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Mütter bekommen oft Daumen-Probleme.

Warum es vor allem die Frauen trifft

Münchner Orthopäde: Wenn der Daumen drückt

Eine Hand ohne Daumen ist wie ein Auto ohne Reifen - ein entscheidendes Bauteil fehlt. Für die volle Funktionsfähigkeit der Hand hat der Daumen die Schlüsselrolle. Nur mit Hilfe des Daumens ist ein sogenannter Präzisionsgriff möglich, um z. B. einen Faden durch ein Nadelöhr zu fädeln.

Der Daumen ist aber auch entscheidend an allen Kraftgriffen beteiligt. Das gelingt, weil er sich aufgrund seines speziell geformten Basisgelenks den anderen Fingern gegenüber stellen kann. Das bedeutet aber auch, dass an das Gelenk und die Sehne, die den Daumen bewegen, große Anforderungen gestellt werden.

Und daher wundert es nicht, dass die Arthrose des Daumensattelgelenks die häufigste generative Gelenkserkrankung der Hand ist. Zehn Prozent der Bevölkerung sind schätzungsweise betroffen, bei Frauen über 50 Jahre ist es sogar jede Dritte! Eine Entzündung der Strecksehne bekommen häufig junge Frauen kurz nach der Geburt: Die ungewohnte neue Belastung, das Heben und Halten des Babys geht auch auf den Daumen! Woran man erkennt, dass der Daumen in Not ist und was ihm hilft: Darüber sprach die tz mit dem Münchner Orthopäden Dr. Steffen Zenta.

Leichte Arbeit schädigt mehr

Betroffene: Frauensindzehnmalhäufiger betroffen als Männer. Paradox: leichte, diffizile Arbeiten schädigen das Daumengelenk mehr als schwere Arbeiten. Und so haben eher Hausfrauen, Büroangestellte aber auch Pianisten und Feinmechaniker eine Arthrose des Daumensattelgelenks, Rhirzarthrose genannt.

Bei einer Rhizarthrose verschleißt das Daumensattelgelenk.

Ursache: Das Daumensattelgelenk ist ein Gelenk, bei dem zwei relativ flache Gelenkkörper ineinander greifen. Ein Gelenkknorpel überzieht den Knochen wie eine schützende Schicht, zusammen mit der Gelenkflüssigkeit ist ein leichtes Gleiten der Gelenkpartner möglich. Doch dieses Zusammenspiel ist empfindlich. Dr. Steffen Zenta: „Das Daumensattelgelenk muss sehr viel stützen und für Stabilität sorgen. Der Daumen übt ständig Druck und Kraft aus, mal mehr, mal weniger. Aber er ist praktisch immer im Einsatz. Im Grunde genommen ist dieses Gelenk ein Verschleißteil.“ Warum sind Frauen häufiger betroffen? Dazu gibt es nur Vermutungen, eventuellkönnte es mit den generell weicheren Bändern und Gelenkkapseln bei Frauen zusammenhängen, die dazu führen, dass das Daumensattelgelenk nicht so gut gestützt wird.

Symptome: Es beginnt meist mit einem brennenden Schmerz, unterhalb des Daumens. Zenta: „Häufig tut es in der Nacht richtig weh. Dann kommt der Körper zur Ruhe, die Überlastung des Tages wird regeneriert und eine Entzündung entsteht. Im Laufe der Zeit kommt es zu Knorpelschäden. Der Knochen möchte diese ausgleichen und verdickt sich. Das ist die klassische Arthrose, die hier Rhizarthrose heißt.“ Oft sind beide Hände betroffen, die händische Hand jedoch oft stärker. Patienten verlieren die Kraft in den Händen, sie können keine Flaschen mehr halten, Dinge gleiten ihnen aus der Hand. Auf der Tastatur tippen, selbst Zähneputzen wird zur Qual.

Therapie: Im Röntgenbild und per Ultraschall wird abgeklärt, ob tatsächlich das Gelenk erkrankt ist oder ob nicht doch die Sehne schmerzt. Ist es das Gelenk, stehen verschiedene konservative Maßnahmen zur Verfügung. Zenta: „Man muss immer mit dem Patienten zusammen entscheiden und ausprobieren, was für ihn der beste Weg ist.“ Das Gelenk sollte erstmal geschont werden, die Entzündung muss behandelt werden. Zur Ruhigstellung gibt es Schienen, die jedoch die Handfunktion stark einschränken können. Zur Behandlung der Entzündung wird häufig ein Corticoid- Präparat gespritzt. Zenta: „Damit kann man die Erkrankung oft für Monate sehr gut eindämmen.“ Auch mit Hyaluronsäure-Spritzen hat der Orthopäde gute Erfahrungen gemacht. Allerdings: „Es gibt hierzu noch keine Studien, es hilft nicht jedem Patienten und die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nicht.“ Eine Behandlung kostet circa 250 Euro. Auch die Röntgentiefenbestrahlung oder die Magnetfeldtherapie können beim Heilungsprozess helfen. Ist die Gelenkinnenhaut stark entzündet, gibt es die Möglichkeit, diese radioaktiv zu verbrennen. Zenta: „Das ist ein invasiver Eingriff und sollte gut abgewogen werden.“ Wenn diese Maßnahmen keine Besserung bringen und der Leidensdruck der Patienten hoch ist, kommt eine Operation in Frage. Dr. Zenta: „Ich rate jedoch dazu, eine Operation so lange es geht zu vermeiden.“ Zwar stehen verschiedene Maßnahmen zur Verfügung, auch ein Gelenkersatz kommt in Frage. Aber dennoch können diese Operationen meist die volle Funktionsfähigkeit und vor allem die Kraft des Daumens nicht wieder herstellen.

