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Merkur-Sprechstunde zum Thema Schlaganfall

Was kann man tun, um einem Schlaganfall vorzubeugen? Welche Therapien helfen, wenn es einen getroffen hat? Die Gäste der Merkur-Sprechstunde zum Thema „Schlaganfall: Kann es jeden treffen?“ hatten viele Fragen.

Leser: Kann man nach einem Schlaganfall wieder Apnoe- und Gerätetauchen?

Prof. Roman Haberl: Nein. Zum einen tut dem Gehirn der damit verbundene Sauerstoffmangel nicht gut, zum anderen birgt Gerätetauchen das Risiko, durch Stickstoffembolien den Schlaganfall zu verstärken. -

Leser (57): Ich hatte einen Schlaganfall. Gibt es alternative Therapien neben Physio und Ergo?

Dr. Dietrich Weller: Je nach Störung sind Logopädie bei Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen zu empfehlen oder/und Neuropsychologie zum Beispiel bei Beeinträchtigung von Antrieb, Neglect (Wahrnehmungsstörung), Störungen der geistigen Fähigkeiten (Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Konzentration, Störungsbewusstsein). Einige Kliniken bieten Musik- und Kunsttherapie an. Patienten können auch von Entspannungsübungen wie Autogenem Training, Progressiver Muskelentspannung (nach Jacobson) oder von Yoga, Tai chi oder Chi Gong (z. B. Kurse in der Volkshochschule) profitieren. Regelmäßiger sozialer Kontakt mit positiv gestimmten Menschen, etwa in einer Selbsthilfegruppe, ist hilfreich. Auch an die Störung angepasster Sport wie in einer Schlaganfall-Sportgruppe hilft zur Verbesserung der Motorik, der geistigen und seelischen Genesung und der sozialen Anbindung.

Leser: Seit meinem Schlaganfall Ende 2010 wurden meine Medikameante nicht mehr verändert. Dabei liegt mein Blutdruck heute meist um die 115 zu 70 liegt. Sollte man das nicht anpassen? Kardiologe und Neurologe sind sich bei den Arzneien uneins. Wem soll ich glauben?

Prof. Haberl: Normalerweise ist eine Änderung nicht notwendig. Der Blutverdünner ASS wird üblicherweise lebenslang gegeben, der Cholesterinsenker mit dem Ziel, das LDL-Cholesterin auf Werte um 70 mg/dl (Milligramm pro Deziliter) zu senken, und die Blutdruckmedikation mit dem Ziel, stabile Werte um 130/80 mmHg (Millimeter auf der Quecksilbersäule) zu erreichen. Wenn Sie darunter liegen, sind Sie noch besser vor einem Schlaganfall geschützt, aber nicht mehr so gut vor einem Herzinfarkt.

Leser: Erhöhen Lebensmittel aus Massentierhaltung und hochbelastete Früchte das Schlaganfall-Risiko?

Prof. Haberl: Wahrscheinlich, wobei das „Gift“ nicht bekannt ist, wenn man vom Cholesterin einmal absieht. Bestimmte Nahrungsmittel wie zum Beispiel Kaffee, Kakao und grüner Tee schützen sogar – obwohl diese wahrscheinlich auch nicht schadstofflos sind!

Leser: Ich litt nach einem Schlaganfall an einer globalen Aphasie und einer schweren Sprachapraxie. Die Anschlussheilbehandlung ist vorbei, was kann ich jetzt noch tun, um das zu verbessern? Wer bezahlt solche Maßnahmen?

