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Präzisionsarbeit im Herzkatheterlabor des städtischen Klinikums Bogenhausen: Prof. Ellen Hoffmann und Dr. Martin Schmidt demonstrieren die Technik

Jetzt in München: Mini-OP gegen Bluthochdruck

München - Für Patienten mit stark erhöhtem Blutdruck haben australische und amerikanische Wissenschaftler eine neue, vielversprechende Behandlungsmethode entwickelt. Münchner Ärzte bieten die Mini-OP bereits an.

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Die richtige Ernährung, maßvolle Bewegung und Medikamente – in der Regel lässt sich der Blutdruck gut einstellen. Aber bei etwa 20 bis 30 Prozent der Hypertonie-Patienten helfen auch die besten Lebenstipps und Pillen nicht weiter. Für Patienten mit stark erhöhtem Blutdruck trotz optimaler medikamentöser Therapie haben australische und amerikanische Wissenschaftler eine neue, vielversprechende Behandlungsmethode entwickelt. Sie heißt „Renale Sympathikus-Denervation“ (RSD).

Dabei werden Nervenzellen entlang der beiden Nierenarterien verödet – und damit körpereigene Reaktionen unterbrochen, die zu einer Verengung der Blutgefäße führen. Aus dem Fachchinesisch übersetzt, bedeutet dies: Neuerdings können die Ärzte Bluthochdruck auch im Herzkatheter behandeln!

Bei den meisten Patienten schlägt die Therapie an – ohne dass mit Nebenwirkungen zu rechnen ist. In München wird das innovative ­Verfahren unter anderem bereits am städtischen Klinikum Bogenhausen, im Klinikum rechts der Isar und in der Klinik Augustinum angeboten.

Professor Dr. Ellen Hoffmann, Chefärztin am Klinikum Bogenhausen, ist eine weltweit anerkannte Elektrophysiologin und Kardiologin. Sie hat mit der Arbeitsgruppe von Dr. Martin Schmidt in ihrer Klinik in Südbayern die größte Erfahrung mit dem Verfahren der Renalen Sympathikus-Denervation. Seit mehr als 20 Jahren verwendet die Medizinerin schon Radiofrequenzstrom zur Verödung von Herzrhythmusstörungen, auch die RSD beruht auf der Nutzung des Radiofrequenzstroms als Energiequelle. In der tz erklärt Prof. Hoffmann, was die Ärzte im Herz­katheterlabor genau machen und wie die Patienten davon profitieren.

„Dieses Verfahren gibt es erst seit zwei, drei Jahren. Weltweit sind bislang etwa 800 Patienten so behandelt worden, 39 von ihnen bei uns in München“, erläutert die Medizinerin. „Die meisten Patienten fühlen sich hinterher besser. Bei 80 bis 85 Prozent sank der systolische Blutdruckwert (der obere Wert, Anm. der Red.) um 10 bis 30 mmHg. Unser statistischer Mittelwert liegt bei 17 mmHg.“ Zum Vergleich: Als Faustregel geben Kardiologen vor, dass man den Blutdruck mit einem Medikament um etwa 10 mmHg reduzieren kann.

Zum Allheilmittel taugt RSD allerdings (noch) nicht. Denn zum einen existieren noch keine Langzeitstudien, und zum anderen erforschen die Spezialisten derzeit noch den genauen Wirkmechanismus. Deshalb knüpft Hoffmann den Eingriff an strenge Kriterien: „Wir machen ihn nur dann, wenn der Blutdruck nicht sinkt, obwohl der Patient mindestens drei Medikamente nimmt. Außerdem muss der systolische Blutdruckwert bei einer Langzeitmessung im Mittel über 160 mmHg liegen.“

Der Eingriff ist für die Patienten keine Frage des Geldes – die Kosten werden auch von den gesetzlichen Kassen übernommen. Aber wie bei jedem Eingriff im Herz­katheterlabor bleibt ein gewisses Restrisiko. So können beispielsweise in seltenen Fällen Gefäße unbeabsichtigt verletzt werden. „Bei uns gab es allerdings noch keine Komplikationen“, betont die Professorin.

