+
Jedes Jahr werden in Deutschland 40.000 Patienten stationär oder ambulant wegen Morbus Dupuytren im Krankenhaus behandelt.

Therapie in Deutschland nicht zugelassen

Die Krankheit der krummen Finger

Vor 180 Jahren stellte der französische Arzt Baron Guillaume Dupuytren die Erkrankung der krummen Finger zum ersten Mal in Paris vor – daher heißt das Leiden Morbus Dupuytren (gesprochen: Düpüträn).

Dr. Bernhard Lukas, Chefarzt des Zentrums Hand- und Mikrochirurgie der Schön-Klinik in München Harlaching

In der Handinnenfläche bilden sich Knoten aus Bindegewebe ( Morbus Dupuytren ) ist . Diese Wucherungen können sich zu einem Strang verbinden, der einzelne Finger nach innen zieht. Die eigentlich gutartige Krankheit ist ebenso rätselhaft wie heimtückisch: Der Auslöser ist unbekannt und der Verlauf nie vorhersehbar. Manchmal machen Knoten jahrelang keine Probleme, manchmal dagegen ist der Finger binnen weniger Wochen krumm. Zwar ist die Krankheit, die gut 1,9 Millionen Menschen in Deutschland quält, nur selten mit Schmerzen verbunden. Doch ein oder zwei abgewinkelte Finger stören im Alltag – sie behindern beim Greifen, sind unangenehm beim Händeschütteln. Redakteurin Susanne Stockmann sprach mit Dr. Bernhard Lukas, Chefarzt des Zentrums Hand- und Mikrochirurgie der Schön-Klinik in München Harlaching, über die besten Behandlungsmethoden und warum eine vor einem Jahr als Durchbruch gefeierte Therapie nur noch selten angewandt wird.

Die Krankheit gilt als unheilbar, wann sollte mit einer Therapie begonnen werden?

Einzelne Finger werden von einem Strang aus Bindegewebe nach innen gezogen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Krankheit zu behandeln, doch sie kommt trotzdem meistens wieder.

Dr. Bernhard Lukas: Wir unterscheiden verschiedene Stadien. In einem frühen Stadium, wenn die Knotenbildung noch auf die Hohlhand beschränkt ist, kann man versuchen, das Weiterwachsen der Knoten mittels einer Strahlentherapie zu bremsen. Die Methode ist umstritten, denn man braucht erfahrene Strahlentherapeuten, die mit der richtigen Dosis von Röntgenstrahlen oder Elektronen arbeiten müssen, um nur erkranktes und nicht gesundes Gewebe zu zerstören. Und es gibt Patienten, die gar nicht darauf ansprechen. Wir versuchen, die Finger nachts zu schienen, um der Beugung entgegenzuarbeiten. Alle anderen Methoden dienen dazu, den Kollagenstrang zu durchtrennen oder zu entfernen. Aber diese Methoden wenden wir erst an, wenn ein Finger dauerhaft 20 bis 25 Grad gebeugt ist.

Sie warten lieber ab?

Lukas: Die Krankheit neigt dazu, zurückzukommen. Daher kann man nicht sagen, mit einer schnellen Operation schaffe ich das Problem aus der Welt. Um die für ihn beste Behandlung zu finden, sollte sich der Patient an einen Arzt wenden, der Erfahrung in Handchirurgie und allen Behandlungsmethoden des Morbus Dupuytren hat. Handelt es sich um einen gut tastbaren und abgegrenzten Strang, können wir diesen mit mehreren gezielten Nadelstichen durch die Haut, der sogenannten perkutanen Nadelfasziotomie, durchtrennen oder ihn mit einer Enzymspritze, der Kollagenase, auflösen. Ist die Verhärtung eher flächig oder stehen die Fingermittelgelenke in fixierter Beugestellung, bleibt nur die Operation an der offenen Hand als Möglichkeit der Wahl.

Vor gut einem Jahr wurde die Kollagenase als Durchbruch gefeiert, warum ist sie jetzt unter ferner liefen?

Lukas: Das Medikament hat in Deutschland keine Zulassung als Arzneimittel bekommen, die Krankenkassen müssen es nicht bezahlen, somit hat der Pharmakonzern Pfizer das Präparat vom deutschen Markt zurückgezogen. Eine einmalige Spritze bezogen aus einem Nachbarland kostet etwa 1400 Euro, daher ist es für die allermeisten Patienten zu teuer. Die Wirkung der Enzyme ist verblüffend, nach einer Wartezeit von 24 Stunden ist der Gewebestrang soweit aufgelöst, dass wir nur am Finger ziehen müssen, der Strang bricht, und der Finger ist gerade. Andererseits gibt es auch Nebenwirkungen: Manche Patienten zeigen allergische Reaktionen, und die Spritze darf nicht zu tief gesetzt werden, weil sonst die Beugesehne mit aufgelöst wird. Die Nadelfasziotomie, die es schon seit über 20 Jahren gibt, ist von der Wirkung sehr ähnlich. Mit dem Vorteil, dass das Risiko, die Sehne zu verletzen, geringer ist und der Arzt nicht warten muss, sondern den Strang sofort durchtrennen kann. Bei beiden Methoden gibt es jedoch die hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Leiden zurückkehrt. Es ist trotzdem eine gute Möglichkeit für jemanden, der schnell wieder arbeiten möchte. Bei einer Handoperation ist man mindestens vier, manchmal acht Wochen außer Gefecht gesetzt.

Die Operation an der offenen Hand ist das letzte Mittel?

