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Durch ein dünnes Röhrchen (Endoskop) bringt der Operateur feinste Instrumente bis zur Bandscheibe, um störendes Gewebe zu entfernen.

Rücken-Experte klärt auf

So funktioniert die Mini-OP an der Bandscheibe

Niemand legt sich gerne unters Messer. Aber mal Hand aufs Herz: Wenn’s an der Halswirbelsäule klemmt, dann wird der Bammel vor einer Operation oft noch ein bisserl größer.

Ist ja auch eine komische Vorstellung, dass der Arzt sein Skalpell ausgerechnet in der Nähe der Kehle ansetzt. Doch diese Ur-Angst ist absolut unbegründet. „Beim Zugang von vorne wird sogar wesentlich weniger Gewebe beschädigt als bei einem Schnitt am Rücken“, weiß Dr. Michael Schubert vom Münchner Apex Spine Center.

Der erfahrene Mediziner hat sich auf endoskopische Eingriffe an der Wirbelsäule spezialisiert – auch im Halsbereich. Bei dieser „Schlüsselloch“-Methode kommt Dr. Schubert mit kleinsten Schnitten und filigranen Instrumenten aus. So wie im Fall seiner Patientin Silke Stephan, die er besonders schonend von einem schweren Bandscheibenvorfall im Nacken befreien konnte. Hier erklärt der Rücken-Experte, wie diese Mini-OPs ablaufen, welche Vorteile sie gegenüber herkömmlichen Operationen haben und in welchen Fällen sie möglich sind.

Ich konnte kaum noch eine Tasse halten

Silke Stephan erwischte es auf kuriose Art und Weise: Als sie in der Yoga-Stunde einen Kopfstand machte, knackte es plötzlich in ihrem Genick. Zunächst dachte die gelernte Krankenschwester, sie hätte sich nur ein bisserl verrissen. Aber die Schmerzen wurden immer schlimmer. „Sie zogen vom Nacken über die Schulter bis tief in meinen rechten Arm. Die Finger kribbelten, ich hatte keine Kraft mehr in der Hand, konnte kaum noch eine Kaffeetasse halten.“

Die 45-Jährige bekam Schmerzmittel und Krankengymnastik verschrieben, doch ihre Beschwerden besserten sich nicht. Nach drei Wochen kam Silke Stephan in die „Röhre“ – bei der Kernspinuntersuchung (MRT) kristallisierte sich heraus, dass die Patientin unter einem schweren Bandscheibenvorfall zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel litt.

Trotz immer stärkerer Medikamente – darunter Opiate und hochdosiertes Kortison – ließen die Schmerzen nicht nach. „Ich konnte kaum noch schlafen, bin nachts immer wieder aufgestanden und im Wohnzimmer herumgelaufen, weil ich es im Bett nicht mehr ausgehalten habe.“

OP geglückt: Rücken-Spezialist Dr. Michael Schubert untersucht Patientin Silke Stephan.

Nach einer Leidenszeit von zehn Wochen entschloss sie sich, es mit einer Operation zu versuchen – und ging zu Dr. Schubert. „Ich konnte es kaum glauben“, erzählt Silke Stephan, „aber die Schmerzen waren sofort nach der OP weg – und sie kamen auch nicht wieder.“ Stattdessen kehrte die Kraft in ihrer Hand zurück, drei Wochen später konnte sie wieder zur Arbeit gehen.
Inzwischen ist seit dem Eingriff ein halbes Jahr verstrichen. „Ich habe bis heute keine Probleme mehr, auch wenn ich mal schwerer heben muss“, berichtet Silke Stephan. In ihrer Freizeit macht sie jetzt regelmäßig Rückentraining, um ihre Muskulatur zu stärken. Allerdings hält sie sich beim Yoga etwas zurück. „Einen Kopfstand mache ich sicher nicht mehr“, erzählt die sportliche Frau augenzwinkernd. „Aber im Lotossitz kann man ja auch ganz gut entspannen.“

Rücken-Spezialist Dr. Michael Schubert erklärt den Eingriff

Wie läuft die Mini-OP ab?

Der Patient bekommt eine sanfte Narkose, befindet sich in einer Art Dämmerschlaf — ähnlich wie bei einer Darmspiegelung. Durch einen winzigen Einstich schiebt Dr. Schubert ein Röhrchen bis zur Wirbelsäule vor, es hat einen Durchmesser von nur wenigen Millimetern. Im Inneren dieses Endoskops kann er filigrane Instrumente zum „Einsatzort“ bringen.

Was macht der Operateur genau?

Das Endoskop wird von vorne durch die Bandscheibe bis zum Vorfall auf deren Rückseite geschoben. Bei einem Vorfall bricht der äußere Ring der Bandscheibe, sozusagen ihre Ummantelung, und es tritt Gewebe aus. Dieses krebs­fleischartige Material wölbt sich in den ­Wirbelkanal, drückt dort auf die Nerven und verursacht so die Schmerzen (siehe MRT-Bild rechts). Der Operateur ergreift das ausgetretene Gewebe mit einer Mini-Zange und zieht diesen „Störenfried“ durch das Endoskop-Röhrchen heraus. Der Eingriff dauert 30 bis 45 Minuten.

Welche Vorteile hat diese Methode?

„Weil wir den Defekt praktisch von der Vorderseite aus beheben, müssen wir den Kanal mit dem empfindlichen Rückenmark gar nicht öffnen“, erklärt Dr. Schubert. Zudem bleibe den Patienten eine Versteifung des operierten Segments erspart. „Unser Zugang ist so winzig, dass die beschädigte Bandscheibe nicht wie bei einer herkömmlichen OP entfernt und durch einen künstlichen Platzhalter ersetzt werden muss. Die natürliche Beweglichkeit und Stabilität werden somit erhalten. Der Abschnitt muss nicht mit einem System aus Platte und Schrauben fixiert werden.“ Weitere Pluspunkte gegenüber einer Standard-OP: „Weil kaum Gewebe zerstört wird, ist der Eingriff vergleichsweise wenig belastend und das Komplikationsrisiko gering“, betont Dr. Schubert. Die Infektionsrate liege bei 0,01 Prozent, und die OP-Narbe sei kaum zu sehen.

Für welche Patienten kommt die Mini-OP infrage?

Bei einem sogenannten weichen Bandscheibenvorfall – so nennt man einen relativ frischen Defekt, nicht älter als einige Monate – ist eine endoskopische OP möglich. Dagegen können harte Vorfälle (hier ist das ausgetretene Gewebe bereits stark verwachsen oder verknöchert) nur in einer klassischen Operation entfernt werden. „Auch bestimmte Stenosen an den Nervenaustrittslöchern lassen sich endoskopisch behandeln“, berichtet Dr. Schubert. „Bei zentralen Stenosen, also Einengungen des zentralen Wirbelkanals, geht es allerdings nicht.“

Wie lange ist der Patient nach der Mini-OP außer Gefecht?

In der Regel muss der Patient zwei Nächte zur Überwachung im Krankenhaus bleiben. Er braucht keine Halskrause tragen, sollte aber etwa zwei Wochen lang nicht zur Arbeit gehen – bei stärkerer körperlicher Beanspruchung vielleicht auch etwas länger daheim bleiben. „Nach ungefähr drei Wochen darf man wieder schwimmen oder radeln, andere Sport­arten und schweres Arbeiten sind nach circa sechs Wochen wieder drin“, informiert Dr. Schubert.

Andreas Beez

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