Symbolbild von Händen mit einem Stethoskop vor weißem Kittel
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Ärzte können nur zu einer Behandlung raten, entscheiden muss der Patient

Operieren oder nicht: Patienten sollten sich vor der Entscheidung gut informieren

Keine Angst vor der Zweitmeinung

  • Susanne Stockmann
    vonSusanne Stockmann
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Wer ernsthaft erkrankt, wünscht sich einfach die bestmögliche Behandlung. Doch ist wirklich eine Operation nötig, oder gibt es nicht auch ebenso gute Alternativen? Weil das Vertrauen in die Behandlung wichtig ist für den Erfolg der Therapie, raten immer mehr Ärzte: Holen Sie sich eine Zweitmeinung!

Wie sag‘ ich es nur meinem Arzt? Was denkt er, wenn ich eine zweite Meinung haben möchte, bevor die Behandlung beginnt? Er muss doch glauben, dass ich seine Kompetenz anzweifle! „Das ist ein veraltetes Denken“, beruhigt der Münchner Orthopäde Dr. Johannes Schauwecker: „Vor einer belastenden Therapie oder einer Operation eine Zweitmeinung einzuholen, ist mittlerweile medizinischer Alltag.“ Bei einigen planbaren Operationen wie Gelenkersatz, den Herzkatheter oder auch Mandel- oder Gebärmutterentfernungen haben die Patienten sogar ein Recht darauf!

Dr. Schauwecker ermutigt seine Patienten in vielen Fällen, einen weiteren Spezialisten um Rat zu fragen: „Der Patient soll ja selbst hinter der Therapie-Entscheidung stehen. Das trägt entscheidend zum Erfolg der Behandlung bei.“ Nichts sei ungünstiger als ein unzufriedener Patient, der später ins Grübeln kommt und alles anzweifelt. Oft sei es ja auch so, dass es kein unbedingt Richtig oder Falsch gebe: „In vielen Fällen sind unterschiedliche Therapiestrategien möglich und es ist nicht sicher geklärt, welche Behandlung erfolgreicher ist.“ Nur selten gehe es ja wirklich um Leben und Tod. Viel häufiger muss die Frage beantwortet, ob schon alle konservativen Methoden ausgeschöpft sind, und wirklich nur eine Operation mit all ihren Risiken den größten Nutzen für den Menschen bringt.

Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten

Obwohl die Überprüfung ihres ärztlichen Rats für viele Experten schon zum Alltag gehört, sind die Kriterien nicht ganz klar geregelt. Die rechtliche Lage ist ein bisschen verwirrend. Schon 2015 hatte der Gemeinsame Bundesausschuss im sogenannten Versorgungsstärkungsgesetz festgelegt, dass bei „planbaren mengenanfälligen Eingriffen“ ein Recht auf eine Zweitmeinung besteht und die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Das war eine Reaktion auf statistische Auswertungen der Bertelsmannstiftung, die zeigten, dass in manchen Gegenden Deutschlands häufiger operiert wird, als in anderen. So werden Kindern in Bremerhaven die Mandeln acht mal häufiger entfernt als in anderen Landkreisen. Ähnlich große regionale Unterschiede, die medizinisch nicht erklärbar sind, gibt es bei Kaiserschnitten, der Entfernung der Prostata oder dem Einsatz eines Defibrillators am Herzen. Im Jahr 2017 wurden als Indikationen für eine Zweitmeinung zunächst Mandeloperationen und Gebärmutterentfernungen aufgenommen. Viele Krankenkassen jedoch haben intern ihre eigenen Listen von planbaren Operationen erstellt, bei denen sie ihre Patienten durchaus zur Überprüfung der Behandlungsempfehlung ermutigen.

72 Prozent der Patienten entscheiden sich für eine andere Therapie

Eine repräsentative Umfrage der Barmer GEK und der Bertelsmannstiftung unter 1598 Befragten hat 2016 ergeben, dass 72 Prozent derjenigen, die einen zweiten Arzt hinzugezogen haben, daraufhin ihre Entscheidung zumindest teilweise geändert hatten. Die meisten gesetzlichen Krankenkassen bieten den medizinischen Zusatzcheck an, wenn es um Eingriffe an der Wirbelsäule, Hüfte, Knie oder Schulter geht. Auch bei Krebsdiagnosen stehen viele Versicherer einer erneuten Begutachtung nicht im Weg. Die Krankenkassen helfen zudem bei der Suche nach einem geeigneten Spezialisten. Die Angebote unterscheiden sich jedoch von Kasse zu Kasse. Nachfragen lohnt sich.