Andreas Beez

Hightech-Eingriff: Was die Ärzte genau machen

Das Prinzip: „Bei der Entstehung von Bluthochdruck spielt der Sympthatikus eine zentrale Rolle. Er ist eng mit der Niere verbunden“, erklärt Professor Ellen Hoffmann. Der Sympthikus sitzt im Gehirn und ist eine Steuerungszentrale des vegetativen Nervensystems. Er hat die Funktion, die Handlungsbereitschaft des Menschen bei Bedarf zu erhöhen – beispielsweise im Fall von Stress oder Gefahr. Dazu schickt der Sympathikus unter anderem Impulse an die Niere. Das „Macher-Organ“ bildet dann Renin. Dieses Enzym setzt wiederum einen chemischen Prozess in Gang, der die Gefäße verengt und damit den Blutdruck steigen lässt. „Bei der Sympathikus-Denervation blockieren wir praktisch die Datenautobahnen“, erklärt Hoffmann.

Die Methode: Zunächst punktieren die ­Mediziner die Leistenarterie und legen einen Zugang. Anschließend schieben sie einen Spezial-Katheder in die Arterie. Das ist ein hauchdünner High-Tech-Schlauch mit einem Spitzendurchmesser von nur 1,3 Millimetern. An dessen Ende befindet sich eine Energiequelle, die Hitze erzeugt. Laien können sich das Prinzip so ähnlich vorstellen wie bei einem ferngesteuerten Lötkolben. Hoffmann erklärt es genauer: „Wir arbeiten mit Radiofrequenzenergie bei einer Leistung von vier bis acht Watt.“

Der genaue Ablauf: Der Einsatzort des High-Tech-Katheters aus einem amerikanischen Innovationslabor liegt etwa in Höhe des zweiten Lendenwirbels. Dort entspringen die Nierenarterien. An deren Außenwänden befindet sich ein Nervengeflecht, das die Impulse vom Sympthatikus an die Niere weiterleitet – und genau dieses Geflecht schalten die Mediziner aus, sie nennen das Verödungstechnologie („Ablation“). Dabei setzen sie die Hitzequelle spiralförmig an sechs verschiedenen Stellen an. Das Verfahren erfordert Präzisionsarbeit. „Der Abstand zwischen den Verödungspunkten beträgt nur fünf Millimeter“, erklärt Hoffmann.

Was die Patienten erwartet: Der Eingriff dauert 45 bis 60 Minuten und wird unter lokaler Betäubung und bei einer leichten Sedierung durchgeführt.

Die Nachbehandlung: Danach muss der Patient noch ein bis zwei Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben – unter anderem, damit die Ärzte früh auftretende Blutdruckschwankungen erkennen können. Professor Ellen Hoffmann: „Mit einem Abfall des Blutdrucks ist aber in der Regel erst verzögert im Verlauf von Wochen nach der Verödungstherapie zu rechnen.“ Nach der Entlassung sind noch weitere ambulante Kontrolluntersuchungen notwendig.

Andreas Beez

Eine Bluthochdruck-Patientin über ihre Erfahrungen mit RSD: „Mir geht es deutlich besser“

Elfriede Rundbuchner hatte Angst – Angst vor dem Ungewissen: „Mir sind lauter Fragen durch den Kopf gegangen: Was, wenn bei dem Eingriff etwas passiert? Funktioniert die neue Methode? Werde ich mich hinterher wirklich besser fühlen?“ Doch am Ende wurden ihre Zweifel übertrumpft – von der Hoffnung, dass sie endlich ihren extremen Bluthochdruck in den Griff bekommt. So fuhr die 54-jährige Hausfrau und Mutter aus Amelgering bei Eggenfelden ins Klinikum Bogenhausen. Dort unterzog sie sich einer Renalen Sympathikus-Denervation (RSD). Heute, ein Jahr nach dem viertägigen Krankenhausaufenthalt, sagt sie erleichtert: „Mir geht es deutlich besser.“

Ihre 20-jährige Leidensgeschichte fing recht harmlos an. „Ich hatte zunächst nur ab und zu Kopfschmerzen. Aber mit Mitte 30 wurde es immer schlimmer.“ Ein aufmerksamer Mediziner schaute sich ihre Blutdruckwerte genauer an – und fand heraus, dass schon beide Eltern der Patientin sehr hohen Blutdruck hatten. In der schlimmsten Phase stieg Elfriedes oberer (systolischer) Wert über 200 mmHg.

Zunächst brachte keine Behandlung dauerhaften Erfolg. „Aber nach dem RSD-Eingriff ist mein Blutdruck auf 160 runtergegangen.“ Elfriede braucht jetzt weniger Tabletten. Mit Sport und gesünderer Ernährung versucht die Patientin, ihre Werte weiter zu drücken. Der Anfang ist gemacht.

BEZ

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