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„Die Menschen haben Angst vorm Sterben – nicht vorm Tod“: Berend Feddersen hat mit Barbara Stäcker und Dorothea Seitz das Buch „Der Reisebegleiter für den letzten Weg“ geschrieben (Irisiana Verlag; 16,99 Euro).

Merkur-Interview

Palliativmedizin: „Näher dran am Leben geht nicht“

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München - Palliativmediziner Berend Feddersen aus München begleitet todkranke Menschen auf ihrem letzten Weg. Im Merkur-Interview spricht er über diese besondere Aufgabe.

Über das Sterben spricht man nicht? Im Gegenteil. „Man muss darüber reden“, sagt Berend Feddersen. Er leitet das ambulante „Palliative Care“-Team der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Mit seinen Mitarbeitern begleitet er Menschen auf ihrem letzten Weg. Er weiß: Die Palliativmedizin ist die bessere Alternative zur Sterbehilfe.

Vor was haben todkranke Menschen am meisten Angst?

Nicht vorm Tod. Sie haben Angst vorm Sterben: Sie fürchten sich vor Schmerzen, vor einer Atemnot. Sie wollen nicht leiden auf dem letzten Weg.

Wie helfen Sie ihnen?

Wir ermöglichen diesen Menschen in ihrer vertrauten Umgebung zu sterben – und wir kontrollieren dabei stets die Symptome. Das heißt aber nicht, dass wir nur das Morphin hochdrehen, damit sie keinen Schmerz mehr spüren. Wir nehmen uns Zeit, wir sprechen mit den Todkranken, wir geben ihnen das Gefühl: Du bist nicht allein.

Wie läuft das konkret ab?

Vor einiger Zeit haben wir einen Mann begleitet, der zeitlebens Schausteller war. Es war von Anfang an klar: Der will in seinem Wohnwagen sterben, in dem er einst von Volksfest zu Volksfest gezogen ist. Also fuhren wir regelmäßig aufs Frühlingsfest, versorgten ihn medikamentös, unterhielten uns mit ihm. Das ist am Ende wichtig für die Menschen ...

Weil sonst nichts mehr bleibt?

Wenn’s ums Sterben geht, fallen die Zwiebelschalen weg. Status? Geld? Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Es ist egal, ob man einen Porsche in der Garage stehen hat oder ein klappriges Fahrrad – beides ist nur noch Ballast, entscheidend ist bestenfalls, ob man einen Rollstuhl besitzt, wenn die Kräfte nachlassen. Die Zeit ist begrenzt, das ist den Menschen bewusst. Man kommt ganz nah an sie dran. Es mag widersprüchlich klingen, aber: Näher dran am Leben geht nicht. Deshalb ist unsere Arbeit auch so erfüllend.

Nicht belastend?

Ich bin ein großer Freund von Pragmatismus. Wenn Patienten und Angehörige wissen, was in dieser letzten Phase auf sie zukommt, dann können sie viel bewusster damit umgehen. Deshalb habe ich auch zusammen mit Barbara Stäcker, die ihre Tochter Nana verloren hat, und der Journalistin Dorothea Seitz den „Reisebegleiter für den letzten Weg“ geschrieben. Es ist ein Handbuch zur Vorbereitung auf das Sterben. Aufklärung pur.

Warum brauchen wir diese Aufklärung?

Weil Sterben zum Leben gehört – und dieses Thema immer noch tabuisiert wird. Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Menschen nicht vorzeitig sterben wollen, wenn ihnen die Angst vor einem schmerzhaften, leidvollen Tod genommen wird. Was glauben Sie denn, wie oft ich von Patienten angesprochen werde, wann ich denn nun endlich die goldene Spritze auspacke, damit es schnell vorbei ist ...

Was antworten Sie da?

Dass ich keine goldene Spritze habe – und dass niemand diese Spitze braucht! Mit der richtigen Palliativversorgung lernen viele Patienten auf dem letzten Weg das Leben noch einmal so richtig zu schätzen. Manche entwickeln sogar Humor!

Im Ernst?

Ja! Vor einiger Zeit haben wir bei einem Mann Bauchwasser ablassen müssen. Ich saß neben ihm und sagte: „Wenn’s läuft, dann läuft’s.“ Und der Mann sagte: „Herr Doktor, ich kenne da einen Super-Witz! Eine Frau gewinnt im Lotto, kommt nach Haus, sieht ihren Mann tot auf dem Boden liegen – und sagt: ,Wenn’s läuft, dann läuft’s!’“ Wir haben herzlich gelacht.

Und dann?

Kurz darauf starb der Mann an einer inneren Blutung. Nur zwei Stunden vor seinem Tod rief er mich noch an. Und er sagte am Ende des Telefonats: „Wenn’s läuft, dann läuft’s.“ Das werde ich wohl nie vergessen.

Interview: Barbara Nazarewska

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