Dr. Weller: Rehabilitationsmaßnahmen auf Kosten der Krankenkasse kann man alle vier Jahre beantragen – aber auch schon früher, wenn medizinische Gründe dafür sprechen, dass durch die ambulante oder stationäre Reha eine Verbesserung der Beeinträchtigung zu erreichen ist. Das Wesentliche ist eine gute schriftliche Begründung des Antrags. Der Neurologe und der Hausarzt können ambulante Heilmittel (Physio- und Ergotherapie, Logopädie) mit Rezept verordnen. Den Rest müssen Sie selbst bezahlen. Zur Erklärung: In § 12 Sozialgesetzbuch V steht verbindlich für die gesetzlichen Krankenkassen: „Die (therapeutischen und diagnostischen) Maßnahmen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Das Maß des Notwendigen darf nicht überschritten werden.“ Ausreichend ist, was gerade zur Therapie oder Diagnose ausreicht – und es ist oft weit entfernt von gut. Wirtschaftlich ist, was die Kassen sich leisten können. Notwendig ist, was die Not wendet, aber auch nicht mehr. Diese Definitionen ermöglichen meist nicht das, was der Patienten gern hätte und was für begüterte Selbstzahler möglich ist.

Leser: Was können Betroffene und Angehörige selbst tun, um etwa Sprache und Schrift nach einem Schlaganfall zu verbessern?

Dr. Weller: Sie können regelmäßig auch mit Verwandten Schrift und Sprache mit viel Geduld an alltäglichen Beispielen üben, zum Beispiel den Einkaufszettel oder Notizen schreiben und vorlesen, Zeitungsartikel laut und leise lesen und besprechen. Wichtiger Leitsatz: Kein Tag ohne geschriebene und laut vorgelesene Zeile! Sprechen und schreiben Sie trotz Fehlern! Wichtig ist, dass Ihre Botschaft „rüberkommt“! Geben Sie einem Gesprächspartner, der Sie noch nicht kennt, am Anfang des Gesprächs die Information: „Ich habe einen Schlaganfall gehabt, ich spreche nicht so gut!“ Dann hört jeder aufmerksam und geduldig zu. Noch ein Rat: Werden Sie Mitglied in einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe! Die Internetseite der Schlaganfall-Hilfe www.schlaganfall-hilfe.de ist eine großartige Fundgrube von Stellen und Menschen, an die Sie sich wenden können. Dort finden Sie auch Literatur und Übungshinweise für den Alltag. Ambulante Therapie (je nach Störung Physio-, Ergotherapie, Logopädie oder Neuropsychologie) sollte ein regelmäßiger Bestandteil Ihres Alltags sein. Fassen Sie jeden alltäglichen Handgriff und Schritt, jeden Satz, jede Begegnung bewusst als Übungsmöglichkeit auf. Das verschafft Ihnen eine wirkungsvolle Dauertherapie.

Leser: Worin sehen Sie die Hauptursachen, warum Schlaganfall-Patienten immer jünger werden?

Prof. Haberl: Statistisch ist es wahrscheinlich nicht nachweisbar, subjektiv scheint es aber so. Ich glaube, dass der Schlaganfall einfach viel stärker ins Bewusstsein gerückt ist, woran auch die Medien mit ihrer Berichterstattung über junge Patienten einen Anteil haben. Viele der Schlaganfälle bei jungen Patienten sind „unverschuldet“, also nicht Folge von Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht, sondern Folge von Gefäßwandverletzungen (Dissektionen), oder unbemerkten Herzfehlern. Dagegen kann man sich leider nicht schützen.

Leser: Bei einem Ultraschall der Halsschlagader wurden nur minimale Ablagerungen festgestellt – lässt sich daraus schließen, dass das gesamte Gefäßsystem in Ordnung ist?

Prof. Haberl: Es gibt zwei Ultraschalluntersuchungen, die ein Indiaktor für ein gesundes oder krankes Gefäßsystem sind: Das ist die Doppleruntersuchung der Halsschlagadern und der sogenannte Knöchel-Arm Index (ABI). Leider schließen beide Untersuchungen eine koronare Herzerkrankung nicht sicher aus – und natürlich auch nicht die Schlaganfall-Ursache Vorhofflimmern.

Leser: Ich hatte Mitte März einen Schlaganfall im Kleinhirn. Eigentlich geht es mir ganz gut. Nur habe ich immer Kopfschmerzen und Schwindel, vertrage Lärm schlecht. Was kann ich tun?

