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Keime

Die unsichtbare Gefahr

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    Andrea Eppner
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Wovor Patienten am meisten Angst haben? Vor multiresistenten Keimen – die quasi jedes Antibiotikum austricksen. 

Das belegen Umfragen. Vor 75 Jahren wurde zum ersten Mal ein Mensch mit Penicillin behandelt – dem ältesten bekannten Antibiotikum. Seither ist vieles passiert. Hier die wichtigsten Fakten.

Die gute Nachricht zuerst: Resistenzen gegen Antibiotika sind in Deutschland seltener als in vielen anderen europäischen Ländern. Das geht aus aktuellen Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor. Demnach ist der Anteil des Erregers MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), einem der wichtigsten Erreger von Krankenhaus-Infektionen, mit 11,8 Prozent rückläufig – der europäische Mittelwert stagniert bei 18.

Nun jedoch die schlechte Nachricht: „Selbst bei uns gibt es deutlichen Verbesserungsbedarf – und neben positiven Entwicklungen auch negative Trends, die unbedingt gestoppt werden müssen“, warnt RKI-Präsident Lothar Wieler.

Multiresistente Erreger, die gegen eine Vielzahl oder gar alle Antibiotika unempfindlich sind, werden immer häufiger zum Problem. Jüngst etwa hatten Forscher hierzulande ein neuartiges Gen entdeckt, das Bakterien gegen das Notfall-Antibiotikum Colistin resistent macht. Eingesetzt wird es bei Infektionen mit multiresistenten Bakterien – also genau dann, wenn gängige Antibiotika bereits nicht mehr helfen. Nachfolgend die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie entstehen Resistenzen?

Ein zu häufiger Gebrauch und eine falsche Anwendung von Antibiotika sind die Hauptgründe. So setzen sich Bakterien, die eine Widerstandskraft gegen diese Arzneimittel haben, durch. Die wiederum wirken dann schlechter – oder gar nicht mehr. In Deutschland sind etwa mehr als zehn Prozent der Darmbakterien der Art „Escherichia coli“ gegen eine wichtige Gruppe breit wirksamer Antibiotika resistent. Besagte Bakterien verursachen Harnwegsinfektionen.

Kann sich jeder infizieren?

Im Prinzip: ja. „Jeder zu jeder Zeit in jedem Land“, heißt es in einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Besonders hoch ist die Gefahr während eines Klinikaufenthalts, denn in Krankenhäusern werden überdurchschnittlich viele Antibiotika eingesetzt. Geschwächte Patienten sind sehr anfällig. Das gilt ebenso für Neugeborene – vor allem die Frühchen unter ihnen. Gerade für sie sind Infektionen dieser Art potenziell lebensbedrohlich. Weitgehend verhindern lassen sich Ansteckungen ausschließlich mit mehr Überprüfungen und strengeren Regeln zur Hygiene.

Wie viele Todesfälle gibt es hierzulande?

Laut Bundesgesundheitsministerium infizieren sich jährlich rund 400 000 bis 600 000 Patienten mit sogenannten Krankenhauskeimen. 10 000 bis 15 000 pro Jahr sterben daran. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) geht sogar von deutlich höheren Zahlen aus – sie spricht von 900 000 Infektionen und 30 000 Todesfällen. Mindestens.

Was genau tun Kliniken dagegen?

Für Schlagzeilen sorgte jüngst ein Vorstoß der Asklepios-Kliniken: Dort schafft man den traditionellen Arztkittel ab. Stattdessen werden die Ärzte in den bundesweit rund hundert Einrichtungen nur noch die kurzärmlige Variante, den sogenannten Kasack, tragen. Der Klinikbetreiber verweist dabei auf eine Empfehlung des RKI und der WHO, die sich auf mehrere Studien berufen, wonach auf langen Ärmeln der Kittel häufiger Krankheitserreger festgestellt wurden; Experten empfehlen seit geraumer Zeit kurzärmlige Bekleidung in den Kliniken. Auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) begrüßt die Ankündigung des Klinikkonzerns: „Nur wenn Hygiene im Klinikalltag gelebt wird, können gefährliche Keime wirksam bekämpft werden.“ Er mahnt zudem alle Kliniken an, die Hygienevorschriften streng einzuhalten.

Wie aufgeklärt sind denn die Patienten?

Laut einer WHO-Studie gibt es noch sehr viele Wissenslücken. So glauben 44 Prozent, dass das Resistenz-Problem nur diejenigen betreffe, die Antibiotika nicht richtig einnehmen. Drei Viertel denken, dass der Körper resistent werde – und nicht die Bakterien. Und zwei Drittel sind der Meinung, dass ein sachgemäßer Gebrauch von Antibiotika einen vollen Schutz biete.

Wie kann man sich schützen?

Die WHO empfiehlt, Antibiotika nur nach ärztlicher Verschreibung und streng nach Vorschrift bis zum Ende der Behandlung einzunehmen – selbst wenn die Symptome schon abklingen. Außerdem sollten Patienten nicht zu Antibiotika greifen, die ihnen früher einmal verschrieben worden seien – und auch nie Antibiotika anderen zur Einnahme überlassen. Ganz wichtig ist zudem Händewaschen – nicht nur fürs Klinikpersonal. „Selbst mit reinem Wasser, ohne Seife, spült man Schmutz und einige Erreger von den Händen ab“, sagt Andrea Rückle von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Allerdings sei es deutlich effektiver, Seife zu benutzen. „Sie löst Schmutz und Mikroben besser von der Haut ab als Wasser allein.“ Ein weiterer Effekt: In der Regel reibt man seine Hände besser ein und wäscht sie gründlicher ab, wenn Seife darauf ist – dadurch werden Keime eher beseitigt, sagt Rückle. Und selbst die Dauer spielt beim Händewaschen eine Rolle: Wer die Finger nur kurz unter den Wasserstrahl hält, erreicht kaum etwas – und behält die meisten Erreger auf der Handfläche. 20 Sekunden sollte das Händewaschen mindestens in Anspruch nehmen. Nicht relevant ist indes die Temperatur des Wassers: Dieses kann kälter oder wärmer sein.

Welche Rolle spielt die Landwirtschaft?

„Germanwatch“ ist seit langem besorgt über den enormen Einsatz von Antibiotika im Kuhstall. Bislang müssten nur Fleischerzeuger dokumentieren, wie häufig sie Antibiotika einsetzen, sagt die Agrarexpertin der Umweltorganisation, Reinhild Benning. Nach ihren Recherchen erhalten Kühe pro Jahr 1,5- bis 3,3-mal Antibiotika. Von der Milch selbst gehe deshalb zwar kein Risiko aus. Aber: „Besorgniserregend“ sei, dass so die Entwicklung resistenter Keime begünstigt werde – zumal Kühe bei jeder zehnten Behandlung sogenannte Reserveantibiotika erhielten. Diese sind in der Therapie von Menschen bedeutsam, wenn herkömmliche Antibiotika nicht mehr helfen. Ursache des Problems sei, dass Bauern aus wirtschaftlichem Druck mehr Tiere als früher halten – und mit Gülle gelangen zwangsläufig mehr resistente Keime auf die Felder. Zum Schutz rät daher auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu „sorgfältiger Küchenhygiene“, so dass Keime nicht von rohem Fleisch auf andere Lebensmittel übertragen werden können. Auch Gemüse sollte man gründlich waschen. Zudem sollte Fleisch gut durcherhitzt werden.

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