Wie Sie sich schützen können: Experte im Interview

Bakterienalarm in der Lunge

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München - Winterzeit ist Grippezeit: Auf die Erkältung kann jetzt eine Lungenentzündung folgen. Wie es dazu kommt und was Sie dagegen tun können - ein Interview mit Professor Jürgen Behr.

Husten, Schnupfen und Fieber? Damit plagen sich derzeit viele. Erkältungs- und Grippeviren verbreiten sich im Winter schnell. Und manchmal kommt zur ersten Infektion eine zweite: Ist der Körper geschwächt, haben es Bakterien leichter – und können sich zum Beispiel in der Lunge ausbreiten. Doch wie kann man sich vor einer Lungenentzündung schützen und was hilft, wenn es einen erwischt hat? Das erklärt Prof. Jürgen Behr, Direktor der Medizinischen Klinik V am Klinikum der Universität München in Großhadern und Chefarzt der Asklepios-Lungenfachklinik in Gauting.

Herr Professor Behr, was sind Anzeichen einer Lungenentzündung?

Behr: Die typische Lungenentzündung beginnt mit einem akuten, fieberhaften Infekt. Betroffene haben also oft Schüttelfrost, Husten, manchmal auch mit Auswurf. Hinzu kommt ein starkes Krankheitsgefühl – man fühlt sich richtig malad. Eine Lungenentzündung kann sich aber auch ganz versteckt äußern, zum Beispiel nur mit Husten, nur mit Abgeschlagenheit und leicht erhöhter Temperatur.

Wann sollte man denn auf jeden Fall zum Arzt?

Behr: Wenn man richtig hohes Fieber hat. Denn Fieber ist immer ein Zeichen, dass es im Körper eine schwere Infektion gibt. Bestätigt sich dies, ist ein Antibiotikum zwingend nötig. Ein Alarmzeichen ist es auch, wenn Sie beim Atmen Schmerzen haben. Die Lunge selbst ist zwar schmerzfrei. Hat die Entzündung aber das Rippenfell erreicht, spürt man das, dann sollte man zum Arzt. Ebenso bei ausgeprägtem oder länger anhaltendem Husten oder wenn blutiger Auswurf dabei ist, zumal letzteres auch auf einen Tumor hindeuten kann. Aufmerksam werden sollten Sie, wenn Sie merken: Das geht auf den Kreislauf; wenn Sie sich also nicht nur schlapp fühlen, sondern Ihnen etwa sogar schwarz vor Augen wird.

Prof. Jürgen Behr ist Experte für Pneumologie am Klinikum Großhadern in München

Wie kommt es dazu?

Behr: Die klassische Lungenentzündung wird von Bakterien ausgelöst. Dabei sind Pneumokokken die häufigsten Erreger. Sie werden per Tröpfcheninfektion übertragen. Also: Ein Patient hustet, ein anderer Mensch atmet die feinen Tröpfchen in der Luft ein. Schafft es die Abwehr nicht, die Bakterien sofort abzutöten, können sie sich in der Lunge ausbreiten. Dann entsteht eine ausgeprägte Entzündungsreaktion: Aus dem Blut strömen Entzündungszellen in das Lungengewebe ein, die kleinen Haargefäße werden undicht und Serum tritt aus dem Blut aus. Auch Zellen wandern ins Gewebe ein. Dort, wo eigentlich die Luft sein sollte, damit der Sauerstoff ins Blut aufgenommen werden kann, sind dann Bakterien, Abwehrzellen und Flüssigkeit. Dieses Entzündungsmaterial verdrängt die Luft. Das ist es auch, was man im Röntgenbild sieht – da ist im betroffenen Teil der Lunge kaum noch Luft.

Muss man bei Hinweisen auf eine Lungenentzündung immer röntgen?

Behr: Ja. Ohne Röntgenbild ist nur eine Verdachtsdiagnose möglich. Wenn also Infektionszeichen vorliegen, hört der Arzt die Lunge mit dem Stethoskop ab. Denn bei einer Flüssigkeitsansammlung in den kleinen Lungenbläschen entstehen Rasselgeräusche. Ist das der Fall, deutet viel auf eine Lungenentzündung hin. Für einen eindeutigen Beweis ist aber ein Röntgenbild nötig.

Bestätigt sich der Verdacht, muss man dann sofort ins Krankenhaus?

Behr: Nein. Die große Mehrheit der Patienten wird ambulant behandelt. In Deutschland sind das insgesamt etwa 600 000 bis 800 000 pro Jahr – und nur etwa 20 bis 25 Prozent von ihnen müssen ins Krankenhaus.

Wann ist das sinnvoll?

Behr: Wenn mindestens ein bis zwei der folgenden vier Kriterien zutreffen: Der Patient ist verwirrt. Er atmet mehr als 30 Mal pro Minute, dann ist also die normale Lungenfunktion nicht mehr gewährleistet. Der systolische Blutdruckwert, der obere Wert also, ist bei unter 90. Und: Der Patient ist 65 Jahre oder älter. Ist keiner der genannten Punkte erfüllt, kann der Kranke gut zu Hause behandelt werden, bei einem entscheidet man je nach Fall, ab zwei erfüllten Punkten rät man meist zum Krankenhaus.