Wer eine Zweitmeinung einholen möchte, sollte den behandelnden Arzt informieren und darum bitten, Berichte, Laborwerte und z.B. Ergebnisse von Röntgen- oder MRT-Untersuchungen ausgehändigt zu bekommen. Patienten haben das Recht, ihre Akten einzusehen. Sie können auch eine elektronische Abschrift verlangen. Der Arzt darf lediglich die Kosten für Kopien in Rechnung stellen. Gut zu wissen!

Wer dennoch das klärende Gespräch mit seinem Arzt scheut, der sollte folgendes wissen: Generell gilt für Patienten die freie Arztwahl. Jeder kann bei Zweifeln jederzeit zu einem weiteren Mediziner gehen und sich untersuchen lassen.

Der Münchner Orthopäde und Privatdozent Dr. Johannes Schauwecker

Der Privatdozent Dr. Johannes Schauwecker praktiziert im Orthopädiezentrum München Ost. Weitere Infos finden Sie hier.

Werden Sie oft um eine Zweitmeinung gebeten?
Dr. Johannes Schauwecker: Ja, ich mache das regelmäßig.
Wie läuft das ab?
Schauwecker: Das kommt darauf an. Manche Patienten sagen vorher, dass es um eine zweite Meinung geht, und bringen dann ihre Untersuchungsunterlagen und alle Befunde mit. Andere wollen zwar eine zweite Meinung hören, halten sich jedoch meist bis zum abschließenden Gespräch bedeckt. Beides ist in Ordnung. Die Patienten werden auf jeden Fall von mir eine fundierte Meinung bekommen.
Untersuchen Sie die Patienten selbst?
Schauwecker: Die Patienten werden immer ausführlich befragt und untersucht. Wenn bildgebende Dokumente vorhanden sind, muss man diese natürlich nicht wiederholen. Das spart dem Patienten zum Beispiel eine Strahlenbelastung und dem Gesundheitssystem Geld. Dann sichte ich alle Ergebnisse und Unterlagen und erstelle meine Therapie-Empfehlung.
Wenn Ihre Meinung vom ersten Arzt abweicht, hat der Patient jedoch ein Problem.
Schauwecker: Das kann sein, vielleicht möchte er dann noch einen dritten Arzt hinzuziehen. Aber meist kann man ja nachvollziehen, wie es zu der einen oder anderen Therapie-Empfehlung kommt. Rät zum Beispiel ein Arzt zu einer Operation und der zweite nicht. Dann ist es möglich, dass der erste Arzt glaubt, andere Methoden hätten keinen Benefit mehr für den Patienten, daher wäre es besser gleich zu operieren. Der zweite Arzt hat aber vielleicht gute Erfahrungen mit einer speziellen konservativen Therapie gemacht. Bei der Aufklärung sollte man alles so diplomatisch und detailliert wie möglich erläutern. Dann sollte der Patient entscheiden, mit welcher Behandlung er sich wohlfühlt.
Patienten sollen immer mehr selbst entscheiden. Aber wenn es darum geht, welche Implantate eingesetzt werden, wird das doch sehr schwierig, oder?
Schauwecker: Das stimmt, auch ich verlasse mich ja z. B. darauf, dass mir ein Automechaniker die richtigen Bremsscheiben ins Auto einbaut. Aber bei Gelenkersatz-Operationen schreibe ich den Patienten auch immer auf, welches Implantat ich verwenden möchte. Dann können sie sich auch zum Implantat eine Zweitmeinung einholen oder im Internet recherchieren. Durch die Einführung des Implantat-Registers hat sich die Informationslage in diesem Bereich schon deutlich verbessert.
Kann es sein, dass z.B. der erste Orthopäde schneller zu einer Operation rät als der zweite, weil er damit mehr verdienen kann?
Schauwecker: Das würde ich nicht sagen, und außerdem würde man ja am meisten verdienen, wenn man zunächst alle anderen Verfahren ausprobiert und dann operiert. Manchmal, wenn absehbar ist, dass eine Operation die Probleme am schnellsten und besten behebt, ist diese auch die richtige Wahl. Aber natürlich kennen wir die Diskussion, dass in Deutschland zu viel operiert wird und müssen uns dieser stellen.

Brauchen Sie noch Tipps für das nächste Gespräch mit Ihrem Arzt, dann lesen Sie doch einfach hier weiter!

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