Die Grafik stellt die unterschiedlichen Narkosestadien dar.

Narkosentiefe ist messbar

Die Angst vor der Narkose gipfelt bei vielen Patienten in der belastenden Vorstellung, während der Operation plötzlich wach zu werden, Schmerzen zu empfinden und ohne jede Chance auf den Zwischenfall hinzuweisen oder sich bemerkbar zu machen, somit Zeuge des operativen Eingriffes zu werden.

Obwohl diese intraoperative Wachheit (Awareness) selten eintritt, ist sie zu einem Brennpunkt aktueller Narkoseforschung geworden. Denn der Schock eines solchen Erlebnisses kann ein so genanntes posttraumatisches Stresssyndrom auslösen. Details des intraoperativ Wahrgenommenen können dabei in Form von Alpträumen immer wiedererlebt werden. Deshalb sind eine Reihe von Verfahren entwickelt worden, Wachheitszustände während der Allgemeinanästhesie erkennen zu können und damit die Narkose sicherer und effektiver zu machen.

Während der Anästhesist wichtige Organfunktionen wie die des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge oder der Niere heute routinemäßig im Operationssaal beobachten kann, ist die Überwachung mittels technischer Hilfsmittel (Monitoring) beim Gehirn, des eigentlichen Zielorgans der Narkose und seiner Funktionen in der Regel bisher nicht möglich gewesen. Eines der innovativen Projekte im medizinischen Bereich befasst sich mit der Entwicklung des Monitorings zur Überwachung des zentralen Nervensystems (ZNS) beim Menschen. Dieses moderne Monitoring zur Messung von Narkosetiefen dient dazu, die Vision einer patientenspezifischen Narkose zu realisieren. Die Technik trägt dazu bei, Fehldosierungen von Medikamenten zu vermeiden, die bei Überdosierung zu langem Nachschlaf oder bei Unterdosierung zu intraoperativer Wachheit und Stressauslösung führen.

Hypnotisch wirkende Substanzen führen dosisabhängig zu typischen Veränderungen im sogenannten Elektroenzephalogramm (EEG). Aber erst in den letzten Jahren ist es gelungen, durch Verfahren einer automatischen Interpretation des EEG, ein aussagefähiges routinemäßiges EEG-Monitoring mit sehr geringem Aufwand durchzuführen. Für den Routineeinsatz im OP und auf der Intensivstation hat die Arbeitsgruppe Informatik/Biometrie der Anästhesieabteilung der Medizinischen Hochschule Hannover ein EEG-Monitoringsystem (Narcotrend) entwickelt, das eine automatische Signalinterpretation beinhaltet. Dieses Verfahren wird in der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin in allen Operationssälen im St. Joseph-Stift Bremen routinemäßig angewandt.

EEG-Veränderungen durch Narkosemittel stellen sich über allen Regionen des Kopfes sehr ähnlich dar. Daher reicht zur Beurteilung des Hypnosegrades eine einzige EEG-Ableitung aus, für die drei Elektroden platziert werden müssen. Für die praktische Anwendung des EEG-Monitorings ist es von großem Vorteil, wenn das EEG automatisch interpretiert wird. Die automatische Bewertung des Narkose-EEG, die im Narcotrend eingebaut ist, umfasste bisher 14 Stadien (von A = wach bis F = sehr tiefe Narkose), die auf einer visuellen Klassifikation des Narkose-EEG beruhen.

Die Ergebnisse einer Anwendungsbeobachtungsstudie bei insgesamt 4 768 Patienten belegen, dass mit Hilfe des EEG-Monitorings ein Beitrag zur Qualitätsverbesserung der Narkose geleistet wird. Durch eine individuell angepasste und altersgerechte Dosierung können unerwünschte Nebenwirkungen während und nach der Operation vermindert werden. Das EEG-Monitoring stellt somit eine sinnvolle Ergänzung der bisher üblichen Patientenüberwachungsverfahren dar.

Von Prof. Dr. Karsten Jaeger

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