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Antikörper sollen dabei helfen, die gefährlichen Eiweißablagerungen an den Nervenzellen zu entfernen.

Unikliniken entwickeln neue Medikamente

In München werden Antikörper gegen Alzheimer getestet

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In München laufen derzeit die Vorbereitungen für klinische Studien mit neuen Alzheimer-Medikamenten. Diese Therapien auf der Basis von sogenannten Antikörpern haben unter Fachleuten weltweit bereits für großes Aufsehen gesorgt.

Sie könnten die Medizin im Kampf gegen die Volkskrankheit einen entscheidenden Schritt voranbringen.

Vom „erfolgsversprechendsten Ansatz seit Jahren“ ist die Rede, von einer „großen Chance“. Zugleich aber warnen Spezialisten vor überzogenen Erwartungen. Diese Zurückhaltung ist heilsamen Erfahrungen geschuldet – schon mehrfach hatten die Wissenschaftler bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe Rückschläge einstecken müssen. Dementsprechend vorsichtig äußern sie sich nun zu den Antikörper-Therapien.

„Es wäre verhängnisvoll, falsche Hoffnungen zu wecken“, sagt Dr. Katharina Bürger, Leiterin der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum Großhadern. In ihrem Haus und im Klinikum rechts der Isar werden ab Februar die ersten Patienten mit den neuen Antikörper-Medikamenten behandelt. Die wichtigsten Fragen dazu beantwortet Dr. Bürger zum Abschluss des großen, vierteiligen tz-Alzheimer-Reports.

Antikörper gegen Alzheimer

Wie sollen die neuen Antikörper-Therapien wirken? Alzheimer, die häufigste Form der Demenzerkrankungen, wird durch bestimmte Eiweißablagerungen im Gehirn verursacht. Sie zerstören die Nervenzellen – ein schleichender Prozess, der sich über Jahre und Jahrzehnte oft unbemerkt vollzieht. Bei den Antikörper-Therapien geht es darum, diese sogenannten Amyloid-Plaques und ihre löslichen Vorstufen loszuwerden.

Dabei sollen Antikörper eine entscheidende Rolle spielen. Das sind bestimmte Eiweiße, die der Körper normalerweise auch selbst bildet. In diesem Fall aber werden sie im Labor gezüchtet und praktisch nutzbar gemacht. Die Antikörper sollen wirken wie eine Art Spähtrupp, der die Fresszellen (spezialisierte weiße Blutkörperchen) zu den Amyloid-Plaques und ihren Vorstufen führt.

Weil Antikörper eingesetzt werden, ist oft auch von einer Immunisierung oder Impfung gegen Alzheimer die Rede.

Welche Patienten kommen für die neue Therapie in Frage? Verschiedene Pharma-Unternehmen haben Antikörper-Medikamente entwickelt, die nun im Rahmen von klinischen Studien erprobt werden sollen bzw. müssen, bevor sie zugelassen werden können. Dazu gehört auch der Konzern Biogen. An dessen Studie beteiligen sich die beiden Münchner Unikliniken. „Jede Klinik kann 10 bis 30 Patienten aufnehmen“, erläutert Dr. Bürger.

Geeignet sind Menschen, die in einem frühen Stadium an Alzheimer erkrankt sind. Nur dann – das haben erste Testreihen ergeben – hat die Behandlung Aussicht auf Erfolg.

Wie läuft die Behandlung ab? Die Patienten werden in zwei Gruppen unterteilt: Zwei Drittel bekommen den Wirkstoff, ein Drittel ein Placebo. Keiner weiß, zu welcher Gruppe er gehört. Das Medikament bzw. das Placebo werden alle vier Wochen als Infusion verabreicht – zunächst über eineinhalb Jahre. Anschließend bekommen alle Patienten den Wirkstoff für weitere zwei Jahre.

„Während der Studie haben die Teilnehmer regelmäßige Kontrolluntersuchungen“, erläutert Dr. Bürger. Dazu zählen auch Magnetresonanztomografien des Schädels. Mit den MRT wollen die Mediziner unter anderem Wasser­einlagerungen im Gehirn frühzeitig erkennen – eine mögliche Nebenwirkung, die sich in ersten Testreihen herauskristallisiert hat. „Diese Wassereinlagerungen haben sich in den allermeisten Fällen nach Absetzen des Medikaments wieder zurückgebildet“, betont Dr. Bürger.

Wer kann an der Studie teilnehmen und wie kann man sich dafür anmelden? „Die Studie richtet sich an Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen, also nachlassender Hirnleistungsfähigkeit – verbunden mit Hinweisen auf eine zugrundeliegende Alzheimer-Erkrankung“, erläutert Dr. Bürger. Wer mitmachen möchte, muss sich zu einer Untersuchung in den Gedächntisambulanzen der Unikliniken anmelden. „Dabei scheiden in der Regel sehr viele Patienten von vornherein aus“, weiß die Spezialistin. „Nicht immer müssen Gedächtnisschwierigkeiten Alzheimer bedeuten. Sie können auch andere Ursachen haben, etwa psychische Erkrankungen wie Depressionen. Sogar Schlafapnoe oder übermäßiger Alkoholgenuss sind mögliche Ursachen.“

Falls die Studie die erhofft positiven Ergebnisse bringen sollte: Wann könnten dann alle Alzheimer-Patienten von den neuen Medikamenten profitieren? „Mit ersten Ergebnissen ist frühestens in einigen Jahren zu rechnen – und nach deren Auswertung werden weitere Jahre vergehen, in denen die Mittel Zulassungsverfahren durchlaufen müssen“, so Dr. Bürger. „Eine Heilung der Alzheimer-Demenz ist also in den nächsten Jahren leider weiter nicht in Sicht.“

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