Lukas: Ja, weil man eine Hand nicht unbegrenzt oft operieren kann. Wir arbeiten unter dem Mikroskop und mit Lupenbrillen, sodass die feinen Gefäße und Nerven nicht beschädigt werden. Doch bei jeder Operation bilden sich Narben zusätzlich zum möglichen Nachwachsen des Kollagenstrangs und es wird immer schwieriger, zu operieren. Zweimal geht es meist sehr gut, aber bei der dritten Operation kann es schon passieren, dass der Finger taub oder kälteempfindlich wird. Wenn Patienten ihren Finger nicht mehr spüren, ist das auch sehr hinderlich.

Kommt es zu Amputationen?

Lukas: Das ist in extrem seltenen Ausnahmefällen nötig, wenn sich Patienten zum Beispiel verletzen, weil sie kein Gefühl mehr im Finger haben oder der steife Finger stört. Meist betrifft es den kleinen Finger.

Interview Susanne Stockmann

Schwierige Suche nach der Ursache

Eine Studie an der Uni in Hannover testet gerade, ob die Knoten im Anfangsstadium mit Stoßwellen zerstört werden können. Dr. Lukas ist da skeptisch: „Ich habe jetzt erstmals auf einem Kongress Daten gesehen. In der Studie wurde eine Gruppe von 26 Personen nach drei Monaten nachuntersucht, der Zeitraum ist viel zu kurz, um daraus schon Schlüsse zu ziehen, da muss man wirklich abwarten. Früher dachte man, Laser, Cortison oder Bienengift könnten helfen. Aber in der Praxis hat sich das alles nicht bewährt.“ Seiner Meinung nach muss man an der Ursache der Erkrankung ansetzen, und die ist nach heutigem Wissensstand genetisch bedingt. Die Lage der Genabschnitte ist bekannt. Die Krankheit wird dominant vererbt, bricht aber nicht zwangsläufig aus, sondern überspringt auch mal eine Generation. Verletzt sich ein Genträger jedoch an der Hand, kann das dazu führen, dass erste Knoten wachsen. Ebenfalls können Verletzungen im Anfangsstadium der Krankheit dazu führen, dass sie auf einmal sehr schnell fortschreitet. Auch schwere körperliche Arbeit gilt als Risikofaktor, ebenso scheinen Kletterer häufig betroffen zu sein. Als mögliche Erklärung gilt, dass kleine Verletzungen im Bindegewebe zu den Wucherungen führen könnten.

Was ist Morbus Dupuytren?

In der Handinnenfläche, der Hohlhand, schützt unter der Haut eine Platte aus Bindegewebe die Sehnen und Nerven. Dieses Gewebe, das normalerweise weich und geschmeidig ist, beginnt zu wuchern und bildet Knoten, die sich zu einem harten Strang verbinden können. Wächst dieser Kollagenstrang Richtung der Finger oder über die Gelenke hinaus, zieht er einen oder mehreren Finger nach innen. Sie lassen sich nicht mehr strecken! Viele Patienten gehen zum Arzt und denken, die Beugesehne sei verkürzt. Am häufigsten ist der Ringfinger betroffen, gefolgt vom kleinen Finger. Wenn Finger sehr lange gebeugt sind, bleiben sie meist auch nach einer Behandlung krumm. Daher sollte man nicht zu lange mit einer Therapie warten.

Ein Leiden der Älteren

Die Krankheit betrifft hauptsächlich ältere Patienten. Geschätzt wird, dass jeder dritte 70-Jährige unter verkrümmten Fingern leidet. Im Alter schreitet die Erkrankung meist langsamer fort. Männer sind häufiger betroffen, und sie erkranken schon im jüngeren Alter.

Von dem Leiden ist häufig nur eine Hand betroffen, und wenn beide Hände krank werden, dann geschieht dies zeitversetzt. Wucherungen des Bindegewebes gibt es auch an der Fußsohle. Diese gutartigen Tumore können beim Gehen für große Probleme sorgen, die Krankheit heißt dann Morbus Ledderhose.

Morbus Dupuytren ist eine chronische Erkrankung. Nach einer Operation kehrt das Leiden bei jedem fünften Patienten zurück, bei der Nadelfasziotomie und der Kollagenase ist die Rückfallquote noch höher.

sus

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Plätzchenzeit: Darum sollten Sie besser nicht rohen Teig naschen
Klebrig, süß und lecker: Es gibt wohl für Naschkatzen nichts Schöneres, als beim Plätzchenbacken rohen Teig zu naschen. Doch das kann böse ins Auge gehen.
Plätzchenzeit: Darum sollten Sie besser nicht rohen Teig naschen
Junge Frau verliert fast Hälfte ihres Gewichts - ganz ohne Diät
Eine junge Frau wiegt 120 Kilo – und hat genug davon. Sie halbiert schließlich fast ihr Gewicht – ohne zu hungern. Stattdessen setzt sie auf eine bewährte Methode.
Junge Frau verliert fast Hälfte ihres Gewichts - ganz ohne Diät
Starke Waffen mit Nebenwirkungen: Was Biologika können
Biologika werden mit Hilfe von Gentechnik in lebenden Zellen hergestellt. Sie wirken sehr gezielt und können Menschen mit Rheuma oder Diabetes helfen. Es gibt aber auch …
Starke Waffen mit Nebenwirkungen: Was Biologika können
Ab wann Grübeln besorgniserregend ist
Kreisende Gedanken kennt jeder. Doch den einen oder anderen lassen sie nicht los und schränken den Alltag ein. Doch es gibt Methoden, die das Problem schnell lösen.
Ab wann Grübeln besorgniserregend ist

Kommentare