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Neue Therapieansätze in der Krebstherapie.

Multiples Myelom

Der Blutkrebs des Alters

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Das Multiples Myelom ist eine seltene, aber bösartige Tumorerkrankung. Es gehört zu häufigsten Tumoren von Knochen und Knochenmark. Nun gibt es bessere Therapien für den bislang unheilbaren Krebs.

Wenn von Blutkrebs die Rede ist, denken die meisten an Leu­kämie. Auch weißer Blutkrebs genannt, weil eine Art von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) entartet und sich unkontrolliert vermehrt. 

Wenn sich jedoch eine Plasmazelle des Blutes verändert und hemmungslos teilt, kommt es zu einer anderen Art von Blutkrebs: dem Multiplen Myelom. Schließlich brauchen die veränderten Plasmazellen im Knochenmark so viel Platz, dass sie die Blutbildung behindern. 

Dieser Krebs ist mit circa 6000 Neuerkrankungen in Deutschland relativ selten, betrifft häufig ältere Menschen und galt bisher als unheilbar. Dennoch gibt es für die Patienten gute Neuigkeiten, wie Professor Christian Straka erklärt. Der Hämatologe von der Schön-Klinik am Starnberger See freut sich, dass er seinen Patienten nun ganz neue Wirkstoffe anbieten kann, mit denen der Krebs auch bei langjährig Erkrankten gut behandelt werden kann. 

Oft ist es ja so, dass bei selteneren Erkrankungen nur selten neue Therapien entwickelt werden. Warum ist das beim Multiplen Myelom anders?

Professor Christian Straka, Hämatologe von der Schön-Klinik am Starnberger See.

Professor Christian Straka : Die Patienten haben sozusagen Glück im Unglück. Das Multiple Myelom hat sich in den letzten Jahren zu einer Schrittmacher-Erkrankung entwickelt. An dieser Erkrankung lassen sich sehr gut ganz neue Therapiemöglichkeiten erforschen, die dann später auch für andere Krankheiten verwendet werden können. Ganz neu stehen unseren Patienten nun z.B. monoklonale Antikörper zur Verfügung. Diese docken an die entarteten Plasmazellen an und machen sie damit für das Immunsystem sichtbar, das dann die Tumorzellen attackieren und vernichten kann. Diese Therapie ist jetzt auch für Europa zugelassen worden und wir können sie unseren Patienten anbieten. Die Zulassung erfolgte jedoch zunächst für eine spätere Therapielinie, kommt also erst zum Einsatz, wenn die bisherige Standard-Behandlung nicht oder zu wenig hilft.

Das Multiple Myelom ist anders als Leukämie eher eine Erkrankung des Alters. Ist die Behandlung immer bei allen Patienten möglich?

Straka: Wir haben tatsächlich ein besonderes Patientenkollektiv. Der Altersdurchschnitt liegt bei 68 Jahren. Man muss unterscheiden, wann die Erkankung entdeckt wird. Bei vielen fällt bei einem Routine-Check beim Arzt auf, dass etwas nicht stimmt. Dann ist die Erkrankung häufig aber noch nicht sehr weit fortgeschritten und wir warten erst mal ab.

Heißt das, Sie behandeln erst, wenn die Erkrankung schlimmer wird ?

Straka: Das ist tatsächlich für viele Patienten sehr unbefriedigend. Sie bekommen eine schlimme Diagnose, aber richtig gemacht wird zunächst nichts. Wir versuchen Sicherheit zu geben, indem wir regelmäßig die Werte kontrollieren. Wenn sich über Wochen, Monate oder Jahre nichts verändert – und oft ist das so – , dann können sich die Menschen ganz gut damit arrangieren. Ich empfehle auch immer den Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe.

Wann müssen Sie denn behandeln?

Straka: Wir haben da mit den CRAB-Kriterien und weiteren Biomarkern ganz klare Richtlinien. Wir beobachten gewisse Marker, die uns zeigen, ob Organschäden kurz bevorstehen oder schon eingetreten sind. Das können eine Blutarmut oder auch Veränderungen an der Niere oder an der Wirbelsäule sein. Wir haben aber nicht nur die Patienten, die sehr früh diagnostiziert werden, wir haben auch eine Gruppe, die sehr spät die richtige Diagnose bekommt. Das Multiple Myelom als Erkrankung des Blutsystems ist ja eine systemische Erkrankung und kann sich ganz unterschiedlich im ganzen Körper äußern. Viele bekommen eine Blutarmut, sehr häufig entwickeln sich Schäden an den Knochen, sogenannte Osteolysen, die Schmerzen bereiten und zu Brüchen führen. Wenn der Patient dann zum Orthopäden geht, denkt dieser unter Umständen nicht sofort daran, dass ein unentdeckter Blutkrebs die Ursache sein könnte. Aber auch diese Patienten, die sehr spät kommen, können wir mittlerweile wirkungsvoll behandeln.

