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Blick ins Auge: Prof. Anselm Kampik prüft, ob auf der Netzhaut von Marie noch immer alles klar ist.

Eine Spritze für eine klare Sicht

In der Mitte des Sichtfeldes ist plötzlich ein blinder Fleck. Linien erscheinen krumm: Die krankhafte Veränderung der Makula, des Punkts des schärfsten Sehens, gilt als typische Alterserkrankung.

Doch auch junge Menschen können darunter leiden. Wie die 17-jährige Marie. Eine Spritzentherapie konnte ihre Sehschärfe retten.

Als Marie Zelfel an einem Morgen im Mai erwachte, war die Welt unscharf. „Auf dem linken Auge war in der Mitte alles verschwommen“, erzählt sie. Sie rieb sich die Augen, immer wieder, das ganze Wochenende lang. Doch die Welt blieb verschwommen, dazu etwas schief. Gleich am Montag ging sie mit ihren Eltern zum Augenarzt Dr. Schäfer aus Penzberg. Der erkannte sofort, dass rasches Handeln nötig war – und schickte seine Patientin weiter in die Augenklinik der Universität München. Ein Glück für das Mädchen: Heute ist ihre Welt wieder scharf, auch dank der raschen Behandlung.

Schon eine frühere Untersuchung hatte gezeigt, dass sich in Maries Augen sogenannte Drusen befanden. Solche Ablagerungen entstehen zum Beispiel aus Resten alter Fotorezeptoren, der Zellen, die in der Netzhaut das Licht auffangen und als elektrisches Signal ans Gehirn weiterleiten. „Sie werden ständig auf- und abgebaut“, erklärt Prof. Anselm Kampik, Direktor der Augenklinik des Klinikums der Uni München. Manchmal bleiben Reste zurück. Das passiert vor allem bei Menschen in höherem Alter. Doch auch bei Jüngeren, die eine Veranlagung dazu haben, können Drusen entstehen.

Unscharf wurde die Welt aber nicht unmittelbar durch die Ablagerungen. Dahinter steckte eine Einlagerung von Flüssigkeit in der Netzhaut. Das machte eine Angiografie klar, eine Aufnahme der feinen Gefäße in Maries Auge. Eine fluoreszierende Flüssigkeit zeigt, ob Flüssigkeit aus den Gefäßen austritt. Das war bei Marie der Fall.

Die Ursache: Blutgefäße der Aderhaut hatten in Maries Auge zu wachsen begonnen. Die Aderhaut versorgt die Netzhaut und liegt hinter dem sogenannten Pigmentepithel, auf dem die Sehzellen sitzen. Ein Blutgefäß wurde undicht, Flüssigkeit trat aus. Diese Flüssigkeit ließ die Makula, den Punkt des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, anschwellen. „Das ist, wie wenn man einen Tropfen Wasser auf Löschpapier träufelt“, erklärt Kampik. Es wird dicker. Dauert die Schwellung lange an, sterben Sehzellen ab. Der Patient verliert seine Sehkraft auf Dauer. Zwar lebt er meist nicht in völliger Dunkelheit. Doch Lesen, Fernsehen, Erkennen von Gesichtern – all dies ist nicht mehr möglich. Die Patienten sehen zwar, dass eine Uhr an der Wand hängt. Die Zeit könnten sie aber nicht mehr ablesen.

Die Ursache der krummen Linien und unscharfen Sicht war bei Marie also dieselbe wie bei der sogenannten altersbedingten feuchten Makuladegeneration, an der vor allem Patienten über 70 Jahren leiden. Auch hier bilden sich neue Gefäße – es kommt zu einer Blutung. Typisch: Die Sehkraft geht – im Gegensatz zur trockenen Makuladegeneration – relativ plötzlich verloren. Bei der trockenen Form lässt die Sehkraft zwar nur langsam nach. Doch gibt es bis heute keine guten Behandlungsmethoden.

Anders bei der feuchten Makuladegeneration: Hier brachte ein neues Medikament vor einigen Jahren einen Durchbruch. Das Mittel hemmt das Wachstum der Blutgefäße und lässt deren Wände gleichzeitig wieder dicht werden. Ursache, dass diese zu wuchern beginnen, ist ein sogenannter Wachstumsfaktor. Das neue Medikament ist ein Antikörper, das diesen bindet und ihn so abfängt. Ohne den Stoff, der das Wachstum anregt, bilden sich die neuen Gefäße teils sogar wieder zurück. Das Sehvermögen der Patienten kann sich wieder deutlich verbessern. Doch nur, wenn die Behandlung rechtzeitig erfolgt.

„Bei Marie lief das perfekt“, sagt Kampik. Bei der ersten Untersuchung in der Augenklinik hatte sie auf dem linken Auge noch 30 Prozent ihrer ursprünglichen Sehkraft. Die Ärzte empfahlen eine rasche Therapie mit dem Antikörper-Medikament. Dieses wird in den Augapfel gespritzt.

Die Vorstellung machte Marie zunächst Angst. „Aber es war gar nicht schlimm“, sagt sie. Vor der Spritze bekam sie Betäubungstropfen ins Auge. Die Augenoberfläche wurde gründlich desinfiziert. „Das Hauptproblem ist das Risiko einer Entzündung“, erklärt Kampik. Doch dazu kommt es heute aufgrund der gründlichen Vorbereitung nur noch sehr selten. Ein Lidsperrer hielt das Auge offen, während Marie die Spritze bekam. Danach maßen die Ärzte zur Sicherheit noch den Augeninnendruck. Sie erhielt zudem Tropfen mit einem Antibiotikum.

Die ersten drei Wochen nach der Behandlung war Maries Welt noch verschwommen. „Wir hatten natürlich große Sorgen“, sagt ihr Vater Franz Zelfel. Doch dann, kurz vor dem nächsten Termin in der Augenklinik trat plötzlich Besserung ein. Bei der Nachuntersuchung hat Marie schon wieder 80 Prozent ihrer Sehkraft zurück. Sie bekommt eine zweite Spritze. Kurz erschrickt sie vor den dunklen Kreisen, die sie danach vor ihrem Auge sieht. Doch klären die Experten sie rasch auf. Ein Luftbläschen war beim Einspritzen des Mittels ins Auge gelangt. „Ganz unproblematisch“, sagt Kampik. Es verfliegt rasch und Marie sieht bald wieder scharf wie früher.

So froh Marie und ihre Eltern darüber waren – ein Ärgernis gab es: Sie mussten die Kosten selbst tragen. Das Medikament ist nur zur Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration zugelassen. Zwar sind die Ursachen bei den wenigen jungen Menschen, die daran erkranken, dieselben – und damit auch der Weg, sie zu behandeln. Doch gibt es eben keine Zulassung dafür. „Und es wird wohl auch keine geben“, sagt Kampik. Denn die Zahl der jungen Patienten sei zu gering, um die Wirksamkeit in einer Studie gut belegen zu können.

Dennoch ist die Familie glücklich, dass es die Therapie gibt. Noch vor zehn Jahren hätte die Medizin kein Mittel gehabt, um Marie zu helfen – und ihre Welt wäre auf immer verschwommen geblieben. Doch jetzt sieht das Mädchen wieder scharf wie früher und das seit mehr als drei Monaten. Ein Rückfall ist nach dieser Zeit unwahrscheinlich. „Natürlich kann an anderer Stelle noch mal dasselbe passieren“, sagt Kampik. Doch dann weiß Marie, dass es ein Mittel gibt, das ihr auch dann wieder helfen kann.

 

Von Sonja Gibis

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