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Gemeinsamer Einsatz für gesunde Gelenke: Stefan Geiselbrechtinger, Prof. Andreas B. Imhoff, Prof. Thomas Wessinghage, Dr. Bernd Wegener und Moderator Prof. Christian Stief (v. li.).

Merkur Sprechstunde

Das Kreuz mit Knie und Knöchel

Ein falscher Schritt – und man kommt wochenlang nicht auf die Beine. Verletzungen in Knie und Sprunggelenk sind nicht nur schmerzhaft, sondern oft auch langwierig.

Bei der Merkur-Sprechstunde erfuhren die Besucher, wie man rasch wieder beweglich wird.

Fußballer Michael Ballack stürmt übers Spielfeld – bis der Fuß eines Gegners ihn abrupt bremst. Er fliegt durch die Luft. Bei der Landung knickt der Knöchel zur Seite: Schon beim Anblick des Videos, das Dr. Bernd Wegener den Merkur-Lesern mitgebracht hatte, ging ein Raunen durch den voll besetzten Saal. Denn viele, die am vergangenen Mittwoch zur Merkur-Sprechstunde ins Münchner Pressehauses gekommen waren, wussten, wie schmerzhaft eine solche Verletzung ist. Doch muss man nicht Fußball spielen, um sich den Knöchel zu verletzen. „Oft reicht schon ein falscher Schritt an der Bordsteinkante“, sagte Moderator Christian Stief – und es ist geschehen.

Achillessehne

Ob gezerrt, gebrochen oder verschlissen: Sprunggelenke sind das Spezialgebiet von Dr. Bernd Wegener, Orthopäde im Uniklinikum Großhadern. Grafiken vom Innenleben des Fußes zeigten, was für ein komplexes Gefüge aus Knochen, Bändern und Sehnen dieser ist – und verletzen kann man sich überall.

Hatten viele Fragen an die Experten: die Besucher der Merkur-Sprechstunde im Münchner Pressehaus.

Häufig trifft es die Achillessehne. Ein heftiger Schmerz, ein Peitschenknall: Wenn man das hört, hat es meist diese eigentlich sehr belastbare Schwachstelle erwischt. Reißt die Sehne, verliert der ganze Fuß an Stabilität. Während die Sehne, die dem griechischen Helden Achill zum Verhängnis wurde, jeder kennt, sind die vielen anderen Sehnen und Bänder im Fuß weniger bekannt. Doch auch sie können überdehnt werden oder reißen. Locker werden kann etwa die Peronealsehne an der Fußseite. Beim Gehen springt sie dann unangenehm über den Knöchel. Sehr häufig sind zudem Verletzungen der Innen- und Außenbänder.

Pause, Eis, Compression und Hochlagern

Passiert ein Unfall, rät Wegener als Erste-Hilfe zum PECH-Schema. Die Buchstaben stehen für: Pause, Eis, Compression und Hochlagern. Das verringert Schwellungen und innere Blutung. Dann heißt es: rasch zum Orthopäden. „Man muss aber beileibe nicht jede Verletzung operieren“, sagte Wegener. Geschont in einem festen Verband oder einer Schiene hilft sich der Körper oft selbst. „Doch auch wenn die Bänder oder Sehnen nicht heilen, keine Panik!“, sagte Wegener. Muss der Chirurg ran, findet er im Körper des Verletzten an vielen Stellen Ersatz. „Man wundert sich, was man alles nicht braucht und umfunktionieren kann“, sagte Wegener. Mit Hilfe solcher verpflanzten Sehnen kann der Chirurg auch schwere Verletzungen wieder reparieren und das Gelenk stabilisieren.

Knorpelschäden

Schwieriger zu behandeln sind indes Knorpelschäden. Zwar kann man heute körpereigenen Knorpel transplantieren. Doch sind die Erfolge beim Sprunggelenk noch „durchwachsen“, wie Wegener zugab. Bei fortgeschrittenem Verschleiß hilft dann manchmal nur der Gelenkersatz: Zwar sind die künstlichen Gelenke noch nicht so ausgereift wie die Prothesen für das Knie, doch verschaffen sie für zehn bis 15 Jahre gute Beweglichkeit. Als Alternative kommt eine Versteifung in Frage. „Auch dann kann man aber noch gut wandern oder Radfahren“, sagte Wegener.

