) tastet mit ihrer Hand genau die Stelle ab, an der ihr Herz sitzt. „Ich hab‘ gedacht, ich spür‘ was“, sagt sie. Noch einmal drückt sie gegen ihr Brustbein, diesmal fester. Sie schüttelt den Kopf, als könne sie es nicht glauben.

Gegenüber sitzt die Professorin Ilka Ott, Oberärztin am Deutschen Herzzentrum München (DHM). Ingrid Heimerl, einer Herzpatientin aus Rötz in der Oberpfalz, hat sie einen neuen Lebensabschnitt geschenkt. Neugeboren in München, durch eine Art fingernagelgroße Wäscheklammer im Herzen. So angepasst, dass sie nicht ertastet werden kann, vor allem aber eine Alternative zu herkömmlichen Herzklappen-Operationen, bei denen der Brustkorb geöffnet wird.

„MitraClipping kommt vor allem für Patienten in Frage, die aufgrund ihres Alters oder von Begleiterkrankungen nicht operabel sind und mit ihrer Herzkrankheit leben müssten“, erklärt Ott. Bei der alternativen Methode setzt ein Ärzteteam eine Klammer über einen Leistenkatheter in die Mitralklappe, um ein Loch zusammenzuheften. Ist die Klappe undicht, kann sich Blut beispielsweise bis in die Lunge zurückstauen. Dann ergeht es vielen Patienten ähnlich wie Ingrid Heimerl.

Methode für bestimmte Herzpatienten

„Ich musste stehenbleiben, um nach Luft zu schnappen, sobald ich ein wenig flotter oder aufwärts gegangen bin“, erinnert sich Heimerl an jahrelange Beschwerden. Schon zu Beginn ahnte sie, was das bedeutet. Ihr Herzleiden ist genetisch bedingt, „meine Eltern hatten damit zu kämpfen“. Dann auch sie selbst: Vor knapp acht Jahren ein erster Herzinfarkt, dann ein zweiter und ein dritter. Zwischendurch ein Schlaganfall und zwei Lungenödeme, auch Wasserlungen genannt, als Folge der Herzinsuffizienz.

Schon wieder ein Schnitt in den Brustkorb – davor hatte Heimerl Angst. Lange hat sie die Atemnot hingenommen. „Man muss lernen, dass man nicht mehr so kann. Bin halt kein ruhiger Mensch. Aber du kannst ja nicht den Charakter ändern.“ Abschalten ohne schlechtes Gewissen – das hat Ingrid Heimerl trotzdem gelernt. Bis ihr Mann im April starb und ihre Kraft mit sich nahm. „Sogar im Sitzen kamen die Anfälle. Dann war’s so schlimm, da hat mir die Atemnot direkt wehgetan.“ Heimerls Kardiologin hat ihr Gewissen sensibilisiert. Ihr Tipp: Ilka Ott und das MitraClipping in München.

2009 setzte Ott einem Patienten zum ersten Mal einen MitraClip ein, „heute wissen wir, dass es eine Methode mit guten Langzeitwerten ist“. Rund 50 Eingriffe pro Jahr nimmt das Spezialistenteam am DHM vor. Mittlerweile kommen auch Patienten außerhalb von Bayern. Wie Ingrid Heimerl.

„Ein Klacks zur normalen OP, obwohl’s am Herzen ist“, sagt sie im Nachhinein über das Clipping. Narkose, erster Clip, zweiter Clip wegen der Größe der undichten Stelle, Aufwachraum. Plötzlich war der Druck auf den Brustkorb weg. Einen Tag später haben Schwestern sie von den Schläuchen befreit, und die 67-Jährige marschierte zum Probelauf geradewegs auf eine Treppe zu. „Ich hab‘ leicht geatmet. Wahnsinn. Ich wusste gar nicht mehr, wie das ist.“

Lebensfreude nach dem Clipping

Dass sie das noch einmal fühlen wird, hatte Ingrid Heimerl nicht im Traum gedacht. „Die meisten meiner Patienten haben die Hoffnung aufgegeben“, sagt Ott. Wenn ihr die Patienten nach dem Clipping mit neuer Lebensfreude gegenüber sitzen, „ist das ein enormer Erfolg“.

Ingrid Heimerl kann heute ihrem größten Hobby wieder nachgehen. „Ich bin doch eine Schwimmerin gewesen.“ 20 Bahnen ist sie geschwommen, „und dann hätt‘ ich noch Bäume ausreißen können.“ Jahrzehnte ist das her. „Aber jetzt“, sagt Heimerl, zieht ihre Schultern nach hinten, streckt die Brust raus und die Arme zu Seite, „jetzt kann ich auch wieder so frei atmen. Richtig frei“.

Franziska Bär

Ein Workshop

für Fachärzte, bei dem unter anderem Professorin Ilka Ott das MitraClipping vorstellt, findet am Mittwoch, 4. Februar, im Deutschen Herzzentrum München statt. Leser und Patienten können sich unter Telefon 089 / 121 80 oder per E-Mail an dhm@dhm.mhn.de informieren.

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