Medizinischer Durchbruch?

Dank dieser neuen Technik brauchen Sie Darmkrebs nicht zu fürchten

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München - Gehört Darmkrebs in Deutschland bald der Vergangenheit an? Ein Münchner Professor und sein Team sagen der heimtückischen Krankheit den Kampf an - und sind auf einem guten Weg.

Es klingt vielleicht ein wenig verrückt, ist aber doch ein ganz realistisches Ziel der deutschen Fachärzte für Magen- und Darmerkrankungen: Im Jahr 2030 soll in Deutschland kein Mensch mehr Darmkrebs bekommen! Dass der Münchner Professor Wolfgang Schepp und seine Kollegen auf einem guten Weg sind, zeigen die aktuellen Statistiken des deutschen Krebsregisters: Die Zahl der Neuerkrankungen sank in den vergangenen zehn Jahren um gut 16 Prozent. Zwar erkranken noch jährlich etwa 62.000 Menschen in Deutschland an einem Tumor im Dickdarm, aber immerhin knapp 10.000 Frauen und Männern pro Jahr blieb dieses Schicksal erspart. 

Dazu trägt nach Meinung der Experten hauptsächlich die Früherkennung bei, bei der Vorstufen des Darmkrebses entfernt werden. Ein neues Gerät macht die Darmspiegelung jetzt noch effektiver – eine Kombination aus Greifarm, bombensicherer Verschlussklammer und elektrischer Schneideschlinge. Mit dem wenige Zentimeter großen Aufsatz für ein Koloskop können immer mehr der Polypen entfernt werden, die bisher noch vom Chirurgen operiert werden mussten. Im Klinikum Bogenhausen haben Professor Schepp, der leitende Oberarzt Dr. Martin Fuchs und ihr Team damit bereits sehr gute Erfahrungen gemacht: „Wir können jetzt vielen Patienten eine Operation ersparen.“

Wie wird der Darm gespiegelt?

In Deutschland wird ab einem Alter von 55 Jahren eine Darmspiegelung empfohlen, die Kosten tragen die Krankenkassen. Das Darmkrebsrisiko steigt mit dem Alter stark an. Damit der Arzt die Darmschleimhaut vollständig beurteilen kann, muss der Darm komplett leer sein. Dann wird vom After her ein flexibles steuerbares Videokoloskop in den Dickdarm eingeführt, der damit vollständig bis in den unteren Dünndarm untersucht wird. Falls Polypen entdeckt werden, werden diese nach Möglichkeit gleich entfernt.

Was ist die Schlingentechnik?

Entdeckt der Arzt eine Wucherung der Schleimhaut, kommt zunächst die elektrische Schlinge zum Einsatz. Das ist einfach bei gestielten Polypen, die wie ein Pilz auf einem dünnen Stiel wachsen, wird komplizierter bei breitbasig aufsitzenden Gebilden und noch schwieriger bei völlig flachen Veränderungen. Professor Wolfgang Schepp: „Das Ziel ist ja immer, die Wucherung komplett zu entfernen.“ Sonst ist das Rezidiv vorprogrammiert, eine erneute Wucherung an gleicher Stelle und einen weiteren Eingriff will man dem Patienten ersparen. Schepp: „Die Schlingentechnik ist schwierig bei Polypen am Anfang des Dickdarms, wo der Dünndarm einmündet. Es ist risikoreich, wenn Adenome über Falten in der Darmwand hinweg wachsen oder wenn wir vermuten, dass es sich schon um bösartig veränderte Wucherungen handelt.“ Dann ist es ganz besonders wichtig, den Minitumor ganz im Gesunden zu entfernen: An den Seitenrändern sowie am Boden der Geschwulst muss ein Sicherheitsabstand von gesundem Gewebe mit entfernt werden. In all diesen bisher sehr schwierigen Fällen kommt nun die neue Methode zum Einsatz: die endoskopische Vollwandresektion.

Lebenserwartung bei Krebs gestiegen

Wer profitiert von der neuen Technik?

Die Vollwandresektion erfolgt nur in darauf spezialisierten Krankenhäusern. Patienten mit verdächtigen oder schwierig zu erreichenden Polypen werden von ihrem Gastroenterologen an die Klinikärzte überwiesen. Professor Schepp schätzt, dass von 100 Patienten, die zu einer normalen Vorsorge-Koloskopie gehen, etwa zwei für die neue Technik infrage kommen.

Was ist eine Vollwandresektion?

In vielen Fällen, in denen bisher der Chirurg übernehmen musste, können Patienten jetzt schonend und sicher endoskopisch behandelt werden. Möglich macht es ein kleines ringförmiges Gerät, das direkt auf das Endoskop aufgesteckt wird. Es entfernt in einem Arbeitsgang gut- oder bösartige Veränderungen von bis zu gut drei Zentimetern Durchmesser, und zwar in der gesamten Dicke der Darmwand. Dr. Martin Fuchs: „Der Arzt zieht das Gewebe mit einem speziellen Greifarm unter endoskopischer Sicht in das Aufsatzgerät hinein.“ Das muss sehr vorsichtig geschehen, damit das kranke Gewebe nicht abreißt. Ist der ganze Polyp eingezogen, löst der Arzt den Mechanismus aus. Das kranke Gewebe wird in der gesamten Tiefe der Darmwand mit einer großvolumigen Metallklammer zuverlässig gefasst, oberhalb abgetragen, und zur Basis hin zuverlässig abgedichtet. Prof. Schepp: „Wir schneiden praktisch ein Loch in die Darmwand, das im selben Arbeitsgang sofort wieder verschlossen wird.“

Auch mit der neuen Technik ändert sich nichts an der Darmspiegelung.

