Es gibt schonenden Alternativen

Münchner Zahn-Professor: "Es wird zuviel gebohrt"

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München - Obwohl es Alternativen gibt, regiert  in der Praxis noch immer die herkömmliche Bohr- und Beschleifungstechnik in der Zahnmedizin; sie kommt in über 90 Prozent der Fälle zum Einsatz. Es geht – wie so oft in der Gesundheitsbranche – ums Geld.

Weniger ist oft mehr – in der modernen Medizin gehört das Grundprinzip einer möglichst schonenden Behandlung inzwischen zum Standard, sogenannte minimalinvasive Verfahren setzen sich immer mehr durch. Auch die Zahnheilkunde hat sich enorm weiterentwickelt. Sie wäre eigentlich längst in der Lage, einem Großteil ihrer Patienten auf die sanfte Tour zu helfen – etwa mit hochinnovativen Klebetechniken statt mit klassischen Kronen und Brücken. Doch in der Praxis regiert noch immer die herkömmliche Bohr- und Beschleifungstechnik; sie kommt in über 90 Prozent der Fälle zum Einsatz. Es geht – wie so oft in der Gesundheitsbranche – ums Geld.

„Oft scheitern schonendere Alternativen schon allein daran, dass die Patienten dafür keinen Kostenzuschuss von ihrer Krankenkasse erhalten“, weiß der renommierte Münchner Zahn-Professor Hannes Wachtel. Als Paradebeispiel nennt er die sogenannten Additionals – hauchdünne, aber hochstabile Keramikschalen, die Zähne in ihrer Farbe und Form verändern können. Sie gelten als kosmetische Korrekturen, werden deshalb von den allermeisten Kassen nicht bezahlt. „Es gibt aber zahlreiche Fälle, in denen Additionals auch aus medizinischen Gründen sinnvoll sind. Zum Beispiel dann, wenn ein Zahn in Teilen beschädigt ist, aber erhalten werden kann.“

Strahlendes Lächeln: Rominas Frontzähne wurden mit Keramikschalen versorgt, die Professor Hannes Wachtel eingeklebt hat.

Mit den Hightech-Keramikschalen werden Zähne praktisch verblendet. Um sie aufzukleben, muss der Zahnarzt den Zahnschmelz, also die Oberfläche, lediglich etwas aufrauen (siehe Infokasten). Für eine Krone dagegen wird der Zahn bis aufs sogenannte Zahnbein herunter abgeschliffen, sodass am Ende nur noch ein Stumpf übrigbleibt. „Dabei können beispielsweise Nervenfasern und Blutgefäße beschädigt werden, die im Inneren des Zahns verlaufen. Manchmal bricht der Zahn auch auseinander oder ganz ab“, erläutert Professor Wachtel. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein beschliffener Zahn langfristig verloren geht, ist deutlich höher als bei einem unbeschliffenen. Manche Studien sprechen sogar von einem zehnfach erhöhten Risiko.“

Dagegen sind die möglichen Komplikationen bei den Keramikschalen relativ leicht zu verschmerzen. Im schlimmsten Fall bricht mal eines der filigranen Teile beim Einsetzen und muss erneut angefertigt werden. Ist das Additional aber erstmal eingeklebt, hat es hervorragende Über­lebenschancen. „Dank der modernen Klebetechniken hält es in der Regel bombenfest. In einigen Fällen ist der Zahn dadurch sogar stabiler als vorher“, berichtet Professor Wachtel.

Man kann aber nicht nur einzelne Zähne mit Klebetechniken versorgen, sondern auch Zahnlücken. So seien gerade im Frontzahnbereich Klebebrücken relativ gut zu installieren, so der Experte weiter.

Trotzdem bezuschussen die allermeisten Versicherungen nur die klassischen Versorgungsmodelle. „Für eine Teilkrone, die in unserer Implaneo Dentalclinic beispielsweise etwa 1000 Euro kostet, bekommt ein gesetzlich versicherter Patient circa 160 Euro Zuschuss“, weiß Wachtel. „Die Additonals gibt’s in etwa für denselben Preis, aber der Patient muss die Rechnung komplett übernehmen – und das, obwohl er eigentlich nachhaltig in seine Zahngesundheit investiert. Das ist weder sinnvoll noch zeitgemäß.“

Additionals, Veneers

Additionals, manchmal auch Veneers oder auf Deutsch Verblendschalen genannt, sind kleine Kunstwerke – und das Ergebnis absoluter Präzionsarbeit. Das fängt schon bei der Herstellung an. In Deutschland gilt der Zahntechniker Klaus Müterthies (siehe Foto unten) als Pionier. Nach seinem über viele Jahre verfeinerten Verfahren werden die Keramikschalen anhand von Gebissabdrücken derart passgenau angefertigt, dass sie den natürlichen Zahn hinterher gerade mal um 0,3 Millimeter verdicken.

Um die beinahe durchsichtigen Schalen aufzukleben, wird der Zahn aufgeraut und mit einem säurehaltigen Medikament behandelt. „Dadurch entstehen in der Oberfläche winzige, fürs bloße Auge nicht zu erkennende Nischen mit einer Tiefe von drei hundertstel Milli­meter. Die Oberfläche, in der der Kunststoffkleber haftet, wird größer – der Kleber kann sozusagen besser andocken. Es entsteht eine bombenfeste Einheit zwischen Zahnoberfläche und Keramikschale“, erklärt Professor Wachtel.

Weil der Druck auf den gesamten Zahn verteilt wird, hält diese Hightech-Konstruktion den Belastungen beim Beißen und Kauen in der Regel verlässlich stand.

Voraussetzung ist allerdings, dass der Zahnarzt beim Einkleben mit der Lupenbrille tausendprozentig exakt gearbeitet hat. Professor Wachtel: „Die Zahnoberfläche muss absolut trocken und rein sein. Schon eine winzige Spur Speichel kann ausreichen, um die Haltbarkeit zu gefährden.“

Inzwischen ermöglichen die neuesten Klebetechniken es in manchen Fällen sogar, Keramikschalen ganz ohne Aufrauen des Zahnschmelzes respektive Bohrereinsatz anzubringen. „Das ist sozusagen die Krönung der Kronen-Alternative“, findet Professor Wachtel.

Rubriklistenbild: © dpa

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