Wie behandelt man eine Lungenentzündung?

Behr: Bei einer Lungenentzündung brauchen Sie auf jeden Fall ein Antibiotikum. Dabei gibt es gute medizinische Leitlinien, welches Mittel der Arzt für wen wählen sollte.

Man testet also nicht, welches Antibiotikum das richtige ist. Wäre das nicht sinnvoll, wo es doch immer mehr resistente Keime gibt?

Behr: So viel Zeit haben Sie nicht. Das zu testen dauert drei Tage oder länger. Dann haben Sie erst ein Ergebnis, wenn die Lungenentzündung sonst längst behandelt und abgeklungen sein könnte – das hat also keinen Sinn. Darum wird bei einfachen Fällen keine mikrobiologische Diagnostik durchgeführt. Man weiß, welche Keime in Betracht kommen, und wählt das Medikament dann so, dass es gegen all diese Keime wirkt. Das ist also eine kalkulierte Antibiotika-Therapie.

Was kann der Patient für seine Genesung tun?

Behr: Bei so einer schweren Infektion braucht der Körper Kraft und darum Ruhe, um zu heilen. Wichtig ist auch ausreichend Flüssigkeit. Bei einer Lungenentzündung mit Fieber gibt der Körper mehr Flüssigkeit als sonst über die Haut ab. Pro Tag können das durchaus zwei bis drei Liter sein, die man zusätzlich verliert – und natürlich ersetzen muss. Sonst trocknet der Körper aus und das Sekret der Lunge wird zäh und dick. Sie können es dann nicht mehr abhusten. Verzichten sollte man zudem auf Alkohol und Zigaretten. Sie schwächen die Abwehr. Der Körper braucht aber alle seine Kräfte gegen die Entzündung.

Heißt das, man sollte im Bett bleiben?

Behr: An den ersten beiden Tagen ist das ratsam. Ist die akute Phase vorbei, sollte man aber aufstehen, sich aber nicht überfordern, sondern alles schrittweise angehen. Also: nicht gleich einen Spaziergang wagen, sondern sich zunächst in der Wohnung bewegen. Da sollten sich Patienten einfach vom gesunden Menschenverstand und ihrem Gefühl leiten lassen. Auch die Ernährung ist in dieser Zeit übrigens besonders wichtig: Sie sollte vielfältig und vitaminreich sein. Dazu müssen Sie aber keine Vitamintabletten schlucken. Das ist überhaupt nicht nötig, wenn Sie sich vernünftig ernähren.

Wie ist das bei Patienten, die in der Klinik behandelt werden müssen, was wird da gemacht?

Behr: Sie bekommen die Antibiotika als Infusion. Das stellt sicher, dass diese in ausreichender Menge im Blut ankommen. Per Infusion können die Patienten auch mit Flüssigkeit versorgt werden, wenn sie nicht genug trinken können. Man kann in der Klinik auch eine Atemtherapie und Inhalationen durchführen. Nach der Akutphase beginnt man früh mit Physiotherapie. In besonders schweren Fällen können die Patienten in der Klinik auch beatmet werden oder, falls nötig, an ein Lungenersatz-Verfahren, eine „Extrakorporale Membranoxygenierung“ angeschlossen werden, um ein vorübergehendes Lungenversagen zu überbrücken.

Wie lange dauert es, bis die Lungenentzündung überstanden ist?

Behr: Normalerweise dauert eine Antibiotika-Therapie fünf bis sieben Tage. Dann ist die Erkrankung als weitestgehend überstanden anzusehen. Es gibt natürlich auch Fälle, wo zum Beispiel der Husten länger anhält. Auch bei Vorerkrankungen kann sich die Heilung länger hinziehen. So haben etwa vier Prozent der Bevölkerung latentes Asthma, das ihnen aber bis dahin nie Probleme bereitet hat. Etwa sieben Prozent der Erwachsenen leiden an COPD, also einer chronischen Bronchitis, die hauptsächlich durch Rauchen verursacht wird. Sie brauchen entsprechend länger, um sich zu erholen. Eine vorgeschädigte Lunge ist übrigens auch anfälliger für eine Entzündung.

Und wie kann man sich dann davor schützen?

Behr: Die beste Vorbeugung ist die Impfung gegen Pneumokokken. Dabei wird eine einmalige Impfung heute als ausreichend angesehen. Für Menschen ab 60 bis 65 Jahren ist sie auf jeden Fall zu empfehlen, zudem generell für Patienten mit chronischen Erkrankungen. Gleiches gilt für die jährliche Grippe-Impfung. Die Influenza ist zwar eine virale Infektion. Virusinfekte sind aber oft Wegbereiter für eine zusätzliche bakterielle Infektion. Eine alleinige, virale Lungenentzündung ist eher die Ausnahme. Gegen Pneumokokken sollten übrigens auch Kinder geimpft werden, das vermindert nachweislich das Risiko, an einer Lungenentzündung zu sterben – auch für deren Großeltern. Denn oft läuft es so: Das Kind hat die Infektion, die Oma kommt zu Besuch und wird dann schwer krank. Eine Impfung schützt beide.

Das Interview führte: Andrea Eppner.

Rubriklistenbild: © dpa

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