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Der Neurochirurg Professor Bernhard Meyer (links) erklärt, was genau geschieht, wenn Patienten unters Messer müssen.

Rücken-Serie: So funktionieren die häufigsten OPs

Der klassische Bandscheibenvorfall oder tiefsitzender Rückenschmerz. Was passiert, wenn Patienten unters Messer müssen? Wann ist eine Operation sinnvoll? Wir erklären die häufigsten Eingriffe:

Die konservativen Wirbelsäulen-Therapien in allen Ehren – aber manchmal sind auch die besten Orthopäden, Osteopathen, Chiropraktiker und Physiotherapeuten mit ihrem Latein am Ende. Dann suchen die Patienten ihr Heil oft in einer Operation.

Allein in der Neurochirurgischen Klinik Rechts der Isar kommen jedes Jahr mehr als 1600 Wirbelsäulen-Kranke unters Messer und etwa 500 werden minimal-­invasiv schmerztherapeutisch behandelt. Knapp die Hälfte der Operierten leidet unter den Folgen von Verschleißerscheinungen. „Das Gros dieser Patienten klagt über Beschwerden im Lendenwirbelsäulenbereich“, ­berichtet der erfahrene Klinik­chef Professor Bernhard Meyer (49). „Der etwas kleinere Teil hat Probleme mit der Halswirbelsäule.“ Im Rahmen der neuen tz-Rücken-Serie erklärt der Neurochirurg heute die häufigsten Eingriffe.

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Der klassische Bandscheibenvorfall:

  • Wer wird operiert?

Hier muss man grundsätzlich unterscheiden: Patienten, die sich mit neurologischen Ausfällen vorstellen, müssen operiert werden. Darunter versteht man Lähmungserscheinungen – häufig in den Beinen. Sie können aber auch im Bereich von Blase und Darm auftreten. Wenn der Patient „nur“ an Schmerzen leidet, sollte er sich zunächst konservativ behandeln lassen. In zwei Dritteln der Fälle erzielt man mit Physio- und Verhaltenstherapie dasselbe Ergebnis wie mit einer Operation. Allerdings sind die Operierten meistens schneller wieder fit.

  • Wie funktioniert die Bandscheiben-OP?

Ziel des Chirurgen ist eine sogenannte Dekompression der Wirbelsäule – also eine Entlastung. Für jede defekte Bandscheibe – Mediziner sprechen von Etagen – ist ein etwa zwei Zentimeter langer Hautschnitt erforderlich. Mit Hilfe eines OP-Mikroskops und einer speziellen Fasszange entfernt der Operateur die abgebrochenen Teile der Bandscheibe. Die Gefahr einer Lähmung durch einen Kunstfehler ist gering: Sie liegt im Promillebereich. Der Zugang zur Lendenwirbelsäule erfolgt vom Rücken aus, bei Halswirbelsäulen-­Eingriffen schneiden die Ärzte an der Vorderseite des Halses. Diese Methode ist schonender, weil man dabei nur Hautschichten durchtrennen muss.

  • Wie lange dauert die OP?

Für eine Etage rechnen die Chirurgen mit etwa 30 bis 45 Minuten.

  • Wie groß sind die Erfolgschancen?

Studien belegen, dass nach einer Operation an den Halswirbel-Bandscheiben 95 bis 98 Prozent der Patienten zufrieden sind. Im Lendenwirbelsäulenbereich liegt die Quote nach einem Jahr laut der Schlüssel-Studie aus dem Jahr 2007 bei 95 Prozent. Das gilt ebenso für die Gruppe der rein konservativ behandelten und für diejenigen, die erst später operiert wurden.

Bandscheibenvorfälle und Stenosen mit begleitender Instabilität:

  • Wie funktionieren diese Operationen?

Zur Stabilisierung werden Wirbelkörper verschraubt und für eine Versteifung zusätzlich zu den Schrauben Materialien eingebaut, um die Wirbelsäule zu stützen und eine dauerhaft feste Verbindung zwischen den Wirbeln zu erzeugen. In diesem Fall sind größere Hautschnitte nötig, die schon mal zehn bis 20 Zentimeter lang sein können. Durch die größere Wundfläche ist in der Regel die postoperative ­Erholung deutlich langsamer als nach einem klassischen Bandscheibenvorfall auf einer Etage.

  • Wie lange dauert eine Versteifung?

Pro Etage knapp zwei Stunden. Generell werden Rückenpatienten in der Neurochirurgischen Klinik Rechts der Isar nur selten länger als fünf bis fünfeinhalb Stunden operiert. Dies ist nur bei der Korrektur größerer Fehlstellungen der Wirbelsäule notwendig.

Stenosen (Verengung des Wirbelkanals):

  • Wer wird operiert?

Die Stenose ist eine typische Alterserkrankung. Im Laufe des Lebens verengt sich der knöcherne Wirbelkanal und kann auf die Nerven drücken. Viele dieser Patienten haben bereits beim Los­gehen starke Schmerzen, müssen immer wieder stehen bleiben, weil sie eine Schwäche in den Beinen spüren. Ihre Bewegungsfähigkeit ist oft massiv eingeschränkt. Wer nach ungefähr drei Monaten konservativer Behandlung noch keine Besserung verspürt, der gilt als OP-Kandidat. Bei Halswirbel-Stenosen ist eine Operation zwingend nötig, wenn die Verengung auf das Rückenmark drückt. Wir wissen aus Studien, dass es Patienten mit Stenosen nach einer OP deutlich besser geht – und zwar anhaltend. Bei Stenosen bringen konservative Therapien meist nur sehr kurzfristige Verbesserungen.

  • Wie funktioniert die OP?

Ähnlich wie beim Bandscheibenvorfall: Knöcherne Teile, die den Spinalkanal blockieren, werden mittels Mikroskop und Zange entfernt.

  • Wie lange dauert die OP?

Pro Etage etwa 45 Minuten.

Tief sitzender Rückenschmerz:

  • Wer wird operiert?

Hier macht ein Eingriff sehr selten Sinn. Im Schnitt ist nur einer von 200 Patienten ein OP-Kandidat. Es gibt nur einige wenige Krankheitsbilder, bei denen eine klare OP-Indikation bestehen kann (zum Beispiel bei einer sogenannten Lysebildung des Wirbelbogens). Der Rest der Patienten profitiert Studien zufolge am besten von einer ambulanten dreiwöchigen Physio- und Verhaltenstherapie. Leider werden auch hierdurch nicht alle Patienten schmerzfrei.

Andreas Beez

Das Team für Ihren Rücken

Das Team für Ihren Rücken

Die Krankenkassen raten ihren Patienten immer wieder: Holen Sie bei schwierigen Diag­nosen noch ein zweite Meinung ein. Den tz-Lesern stehen sogar acht Experten als Ratgeber zur Verfügung. Das tz-Team besteht aus (von links) Dr. Gabriele Rat, Wolfgang A. Sohler , Dr. Christoph Nicolaisen, Alexander Scheurer , Dr. Martin Marianowicz, Thomas Jäger und Johannes Langemann . Auch Professor Bernhard Meyer ist mit von der Partie. Unsere Rücken-Profis beantworten gerne Ihre Fragen – auf Wunsch auch anonym. Eine Auswahl der Antworten wird in der tz veröffentlicht. Schreiben Sie uns einfach an folgende Adresse: tz-Redaktion, Paul-Heyse-Straße 2-4, Stichwort „Rücken-Serie“, 80336 München. Oder schicken Sie uns eine E-Mail an: andreas.beez@tz.de.

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