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Im Schlaflabor werden die Hirnströme gemessen, die sich deutlich vom Wachzustand unterscheiden.

Schlafen – einfach kompliziert

Am Donnerstag ist der internationale Tag des Schlafes, etwa ein Drittel unseres ­Lebens verbringen wir im Schlaf. Aber eine Erklärung, warum wir schlafen müssen, haben Forscher bis heute nicht gefunden.

Anders als Nahrungs- oder Flüssigkeitsentzug macht Schlafentzug zwar krank, bringt uns aber nicht um. Ohne Schlaf werden Menschen reizbar, misstrauisch, Pulsfrequenz und Atmung werden unregelmäßig, es kann zu Halluzinationen kommen.

Schlafen muss der Mensch lernen

Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit weniger als fünf Stunden Schlaf pro Nacht stärker Gefahr laufen, Diabetes Typ2 zu entwickeln. Unregelmäßiger Schlaf und Schlafstörungen werden mit hohem Blutdruck, Herzproblemen, Übergewicht, Depressionen oder einem geschwäch­ten Immun­system in Verbindung gebracht. Zudem hat die Weltgesundheitsorganisation Nachtarbeit wegen eventueller Beeinträchtigung eines Hormons, das Tumorzellen unterdrücken kann, als möglicherweise krebserregend eingestuft.

Professor Michael Wiegand vom Schlafzentrum der TU München

Schlafen muss der Mensch lernen: In den ersten vier Wochen seines Lebens schläft das Baby etwa 15 bis 16 Stunden am Tag. Die einzelnen Schlafphasen dauern jeweils zwischen zwei und vier Stunden. Der Tag- und Nachtrhythmus entwickelt sich erst ab dem vierten bis sechsten Lebensmonat. Bei den meisten Kindern ist er dann im Alter von einem Jahr ausgeprägt. Die Schlafdauer nimmt im Laufe des Lebens ab, bis beim jungen Erwachsenen die individuelle Schlafdauer erreicht ist. Diese liegt meist zwischen sieben und neun Stunden. Aber es gibt auch Kurzschläfer, die mit vier Stunden auskommen, oder Langschläfer, die elf Stunden benötigen, ohne dass sie deshalb krank sind. Jeder zehnte Deutsche nimmt regelmäßig Schlafmittel, 15 Prozent leiden unter einer Schlafstörung, die behandelt werden sollte. Darüber sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit Professor Michael Wiegand vom Schlafzentrum der TU München.

Wie ist Ihre Erfahrung: Nehmen Schlafstörungen zu?

Professor Michael Wiegand: Es gibt ein größeres Bewusstsein in der Bevölkerung, dass Schlafstörungen ernst genommen werden müssen, und daher gehen mehr Menschen zum Arzt. Was tatsächlich zunimmt, sind Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen bei jüngeren Leuten. Ursache ist die Jugendkultur, die sich ja überwiegend nachts abspielt. Wenn diese jungen Menschen dann zum Alltag zurückkehren wollen, merken sie oft, dass ihre innere Uhr nicht mitspielt. Diese Patienten können nachts nicht schlafen und sind tagsüber nicht richtig leistungsfähig.

Was ist das Schlafproblem, das die Menschen am meisten bzw. am schlimmsten quält?

Wiegand: Es gibt drei große Probleme. Erstens Schlafapnoe, erst in den letzten 20 Jahren haben wir gemerkt, wie häufig diese Atemaussetzer während des Schlafes vorkommen. Das betrifft sehr viele ältere Männer mit Übergewicht. Die im Schlaf entspannten Muskeln verdecken die Luftwege. Diese Menschen hören auf zu schnaufen, merken es aber nicht und sind tagsüber totmüde. Das ist gut behandelbar mit Atemmasken oder auch mit Zahnschienen, die die Atemwege offen halten, bzw. natürlich durch das Abnehmen. Dann gibt es den Bereich der chronischen Ein- und Durchschlafstörungen, ohne dass es eine erkennbare Ursache gibt. Diese Menschen machen alles richtig, sie gehen müde um 23 Uhr ins Bett und sind dann hellwach. Leider neigen einmal entstandene Schlafprobleme zur Chronifizierung. Obwohl die ursprüngliche Ursache für das Schlafproblem weggefallen ist, hat sich das Gehirn daran gewöhnt, alle zwei Stunden aufzuwachen. Da können Entspannungsverfahren helfen. Und dann gibt es das Krankheitsbild der exzessiven Müdigkeit am Tag. Diese Menschen halten nicht 16 Stunden am Stück durch, sie brauchen ein Nickerchen. Im schlimmsten Fall schlafen sie hinter dem Steuer ihres Autos ein. Viele davon leiden unter unerkannten Apnoe-Phasen. Aber viele Patienten auch nicht. Und dafür lassen sich die Ursachen dann ganz gut im Schlaflabor herausfinden.

Schlafen Menschen im Labor wie daheim?

Wiegand: In der ersten Nacht nicht. Die meisten schlafen dann schlechter. Die zweite Nacht liefert verwertbare Ergebnisse. Aber es gibt auch Patienten, die morgens fast verschämt sagen: „So gut wie hier habe ich lange nicht geschlafen.“ Der Schlaf hat etwas Paradoxes. Er lässt sich nicht erzwingen, genauso wenig wie Schlaflosigkeit. Patienten im Schlaflabor wissen, sie müssen gar nicht schlafen. Und mit diesem Gefühl können sie sich so gut entspannen, dass sie dann sehr gut schlafen.

Wann soll man zum Arzt gehen?

Wiegand: Wenn der Ein- und Durchschlafrhythmus länger als vier Wochen gestört ist, ohne dass eine Ursache dafür erkennbar ist. Der Hausarzt überweist dann gegebenenfalls an die Spezialisten. Oder wenn z. B. der Bettpartner oder die Bettpartnerin ein Schnarchen mit Atemaussetzern bemerken. Das ist auf jeden Fall ein Alarmsignal und sollte sofort abgeklärt werden.

Ist es sinnvoll, es erst mal selbst mit Tabletten zu probieren?

Wiegand: Für ein paar Tage schadet das nicht. Allerdings sollte man Schlaftabletten nicht länger als drei Wochen nehmen. Sie haben ein Suchtpotenzial. Auf Dauer sind andere Medikamente besser geeignet, z. B. sehr niedrig dosierte Antidepressiva. Wichtig ist jedoch immer, nach den Ursachen der Schlaflosigkeit zu forschen. Es gibt z. B. das Restless-Leg-Syndrom, bei dem die Patienten in der ganzen Nacht sehr unruhig mit den Beinen zappeln. Diese Menschen schlafen zwar, kommen aber nie in den Tiefschlaf und können sich daher nicht richtig erholen. Solche Störungen jedoch erkennt man nur im Schlaflabor.

VORSICHT VOR SCHLAF-UND BERUHIGUNGSMITTEL

Die Wirkung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln geht oft über die Nacht hinaus, warnt Erika Fink, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen. Während des Schlafs wird meistens nur die Hälfte des Wirkstoffes abgebaut. Wer also morgens ins Auto steigt, steht noch immer unter dem Einfluss des Arzneimittels. Diese Auswirkungen haben auch freiverkäufliche Schlafmittel.

tz

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