Prof. Haberl: Schwindel nach einem Kleinhirninfarkt erfordert eine neurologische Untersuchung. Damit lassen sich andere Ursachen des Schwindels, insbesondere der gutartige Lagerungsschwindel, ausschließen. Zudem sollte ein langfristiges krankengymnastisches Gleichgewichtstraining erfolgen. Der Kopfschmerz kann noch auf den Infarkt zurückgehen, sollte jedoch in den folgenden Wochen von selbst zurückgehen.

Leser (74): Was halten Sie von dem Mittel Pradaxa, das vor einiger Zeit mit Meldungen von Todesfällen in die Schlagzeilen geraten ist? Ich leide an Herzrhythmusstörungen.

Prof. Haberl: Pradaxa gehört zu einer Gruppe von Arzneimitteln, die in den letzten Jahren klinisch geprüft wurden, um den Blutverdünner Marcumar zu ersetzen. All diese Medikamente haben den Vorteil, dass der Quickwert nicht mehr überprüft werden muss und weniger Hirnblutungen als Komplikation auftreten. Demgegenüber steht der Nachteil, dass die gerinnungshemmende Wirkung mit den Standard-Bluttests nicht messbar ist, und es im Fall der Blutung kein Gegenmittel gibt. Blutungen unter Pradaxa sind bei Nierenfunktionsstörungen häufiger. Ob bei Ihnen die Vorteile oder die Nachteile überwiegen, muss Ihr Hausarzt entscheiden.

Leser: Ich nehme seit Jahren Medikamente gegen Bluthochdruck. Seit einigen Monaten habe ich sporadisch ein Stechen im gesamten Kopfbereich, das nur Sekunden anhält. Ist das ein Warnzeichen oder woher kann das kommen?

Prof. Haberl: Das ist eher eine Neuralgie, also ein oberflächlicher Nervenschmerz, der nicht von den Hirnhäuten ausgeht. Sie sollten jedoch durch eine Langzeitblutdruckmessung sicherstellen, dass Sie keine Blutdruckspitzen – insbesondere nachts – haben.

Leser: Ich leide an Herzrhythmusstörungen, habe einen Schrittmacher. Seit Wochen habe ich jetzt immer wieder Schwindel, bin deshalb unsicher auf den Beinen. Teils kommen leichte Lähmungen an beiden Beinen hinzu. Könnten das Hinweise auf einen Schlaganfall sein?

Prof. Haberl: Eher nein. Sie benötigen jedoch eine neurologische Untersuchung.

Leserin (69): Bei mir wurde Koronarsklerose und eine belastungsinduzierte Ischämie der Hinterwand festgestellt. Was bedeutet das für mein Schlaganfallrisiko?

Prof. Haberl: Das Schlaganfallrisiko ist bei Ihnen deutlich niedriger als das Herzinfarktrisiko – diesem müssen Sie vor allen Dingen vorbeugen!

Leser: Ich hatte einen Schlaganfall, das Gerinnsel wurde mechanisch entfernt. Die Sprachstörung war dann weg. Zur Vorbeugung nehme ich jetzt ASS und Statine. Vier Wochen nach dem Infarkt wurde ich appetitlos und leide an einem Geschmacksdefizit. Sind die Medikamente oder der Schlaganfall die Ursache?

Prof. Haberl: Die Ursache sind eher die Medikamente als der Schlaganfall. Versuchen Sie ein anderes Statin.

Leser: In meinem Arztbrief steht „großer Infarkt im mittleren und hinteren Mediastromgebiet rechts“ und „cardioembolische Genese“. Was heißt das?

Prof. Haberl: Das ist ein Schlaganfall der mittleren Hirnader durch eine Embolie aus dem Herz.

Die Experten der Merkur-Sprechstunde Schlaganfall

Prof. Roman Haberl leitet die Klinik für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin am Klinikum Harlaching in München.

Dr. Dietrich Weller ist Arzt und nd war lange Vorsitzender einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe.

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