Handy- oder Babydaumen: Wenn die Sehne überreizt

Betroffene: Frischgebackene Mütter, aber auch Menschen, die ausdauernd mit Daumen auf ihrem Smartphone herumwischen oder tippen. Dr. Zenta: „Klassischerweise sehe ich in meiner Praxis die jungen Mütter mit diesen Problemen.“

Ursache: Die Strecksehne, die den Daumen bewegt, muss auf einmal mehr arbeiten und wird überlastet. Die Sehne schwillt an und hat dann nicht mehr genug Platz in ihrer knöchernen Rinne. Durch die ständige Reibung entsteht eine Entzündung. Werden diese Symptome ignoriert, können sich kleine Knötchen ausbilden. Das passiert häufig mit der Beugesehne. Die Sehnen bleiben dann in der Knochenrinne, durch die sie verlaufen, kurzfristig hängen und der Finger zuckt und schmerzt. Schnappfinger oder schnellender Daumen heißt dieses etwas unheimliche Syndrom.

Symptome: Ziehende Schmerzen unterhalb des Daumens, die bis in den Arm ausstrahlen können. Es kann auch zu Schwellungen kommen. Meistens ist bei Rechtshändern die rechte Hand stärker betroffen als die linke. Aber sehr oft tritt die Entzündung auch in beiden Händen auf.

Diagnose: Ein kurzer Test gibt einen guten Hinweis, ob die Sehne betroffen ist. Man umfasst den Daumen mit den anderen Fingern der Hand und drückt leicht zu oder dehnt den Daumen in die Beugung. Zenta: „Das schmerzt höllisch, wenn die Sehne entzündet ist.“

Therapie: Oft helfen schon Verbände mit homöopathischen entzündungshemmenden und abschwellenden Salben oder lokale Eisanwendung. Gerade wenn die Mütter noch stillen, ist das oft die Therapie der ersten Wahl. Nach dem Abstillen bringt oft eine Injektion mit einer entzündungshemmenden Substanz (z.B. Cortison) oder Physiotherapie einen nachhaltigen Erfolg. Hand und Daumen müssen geschont werden, das kann z. B. mithilfe einer Daumenschiene erreicht werden. Zenta: „Wichtig ist es, dass die entzündete Sehne richtig ausheilen kann.“

Schmerzen dürfen nicht ignoriert werden

Wie bleibt der Daumen gesund? 

Dr. Steffen Zenta: Wichtig ist es zu wissen, dass der Daumen sehr beansprucht wird und eben erkranken kann. Ich kann nur raten, Schmerzen nicht zu ignorieren. Man sollte sensibel auf die Körpersignale hören und auch reagieren. Mir selbst ist beim Operieren schon aufgefallen, dass meine Strecksehne am Daumen schmerzt. Ich habe sie mit Salbenverbänden behandelt, aber ich habe auch meine Techniken im OP umgestellt, ich greife jetzt ein kleines bisschen anders, um die Sehne nicht erneut zu überlasten.

Ein bisschen etwas ändern, kann also einen großen Effekt haben. Aber woher weiß der Patient, was er besser machen könnte?

Zenta: Wenn Schmerzen trotz Salbenverbänden oder z. B. trotz Abreiben mit einem Eiswürfel nach ein bis zwei Wochen nicht verschwinden, sollte man zu einem Arzt gehen. Ich halte sehr viel von der Ergothe- ignoriert werden rapie. Das sind speziell für die Hände ausgebildete Physiotherapeuten, die sehr viel Wissen haben, wie z. B. verkürzte Handsehnen wieder gestreckt oder verklebte Kapseln gelöst werden können. Außerdem kennen sie alle Tricks, wie im Alltag der Daumen entlastet werden kann.

Erst hat man Schmerzen, dann sind sie auf einmal wieder weg. Ist dann alles gut? 

Zenta: Nicht unbedingt. Es gibt diesen typischen Krankheitsverlauf, dass auf eine akute Phase oft eine Ruhepause folgt. Der Daumen wurde vielleicht geschont oder auch behandelt. Und dann vergisst man das Problem und ändert nichts in seinen Bewegungsabläufen. Der Verschleiß schreitet unbemerkt fort und irgendwann kommen die Probleme mit Macht zurück. Das Gelenk wird zunehmend versteifen. Das kann erst nach Jahren sein, aber die Behandlung ist dann natürlich ungleich schwieriger und langwieriger.

Dr. Steffen Zenta praktiziert im MVZ im Helios, weitere Infos unter: www.mvz-im-helios.de

Auch wenn es wehtut: Bei Arthrose ist Bewegung wichtig

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