Wie sieht denn die Standard-Therapie aus?

Straka: Vorweg, die Standard-Therapien können zwar zum größten Teil ambulant erfolgen. Sie sind aber teilweise kompliziert vom Ablauf und zeitaufwendig. Man muss für jeden Patienten die für ihn beste Behandlung finden. Darum sollte der Patient unbedingt von einem Spezialisten auf diesem Gebiet oder nur nach Rücksprache mit einem Spezialisten behandelt werden. Meist beginnt man mit drei bis vier Zyklen einer sogenannten Induktionstherapie. Das sind ganz neue Wirkstoffe, die die entarteten Plasmazellen eliminieren. Wir wollen Platz im Knochenmark schaffen für die gesunden Zellen. Dann gewinnen wir für die Transplantation Stammzellen. Früher musste dafür das Knochenmark punktiert werden, heute kann man die Stammzellen, die ja sehr fest im Knochenmark verankert sind, mit einer besonderen Mobilisierungs-Therapie ins Blut herauslocken. Dort kann man sie dann relativ einfach herausfiltern. Wir gewinnen meist Stammzellen für mehrere Transplantationen, die nach allen Regeln der Kunst beim Blutspendedienst des BRK verarbeitet und in flüssigem Stickstoff tiefgefroren werden. Anschließend erfolgt dann allerdings stationär im Krankenhaus eine Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Stammzellen-Transplantation. Das dauert etwa zweieinhalb Wochen. Diese Behandlung wird wenn möglich einmal wiederholt, damit können wir bessere Ergebnisse erzielen.

Bisher hieß es, eine Heilung sei nicht möglich. Stimmt das weiterhin?

Straka: Wir wollen keine Hoffnung wecken, die wir vielleicht nicht erfüllen können. Aber schon bisher konnten wir bei etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten eine komplette Remission erreichen, die viele Jahre hielt. Über Heilung spricht man ja erst nach zehn bis 15 Jahren. Aber ich bin schon zuversichtlich, dass die neuen Methoden, wenn man sie intelligent einsetzt, sehr vielen Patienten besser helfen werden!

Der Experte

Professor Christian Straka ist Chefarzt der Hämatologie und Onkologie in der Schön-Klinik am Starnberger See. Weitere Infos unter:  www.schoen-kliniken.de

Symptome können in die Irre führen

Ein multiples Myelom kann seit Jahren bestehen, ohne dass Krankheitsanzeichen zu bemerken wären. Beschwerden treten, wie von Professor Straka beschrieben, häufig erst im fortgeschritteneren Stadium auf. Neben denen im Interview angesprochenen Knochenschmerzen durch Osteolysen gibt es folgende mögliche Symptome:

  • Zeichen einer Blutarmut wie Abgeschlagenheit, Antriebsarmut, Luftnot bei Belastung, Reizbarkeit oder sehr häufig Kopfschmerzen.
  • Größere Anfälligkeit für Infekte
  • Zeichen einer Beeinträchtigung der Nierenfunktion wie Gewichtszunahme durch Einlagerung von Flüssigkeit im Körpergewebe

Der Saft des Lebens

Blut ist der Saft des Lebens, transportiert Sauerstoff, Nährstoffe und Abwehrkörper durch den gesamten Körper. Es ist für den Transport des Kohlendioxids zur Lunge verantwortlich und sorgt mit seiner Temperatur von kuschligen 38 Grad für die Regulierung der Körpertemperatur.

Stammzellen für eine Transplantation werden im Labor begutachtet.

Etwa fünf bis sechs Liter Blut fließen durch einen Erwachsenen. Diese leicht klebrige Flüssigkeit besteht zu 55 Prozent aus Plasma und zu 45 Prozent aus verschiedenen Blutzellen. Die Blutbildung ist im Kochenmark beheimatet. Dort werden alle Vorläuferzellen der Blutbildung und auch die Vorläuferzellen des Immunsystems hergestellt. Alle diese unterschiedlichen Zellarten können entarten. 

Dann kommt es zu den verschiedenen Typen von Leukämien, Lymphomen oder auch zum Multiplen Myelom. Beim Multiplen Myelom entartet eine Plasmazelle. Diese Zellen bilden Antikörper, die für unsere Immunabwehr wichtig sind. Die Plasmazellen breiten sich dann sehr stark im Knochenmark aus und verdrängen die normale Blutbildung.

sus

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