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Spezialisiert auf Infektpatienten: Prof. Dr. Rüdiger von Eisenhart-Rothe vom Uniklinikum rechts der Isar.

Top-Professor erklärt

Nach Fritz Weppers Hüft-Drama: So infizieren sich Prothesen

Ein Infekt in der Hüftprothese kann für Betroffene zur Höllenqual werden. Ein Experte erklärt nun, wie Sie ihn sofort erkennen und behandeln lassen können.

Zehn Jahre lang kam Fritz Wepper mit seinem künstlichen Hüftgelenk prima zurecht, in Erfolgsserien wie "Um Himmels Willen" wirkt der beliebte Schauspieler topfit – und auch auf dem Golfplatz macht der 75-Jährige eine gute Figur.

Doch jetzt hat ihn die Hüftprothese – genauer gesagt: eine heftige Infektion am Implantat– offenbar wie aus heiterem Himmel in die Knie gezwungen. Diese Infektion soll der Grund dafür sein, dass Wepper von einem Promi-Treffen im Nobelhotel Stanglwirt bei Kitzbühel mit dem Rettungshubschrauber in die Universitätsklinik nach Innsbruck geflogen und dort sogar auf der Intensivstation behandelt wurde.

Unter Endoprothetikern (so der Fachbegriff für die Prothesen-Ärzte) gelten Infektionen als eine Art Gau im Gelenk. "Sie sind schwer zu behandeln und erfordern in jedem Fall mindestens eine außerplanmäßige Operation", erklärt Professor Dr. Rüdiger von Eisenhart-Rothe.

Hier erklärt der Cheforthopäde des Münchner Uniklinikums rechts der Isar, warum Gelenkinfektionen so tückisch sind, wie sie behandelt werden und was man als Patient tun kann, um sein persönliches Risiko zu verringern.

Das Grundproblem von Hüftprothesen

Eigentlich zählt das Thema Gelenkersatz zu den größten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin. Verfeinerte OP-Techniken und weiterentwickelte Implantate ermöglichen Millionen Menschen wieder ein aktives Leben ohne Schmerzen. Allein in Deutschland erhalten jedes Jahr über 400.000 Patienten eine neue Hüfte oder ein neues Knie, dazu kommen fast 50.000 Wechsel-OPs sowie zehntausende Eingriffe an anderen Gelenken wie Schultern oder Füßen.

In den allermeisten Fällen sind solche Implantate für die Patienten ein Segen. Aber es kann – wie immer in der Medizin – eben auch mal etwas schiefgehen: Besonders gefürchtet im Zusammenhang mit Gelenkersatz sind Infektionen. "Solche Komplikationen sind zwar selten, das Risiko beträgt in guten Prothesenzentren circa ein Prozent. Aber wenn Infektionen tatsächlich ausbrechen, dann können sie für die Patienten hochbelastend und auch sehr gefährlich werden, sogar lebensbedrohlich", erklärt Prof. Rüdiger von Eisenhart-Rothe.

Der 46-Jährige zählt zu Deutschlands führenden Endoprothetikern und gilt als ausgewiesener Spezialist für die Behandlung von Infektpatienten aus ganz Deutschland. Mit seinem Team führt er pro Jahr etwa 500 solcher zum Teil heiklen Nachoperationen durch.

Wie schlecht es vielen Betroffenen geht, zeigt der Fall von Holger Lemberg, der aufgrund des Protheseninfekts in drei weiteren Eingriffen eine neue Hüfte bekommen hat. Seine Geschichte ist typisch für den langen Leidensweg vieler Betroffener. Oft macht er ihnen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch schwer zu schaffen. "Wir wissen aus einer eigenen Studie an unserem Klinikum, dass eine Gelenkinfektion die betroffenen Patienten psychisch ähnlich stark belastet wie Krebserkrankungen", berichtet Oberarzt Dr. Heinrich Mühlhofer.

Der Krisenplan bei einer Protheseninfektion

Die "gefühlte Katastrophe" kommt nicht von ungefähr, denn die Behandlung einer Infektion ist für den Patienten immer eine Tortur. Selbst im günstigsten Fall muss aufgrund des Infekts noch ein weiteres Mal operiert werden. "Je nach Art des Infekts können aber zusätzliche Folgeeingriffe erforderlich werden", erläutert von Eisenhart-Rothe.

Zwar ist das Grundproblem immer dasselbe: Bakterien gelangen auf die Oberfläche des Implantats und bilden dort einen sogenannten Biofilm. Dadurch bekommt das Immunsystem die Keime nur extrem schwer zu fassen. Aber ob das künstliche Gelenk überhaupt noch zu retten ist, hängt entscheidend vom Zeitpunkt des Behandlungsbeginns ab. "Eine realistische Chance besteht nur in den ersten drei Wochen nach Beginn der Symptome."