Meniskus und Kreuzband

Eine „Achillessehne“ hat auch das Knie – oder sogar zwei. Sie heißen Meniskus und Kreuzband. Auch Prof. Andreas B. Imhoff, Leiter der Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar, hatte den Besuchern Filme von Sportlern mitgebracht, die schon beim Hinsehen schmerzten. Die meisten Verletzungen passieren aber nicht Profis. Häufig betroffen ist der Meniskus. So nennt man zwei fasrige halbmondförmige Knorpelscheiben im Kniegelenk. Sie dienen als Puffer – und haben damit eine wichtige Funktion. Fehlt der Meniskus, schreitet der Verschleiß im Gelenk nahezu ungehindert fort. „Das Risiko für Arthrose ist 14-fach erhöht“, erklärte Imhoff. Das Ziel nach Verletzungen ist es daher, den Meniskus zu erhalten. Da er nur wenig durchblutet wird, neigt er leider dazu, schlecht zu heilen. Dennoch versucht man ihn nach Einrissen nicht zu entfernen.

Risiko für Arthrose

Stabilität geben dem Kniegelenk außerdem seine Bänder, vor allem das Kreuzband. „Ohne Kreuzband Skifahren – das geht nicht“, sagte Imhoff. Doch selbst für Profisportler bedeutet der Riss des Kreuzbandes heute nicht mehr das Aus der Karriere. So kann man das Band ersetzen, etwa durch körpereigene Sehnen. Die Chirurgen arbeiten zudem oft minimal-invasiv. Über kleine Schnitte führen sie die Operations-Instrumente und eine Kamera ein. Halt geben zunächst Schrauben aus Zucker. Sie lösen sich mit der Zeit selbst auf, eine zweite OP ist nicht nötig.

Therapien der Zukunft

Zu einem Eingriff rät Imhoff auch bei ausgeprägten X- oder O-Beinen. In jungen Jahren müssen die nicht unbedingt Probleme bereiten. Doch führt die Fehlstellung dazu, dass das Gelenk extrem einseitig belastet wird. Die Folge: schmerzhafter Verschleiß. Eine OP lohnt sich also als Investition in die Zukunft des Gelenks. „Man sollte die Beine rechtzeitig gerade stellen“, empfahl Imhoff. In Frage kommt eine so genannte Umstellungsosteotomie.

Wesentlich besser als im Sprunggelenk sind im Knie die Erfolge der Knorpeltransplantation. Gibt es hier größere Schäden, kann man etwa Knorpel an weniger belasteten Bereichen des Gelenks entnehmen. „Der körpereigene Knorpel heilt garantiert an“, verspricht Imhoff.

Ein relativ neues Verfahren ist die autologe Knorpelzelltransplantation. Hierbei werden körpereigene Knorpelzellen entnommen. Im Labor wächst dann daraus ein Knorpelstück, das in einer zweiten OP eingesetzt wird.

„Und wohin geht die Reise?“, fragte Imhoff. Große Hoffnung setzen Forscher auf Stammzellen. Mit ihrer Hilfe, so die Vision, ließe sich aus wenigen Zellen körpereigener Knorpel züchten, in beliebiger Menge – und das, ohne im Körper zuvor einen Schaden zu verursachen. Das könnte vielen Patienten in Zukunft einmal ein künstliches Gelenk ersparen.

Sonja Gibis

Was schmerz bei Ihnen?

Maretha Plätzer-Zevolic, 70, München.

Ich habe Probleme mit dem Meniskus im rechten Knie. Vom heutigen Abend erhoffe ich mir, zu erfahren, wann wirklich eine Operation notwendig ist. Da ich eine Patientin bin, die sehr viel nachfragt, komme ich nicht ganz ohne Vorbildung in die Veranstaltung. Aber hier kann ich sicherlich noch viele neue Informationen erhalten und weitere Fragen stellen.

Gertrud Trump, 78, München.

Vor zweieinhalb Jahren bin ich bei Glatteis ausgerutscht und auf einen Randstein gestürzt. Ober- und Unterschenkel waren verletzt. Beim Oberschenkel-MRT hat man später festgestellt, dass die Muskeln abgerissen sind. Man hätte gleich operieren müssen, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Ich möchte nachfragen, was es nun für Möglichkeiten gibt, da ich Schwierigkeiten beim Laufen habe und mir die Stabilität fehlt. Jetzt habe ich mir sogar einen Rollator gekauft.

Jakob Wachter, 65, Holzkirchen.

Da ich eine Sportverletzung am Knie habe, interessiere ich mich für das Thema. Ein wenig kenne ich mich schon aus, aber bestimmt erfahre ich von den Experten hier etwas Neues. Ich bin zum ersten Mal hier und erhoffe mir Hintergrundinformationen zu erhalten, vielleicht auch etwas über künftige Entwicklungen zu erfahren.

Ingetraud Forster-Lehner, 58, Ampermoching.

Ich habe mir in den Bergen beide Knöchel am linken Bein gebrochen und die Bänder gerissen. Seitdem bin ich ständig in Therapie. Ich gehe regelmäßig ins Fitnesscenter und zum Schwimmen. Aber es geht seit fünf Monaten nur sehr langsam bergauf, und ich möchte mich deshalb genauer informieren, was ich tun kann.

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