Was sind die Vorteile?

Das in ganzer Tiefenausdehnung herausgeschnittene kranke Gewebe wird nach außen geborgen, auf einer kleinen Korkplatte aufgespannt, in Formalin getaucht und dem Pathologen zur Begutachtung geschickt. Fuchs: „Er kann daran sehr gut sowohl die Seitenränder als auch die Unterseite der abgetragenen Wucherung begutachten. Selbst wenn es sich schon um bösartiges Gewebe handelt, kann er mit großer Sicherheit sagen, ob alles wirklich vollständig entfernt wurde. Es ist möglich, die Eindringtiefe mikrometergenau zu bestimmen. Professor Schepp: „Liegt die Eindringtiefe bösartiger Zellen in die unter der Schleimhaut gelegene Bindegewebsschicht unter einen Millimeter, muss der Patient nicht nachoperiert werden. Dann ist das Risiko für einen Lymphknotenbefall durch den Tumor sehr gering.“ Bisher wurden solche Patienten nachoperiert, wobei vorsorglich benachbarte Lymphknoten entfernt wurden. Schepp: „Das können wir den Patienten jetzt ersparen, ohne sie einem Krebsrisiko auszusetzen.“

Darmkrebs: Fetter Fisch hemmt Tumorwachstum

Hintergrund: Der Dickdarm

Der Dickdarm ist einen bis 1,5 Meter lang, etwa sechs Zentimeter dick und besteht aus dem Blinddarm mit Wurmfortsatz, Grimmdarm und Mastdarm. Der Dünndarm mündet im rechten Unterbauch in den Dickdarm, dieser umgibt den Dünndarm dann wie ein Rahmen. Die Dickdarmschleimhaut hat keine Zotten wie die des Dünndarms, vielmehr besitzt sie eine große Anzahl von Schleimdrüsen, um den eingedickten Stuhl gleitfähig zu machen. Darmkrebs entwickelt sich über viele Jahre. Eine erste noch harmlose Stufe sind gutartige Wucherungen der Schleimhaut, sie werden Adenome oder Polypen genannt. Manche wachsen warzenartig als kleine Hügel, andere wie gestielte Pilze. Die Wucherungen können harmlos bleiben, oder sich zu Tumoren entwickeln, die in die Darmwand hineinwachsen und, wenn sie Lymphknoten befallen, im ganzen Körper Metastasen bilden können.

Hat eine neuartige Art der Darmkrebsvorsorge entwickelt: der Münchner Professor Wolfgang Schepp.

Das sagt der Experte - Professor Schepp im Interview

Noch immer gehen wenige Menschen zur Darmspiegelung, selbst wenn die Krankenkasse dazu einlädt. Deprimiert Sie das?

Professor Wolfgang Schepp: Das stimmt leider, aber dennoch kommen mehr Menschen als ohne diese speziellen Einladungen, die ein großer Fortschritt sind. Der Anteil derer, bei denen man Vorstufen findet und entfernt, so dass diese Menschen keinen Darmkrebs mehr bekommen, ist erheblich. Etwa ein Drittel der Erwachsenen über 55 hat zumindest einen Polypen im Darm! Ich denke, mit der Zeit wird das Bewusstsein in der Bevölkerung wachsen, ähnlich wie es bei der Brustkrebsvorsorge gewachsen ist. Erst 2002 wurde die Darmspiegelung im Rahmen der gesetzlichen Früherkennung eingeführt. Wir stehen also am Anfang, die Erfolge im Rückgang der Erkrankungsraten sind jedoch schon sehr beachtlich.

Viele schreckt die Darmreinigung zur Vorbereitung ab!

Schepp: Das ist auch wirklich unangenehm. Die Lösungen schmecken mehr oder weniger gut, aber die Reinigung mit der Konsequenz, dass man 20-mal zur Toilette geht, bis der Darm leer und sauber ist, bleibt einem nicht erspart. Egal mit welcher Technik die Koloskopie erfolgt, der Darm muss leer sein. Bei der radiologischen Methode („virtuelle Koloskopie“), wo der Darm computertomografisch dargestellt wird, muss er sogar noch sauberer sein als bei der realen Endoskopie, bei der der Arzt mit dem Endoskop vor Ort spülen und saugen kann.

Gibt es da keine bessere Lösung?

Schepp: Es gibt die Idee, dass man vor der computertomografischen Koloskopie ein Mittel schluckt, das den Stuhl röntgendicht markiert, sodass Wucherungen der Darmschleimhaut als Aussparungen sichtbar werden. Das probiert man schon seit etlichen Jahren, ist bis heute aber leider nicht erfolgreich nutzbar. Und selbst wenn: So nachgewiesene Tumore oder Polypen müssen feingeweblich diagnostiziert (biopsiert) bzw. entfernt werden. Das ist computertomografisch nicht möglich, und dann muss sich auf jeden Fall eine reale Darmspiegelung anschließen!

Professor Wolfgang Schepp ist Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie im Klinikum Bogenhausen.

Informieren Sie sich

Morgen, am Mittwoch, 15. März, findet von 16 bis 18 Uhr, im Hörsaal des Klinikums Bogenhausen (Englschalkingerstraße 77) eine Veranstaltung zum Thema „Darmkrebs verhindern“ statt. In leicht verständlichen Vorträgen geht es darum, kein Darmkrebspatient zu werden! Der Eintritt ist frei.

sus

Rubriklistenbild: © dpa

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