Genau hier liegt die Crux: Längst nicht immer kristallisiert sich der Infekt in diesem Zeitraum heraus. Oft verstreicht zu viel ungenutzte Zeit, bevor der Patient in einem spezialisierten Klinikum eintrifft. Deshalb gilt: Bei Alarmsignalen wie zunehmenden Schmerzen im operierten Bereich, oft verbunden mit Überwärmung, Rötung, Fieber sowie erhöhten Entzündungswerten wie CRP und weißen Blutkörperchen (Leukozyten) sollte man schnell zum Spezialisten gehen, lieber einmal zu viel als zu wenig.

Wenn die Patienten rechtzeitig kommen, versuchen die Endoprothetiker in der Regel erst mal, den Infekt mit einer vergleichsweise sanften Zusatz-OP auszumerzen. Dazu tauschen sie nur die beweglichen Teile der Prothese aus, beispielsweise bei einem Hüftgelenk den Kugelkopf des Oberschenkelimplantats und das Inlay (Gleitlager) der Hüftpfanne. Zudem wird das gesamte Gelenk gesäubert und mit einer antibakteriellen Flüssigkeit gespült. "Dieses Vorgehen zeigt – in Kombination mit der Verabreichung von Antibiotika – in etwa 70 Prozent der Fälle Wirkung. Dann hat der Patient die Komplikation nach wenigen Wochen ausgestanden und die Prothese bleibt erhalten", sagt von Eisenhart-Rothe.

Die Gefahren einer Protheseninfektion

Aber was, wenn das sogenannte Spülen nicht funktioniert? Früher haben die Operateure diese Maßnahme dann einfach wiederholt – so oft, bis keine Keime mehr nachweisbar waren. Heute weiß man, dass dieses Prozedere Gelenk und Gewebestrukturen wie Muskeln und Bändern viel zu sehr schadet. "Man hat nur einen Versuch, die Prothese zu erhalten. Wenn dieser misslingt, muss die gesamte Prothese ausgetauscht werden", betont von Eisenhart-Rothe.

In diesen Fällen wird die von Keimen befallene Prothese zunächst durch einen Platzhalter ersetzt. Erst wenn die Entzündung komplett ausgeheilt ist, kommt die neue Prothese hinein. Dazwischen können Wochen liegen. Das Gemeine an Implantat-Infektionen: Sie können auch erst nach vielen komplikationslosen Jahren aufkeimen. Ausgelöst etwa durch eine scheinbar harmlose Zahnbehandlung, eine Darmspiegelung oder eine Lungenentzündung. "Wir sprechen dann von hämatogenen Infektionen", erklärt von Eisenhart- Rothe. "Dabei gelangen Bakterien in den Körper und zirkulieren im Blut. Sie siedeln sich auf der Implantatoberfläche an, können sich dort ungestört vermehren. Im schlimmsten Fall führt der Teufelskreis zu einer Blutvergiftung, in der Fachsprache Sepsis genannt. Diese kann lebensgefährlich sein."

Solche dramatischen Verläufe werden in der Regel von sehr aggressiven Bakterien verursacht, die Mediziner hochpathogene Keime nennen. Neben diesen akuten Infektionen gibt es allerdings auch chronische Varianten, meist sogenannte Low-Grade-Infekte. "Dahinter stecken weniger aggressive Erreger, die eher schleichend Schaden anrichten und Beschwerden auslösen", berichtet von Eisenhart- Rothe. "Sie können aber noch größere Probleme machen als akute Infektionen."

Die Diagnose: Wie erkenne ich eine Protheseninfektion?

Um den genauen Typ herauszufinden, wird in spezialisierten Kliniken eine genaue Laboranalyse gemacht. Dazu gehört neben der  Bestimmung der Blutwerte eine Punktion des Gelenks. Dabei entnehmen die Ärzte mit einer feinen Nadel Flüssigkeit aus dem entzündeten Gelenk. In manchen Fällen ist es auch notwendig, im Rahmen einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie) eine Biopsie zu gewinnen.

Dabei wird über einen kleinen Schnitt eine Kamera in das Gelenk eingeführt. Im Inneren können feine Instrumente wie kleine Zangen zu den entzündeten Stellen transportiert werden, um Gewebeproben zu entnehmen. Wenn die Tests auf besonders aggressive Bakterien positiv ausfallen und sich Eiter im Gelenk befindet, wird so schnell wie möglich operiert.

Manchmal sogar nachts, wenn die Ausbreitung der Keime außer Kontrolle zu geraten droht. "Man kann Gelenkersatz-Patienten nur eindringlich raten, entsprechende Beschwerden nicht auf die leichte Schulter zu nehmen", warnt von Eisenhart-Rothe.

Protheseninfektion: Eine typische Leidensgeschichte

Holger Lemberg weiß, wie selten Infektionen an Gelenkprothesen vorkommen: "Das Risiko liegt bei einem Prozent. Klingt wenig. Aber wenn man selbst zu diesem einen Prozent gehört, ist das eine verdammt harte Nummer. Daran hat man ganz schön zu knabbern." Als der 56-jährige Autoteilehändler aus der Nähe von Glonn seine erste künstliche Hüfte bekam, hatte er sich auf eine Heilungsdauer von ein paar Wochen eingestellt, allenfalls einigen Monaten.

