Multiresistente Bakterien in Deutschland

Keime der Angst: Das schützt am besten

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Es ist der Albtraum eines jeden Arztes: Ein Patient ist schwer an einer bakteriellen Lungenentzündung oder einer Wundinfektion erkrankt. Die Mediziner geben ein bewährtes Antibiotikum, doch dem Patienten geht es trotzdem schlechter.

Sie setzen einen stärkeren Bakterienkiller ein - aber auch dagegen findet der Erreger eine Abwehr. Schließlich greifen die Mediziner zum Reserve-Antibiotikum, doch selbst gegen ihre letzte Hoffnung ist das krankmachende Bakterium immun. In den USA starb kürzlich eine 70-Jährige, bei der alle 26 dort zugelassenen Antibiotika versagt haben! Das Bakterium, das ihre Hüfte infiziert und schließlich zur Blutvergiftung und Organversagen geführt hatte, war multiresistent geworden. Auch in Deutschland sind Infektionen mit multiresistenten Erregern ein Problem. Vor allem zwei widerstandsfähige Keime machen den Ärzten Sorgen: Der Einzelerreger Staphylococcus aureus sowie bestimmte Darmbakterien. Führen diese Keime zu Infektionen, können sie nur schwer behandelt werden. Wer besonders betroffen ist, wo man sich ansteckt und wie sich jeder schützen kann, das erklärt der Münchner Arzt Dr. Uwe Zöllner. Er ist der zuständige Arzt für Hygiene in den Helios-Kliniken München West und Perlach.

Acht Millionen Deutsche sind von multiresistenten Bakterien besiedelt

Viele denken, multiresistente Erreger seien besonders aggressiv und besonders tödlich. Es gibt zwar Bakterienstämme, die richtig aggressiv sind, wie der kompliziert klingende 4-MRGN Acinetobacter baumanii. Andere dagegen sind weniger krankmachend. Wir leben in einer Welt von Bakterien, der Mensch ist Lebensraum für Milliarden Bakterien. Jeder von uns kann mit multiresistenten Erregern besiedelt sein. Kolonisiert nennt es der Mediziner Dr. Uwe Zöllner, er versichert: „Das ist völlig egal. So lange wir gesund sind. Gefährlich werden diese Erreger erst, wenn diese Keime in unserem Körper, z. B. in einer Wunde, eine Infektion verursachen.“

Aus Screening-Untersuchungen weiß man, dass ein Drittel der Menschen in Deutschland mit dem Bakterium Staphylococcus aureus besiedelt ist, das natürlicherweise im Nasen-Rachenraum und auf der Haut vorkommt. Das Problem: Etwa jeder Fünfzehnte dieser Bakterienstämme ist multiresistent – also ein sogenannter MRSA-Keim. Ebenso steigt der Anteil der Bevölkerung, der Träger von Bakterien aus der Gruppe der grannegativen Darmbakterien (MRGN) ist, gegen die zum Teil kaum noch ein Antibiotikum zur Verfügung steht. Insgesamt schätzt das Robert-Koch-Institut, dass fast acht Millionen Menschen in Deutschland multiresistente Keime in sich tragen. Menschen nehmen sie über belastetes Fleisch auf, übertragen sie in der Familie oder bringen die Keime von Auslandsreisen mit, besonders in Südostasien sind multiresistente Bakterien weit verbreitet. Auch Landwirte und Nutztierärzte sind häufig mit resistenten Keimen besiedelt.

Die Vorstellung, dass wir erst im Krankenhaus mit multiresistenten Erregern in Kontakt kommen, stimmt also nicht immer. Dr. Uwe Zöllner: „Zwei Drittel der Krankenhauspatienten mit solchen Infekten haben den Keim mit in die Klinik gebracht.“ Er betont: „Es gibt auch keine besonderen Klinikkeime, die es nur in Krankenhäusern gibt. Die Bakterien kommen mit den Menschen und die Umwelt in die Krankenzimmer – mit den Patienten, den Ärzten, dem Pflegepersonal und auch den Besuchern.“

Die Arbeit des Arztes für Hygiene besteht darin, dass im ganzen Krankenhaus immer, unabhängig von multiresistenten Erregern, so hygienisch gearbeitet wird, dass Bakterien einfach keine Chance haben. Risikopatienten, die Träger von multiresistenten Keimen sind, müssen so gut behandelt werden, dass der Keim nicht z. B. eine Wunde infizieren kann oder auf andere Patienten übertragen wird.

Bakterien, unabhängig davon, ob sie gegen Antibiotika resistent sind oder nicht, verursachen nur unter bestimmten Bedingungen eine Erkrankung. Menschen, bei denen das Immunsystem geschwächt ist, wie Frühgeborene, Dialysepatienten, Tumorkranke oder Patienten nach schweren Operationen haben ein höheres Risiko. Rund 400 000 bis 600 000 Krankenhauspatienten bekommen jährlich in Deutschland eine dieser gefürchteten nosokomialen Infektionen. Geschätzte 30 000 von ihnen werden von multiresistenten Erregern verursacht. Laut Berechnungen des Robert-Koch-Instituts sterben in jedem Jahr bis zu 4000 Menschen an einem multiresistenten Erreger – weil die schärfste Waffe gegen Bakterien zunehmend stumpf wird.

Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto schneller werden Bakterien immun und desto schwieriger wird es, einen neuen Wirkstoff zu entwickeln. 85 Prozent der Antibiotika für Menschen werden ambulant verschrieben, laut dem Robert-Koch-Institut ist etwa jeder dritte Verschreibung unnötig. Das größte Einsparungspotential gibt es jedoch in der Landwirtschaft. Deutschland gehört zu den Ländern in der EU, die am meisten Antibiotika an Tiere verfüttern. Es sind dreimal so viele, wie Menschen verschrieben werden!

Das schützt am besten!

Welche Erreger machen Ihnen besonders Angst?

Dr. Uwe Zöllner: Alle reden vom MRSA-Keim, also dem methicilin-resistenten Staphylococcus aureus, und er bleibt bedeutsam. Aber wirklich Sorge macht mir die Gruppe der sogenannten MRGN, das sind multiresistente grannegative Bakterien, die überwiegend im Darm zuhause sind. Bis vor zehn Jahren hieß multiresistent gleich MRSA, heute ist die Verteilung eins zu eins: Liegt eine Infektion mit einem multiresistenten Keim vor, ist es in der Hälfte der Fälle MRSA, aber in der anderen Hälfte sind es MRGN. Dies ist besonders beängstigend, weil wir nicht wissen, warum sich diese Erreger so ausbreiten können. Fünf Prozent bestimmter Bakterien auf der Intensivstation sind sogar schon gegen eines der besten Antibiotika resistent, das wir haben. Dann gibt es noch eine dritte Art von Erkrankung, die im Zusammenhang mit Antibiotika große Bedeutung gewinnt: Das sind Infektionen mit dem Darmbakterium Clostridium difficile. Das setzt unter Antibiotikatherapie Toxine frei, die zu heftigen Durchfällen führen können. Das ist ein großes Problem, wenn ein Patient wegen einer schweren Bakterieninfektion unbedingt ein Antibiotikum braucht und davon betroffen ist.

Wie schützen Sie Ihre Patienten?

Zöllner: Wir screenen Patienten vor der Aufnahme in unsere Kliniken, ob sie mit multiresistenten Keimen kolonisiert sind. Zur Zeit screenen wir für einen Modellversuch alle Patienten auf MRSA, um neue Risikogruppen zu finden. Sonst werden nur Risikopatienten getestet: also z. B. Menschen mit chronischen Wunden, Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, oder in bestimmten Ländern im Urlaub waren. Patienten, die z. B. in Kuweit unterwegs waren, haben ein großes Risiko, MRGN als Souvenir mit heimzubringen.

Treffen Sie besondere Vorsichtsmaßnahmen für solche Patienten?

Dr. Uwe Zöllner, Facharzt für Hygiene.

Zöllner: Mir ist jede Infektion ein Dorn im Auge, weil jede Infektion schwerwiegende Folgen haben kann. Daher achten wir streng auf Hygiene, wir tragen keinen Schmuck oder Uhren und schützen die Patienten bei bestimmten Eingriffen, indem wir besondere sterile Einmalkittel und Einweg-Handschuhe tragen. Es gilt, dass vor und nach jedem Patientenkontakt die Hände desinfiziert werden müssen. Wir wollen ja keine Keime von einem zum anderen tragen. Und diese einfachen Regeln unterbrechen wirkungsvoll die Übertragungskette. Diese Maßnahmen müssen immer funktionieren. Patienten, die mit multiresistenten Keimen besiedelt sind, bekommen ein Einzelzimmer. Wir verwenden Desinfektionslösungen, die auf den Erreger abgestimmt sind. Also das Sicherheits-Level wird nochmals höher geschraubt. Wir tun alles, damit wir den Keim im Griff haben. Da geht es uns auch darum, die anderen Menschen im Krankenhaus zu schützen.

Kann man resistente Bakterien wieder loswerden?

Zöllner: Es funktioniert leider nicht immer. Sehr häufig werden die Betroffenen erneut von dem Keim besiedelt, einfach, weil er in ihrer gewohnten Umgebung auch vorhanden ist. Es ist immer sinnvoll, sich vor geplanten Operationen mit der Frage zu befassen, ob eine Sanierung sinnvoll ist. Wenn z. B. eine Hüftoperation nötig ist, und man hat den oder die multiresistenten Keime vorher eliminiert, sinkt natürlich das Risiko für eine gefährliche Infektion. Aber eine Sanierung ist sehr aufwändig, man muss strikte Regeln einhalten wie z. B. tägliches Duschen und Haare waschen mit bestimmten Mitteln, tägliches Bettwäsche wechseln, regelmäßige Mundspülungen. Das ist immer eine individuelle Entscheidung des Patienten. Denn wie gesagt: Für gesunde Menschen sind die Keime kein Problem.

Diese Viren und Bakterien machen uns krank

Rubriklistenbild: © picture alliance / Daniel Karman

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