Am Ende sollte es eineinhalb Jahre dauern, bis er wieder normal laufen konnte. Dazu waren insgesamt fünf OPs und drei Aufenthalte in Rehakliniken nötig. Seine Leidensgeschichte begann in einer Klinik im Münchner Raum. "An einem Montag wurde ich operiert und hatte danach tagelang starke Schmerzen. Die neue Hüfte fühlte sich komisch an. Aber ich dachte halt, das sei normal so kurz nach der OP." Am Freitag stand der Chefarzt an Lembergs Bett und eröffnete ihm, dass er erneut unters Messer muss. "Auf eine genauere Begründung hat er verzichtet." Lemberg vertraute ihm. "Auch deshalb, weil ich dort schon mal wegen eines Fußbruchs behandelt worden war und damals alles reibunglos geklappt hatte."

Erst bei der Aufnahme in der Rehaklinik erfuhr Lemberg, dass er sich eine Infektion eingehandelt hatte. Seine Beschwerden wurden über Monate nicht besser. Auf Empfehlung stellte er sich im Klinikum rechts der Isar vor. Dort bekamen die Ärzte den Infekt mit weiteren OPs endlich in den Griff. "Seit April lassen die Beschwerden nach, ich kann immer besser gehen und wieder Motorrad fahren", freut sich Lemberg. "Ich bin heilfroh, dass es jetzt endlich bergauf geht."

Das Vorgehen der Experten bei einer Protheseninfektion

Beim Verdacht auf eine Infektion an der Prothese lassen Spezialisten immer ein Röntgenbild machen. Es liefert ihnen unter anderem Hinweise auf eine Lockerung der Bauteile. So zeigen sich bei unserem Beispielfall – vereinfacht ausgedrückt – schleierartige Veränderungen rund um die Hüftpfanne (im Bild rechts) und eine Art Saum entlang des Oberschenkelschafts.

Dann wählen die Experten eine Gussform in der entsprechenden Größe aus, um einen Platzhalter herzustellen. Er besteht aus Knochenzement und einer Mischung aus Antibiotika, die speziell auf die gefundenen Keime abgestimmt ist.

Dieser Platzhalter wird anstelle der entfernten Prothese eingesetzt und verbleibt etwa vier bis sechs Wochen im Körper.

Erst wenn die Entzündung komplett ausgeheilt ist und in Laboruntersuchungen keine Keime mehr nachgewiesen werden können, bauen die Endoprothetiker eine neue Prothese ein. Dabei verwenden sie in der Regel spezielle, robustere Modelle, die sich stabil im Knochen verankern lassen.

So verringern Sie Ihr Infektionsrisiko

"Hundertprozentigen Schutz vor Gelenkinfektionen gibt es nicht, sie können selbst in hochprofessionell geführten Kliniken passieren", räumt Professor Rüdiger von Eisenhart-Rothe ein. Aber der Spezialist nennt einige Tipps, wie man sein Infektionsrisiko zumindest verringern kann:

  • Wenn Sie ein künstliches Gelenk tragen, sollten Sie Entzündungen an Ihrem Körper besonders aufmerksam beobachten – egal an welcher Stelle. Gehen Sie rasch zum Arzt, wenn die Wunde nur sehr langsam abheilt oder plötzlich an Ihrem operierten Gelenk Schmerzen auftreten – insbesondere dann, wenn der Bereich gerötet und überwärmt ist und Sie Fieber bekommen.
  • Informieren Sie vor operativen Behandlungen – auch vor kleineren Eingriffen wie Zahn-OPs oder Darmspiegelungen – vorab den Arzt darüber, dass Sie ein künstliches Gelenk haben. Möglicherweise wird Ihnen dann vor dem Eingriff vorsorglich ein Antibiotikum verabreicht.
  • Achten Sie bei der Auswahl der Klinik und des Operateurs darauf, dass hohe Hygienestandards eingehalten werden. Sinnvoll sind beispielsweise sogenannte Dekollonialisierungen. Dabei erhalten die Patienten vor der OP vorbereitend beispielsweise spezielle Waschlotionen und Nasensalben, um potenziell gefährliche Bakterien bereits im Keim zu ersticken. Fragen Sie Ihren Operateur oder seine Mitarbeiter, welche konkreten Maßnahmen in der Klinik angewendet werden.
  • Als Qualitätsmerkmal einer Klinik und ihrer Operateure gilt unter anderem eine sogenannte Zertifizierung – eine regelmäßige Kontrolle des Behandlungsniveaus durch unabhängige Prüfer.
  • Fragen Sie Ihren Operateur, wie viel Erfahrungen mit Gelenkersatz er generell und speziell mit dem potenziellen Krisenmanagement hat. Unter Experten gilt es als unstrittig, dass ein Endoprothetiker mindestens 50 OPs pro Jahr machen sollte. Nur dann lässt sich von einem routinierten Operateur sprechen.

Von Andreas Beez

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