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Bluthochdruck, ein Infarkt, eine Infektion: Die Ursachen für akute Herzschwäche sind vielfältig.

Herzschwäche

Ein neues Leben ohne Herzschlag

Bluthochdruck, ein Infarkt, eine Infektion: Die Ursachen für akute Herzschwäche sind vielfältig. Bei Franz R. war eine kranke Mitralklappe schuld, dass sein Herz versagte. Eine Titanpumpe in seiner Brust ermöglicht ihm heute ein neues Leben.

Herzchirurg Prof. Christian Hagl zeigt, wo das Kunstherz im Körper sitzt.

Als die Sprechstundenhilfe Franz R.s Blutdruck messen wollte, erschrak sie. „Da war keiner“, erzählt der 69-Jährige und lacht. Auch Puls konnte sie keinen messen. Herzchirurg Prof. Christian Hagl legt seine Finger auf das Handgelenk seines Patienten. „Tatsächlich! Kein Puls mehr“, sagt der Direktor der Herzchirurgischen Klinik in Großhadern. Dennoch sitzt Franz R. vor ihm und erzählt lebhaft.

Möglich macht das eine kleine Pumpe aus Titan in seiner Brust – und eine schwarze Tasche, die Franz. R. immer über seiner Schulter trägt. Darin steckt seine Lebensversicherung: Ein Akku versorgt über ein Kabel, das in seinen Bauch führt, sein Herz mit Energie. Eine zweiter, ebenfalls immer in das Steuerungssystem eingesteckt, dient als Ersatz. Ein Ausfall wäre tödlich. „Doch es geht mir großartig gut“, sagt er.

Akute Herzschwäche: Franz R. wartete bereits auf den Tod

Vor zweieinhalb Jahren hatte Franz R. sich das kaum vorstellen können. Im Klinikum Harlaching dämmerte er auf der Intensivstation dahin. Zuerst versagten die Nieren, dann die Leber. Franz R. erinnert sich nur lückenhaft an die Zeit. Doch weiß er noch, dass er auf den Tod wartete. „Ich dachte, das wird nichts mehr.“

Dabei hatten die Probleme ohne Vorwarnung begonnen: Im Sommer 2009 fühlte sich Franz. R. noch fit, half seiner Tochter beim Umzug. „Ich war auf der Höhe meiner Leistungskraft“, erzählt er. Doch plötzlich, auf einer Urlaubsreise im Herbst, fühlte der Rentner sich schwach. „Ich dachte, es wäre eine Sommergrippe“, sagt er. Doch die wollte einfach nicht wieder vergehen. Im Gegenteil: Bald ging ihm schon nach ein paar Treppenstufen die Luft aus.

Seine Frau schickte ihn schließlich zum Hausarzt. Beim Blick auf das Röntgenbild sagte er: „Sie haben ein Riesenherz!“ – und überwies ihn sofort zum Kardiologen. Rasch war klar: Franz R. machten keine Viren zu schaffen. Die Ursache für die Erschöpfung war das Herz. Die Mitralklappe schloss nicht richtig. „Die Herzklappen funktionieren wie Rückflussventile“, erklärt Hagl. Das Blut kann durchströmen, aber nicht zurück. Durch die Mitralklappe strömt das Blut vom linken Vorhof in die linke Herzkammer. Von dort aus wird es durch die Aorta, die Hauptschlagader, in den Körper gepumpt. Ist die Klappe undicht, entsteht ein Rückstrom. „Das Herz kann das lange ausgleichen“, sagt Hagl. Und zwar, indem es stärker pumpt. Für das Organ ist das aber Hochleistungssport. Der Herzmuskel wird dicker, das Herz größer. Doch das lässt auch das Leck im Rückflussventil größer werden. „Ein Teufelskreis“, sagt Hagl. Schließlich kommt es zu Beschwerden – und das oft innerhalb recht kurzer Zeit. Zu wenig sauerstoffreiches Blut gelangt in Organe und Muskeln. Die Betroffenen fühlen sich erschöpft. Typisch für eine solche Herzinsuffizienz ist Atemnot bei Belastung.

Darunter litt auch Franz R. Sein Kardiologe in Agatharied sah nur noch einen Weg: eine Operation – und das rasch. Franz R. kam in die Herzchirurgische Klinik in Großhadern, damals geleitet von Prof. Bruno Reichart. Bei der Operation durchtrennten die Chirurgen das Brustbein und legten das Herz still. Seine Funktion übernahm während des Eingriffs eine Herz-Lungen-Maschine. Reichart versuchte, die defekte Herzklappe zu rekonstruieren – mit Erfolg.

Nach der OP im Januar folgte die Reha. Franz R. ging es wieder besser, doch nur vorübergehend. Schon ein Jahr später begannen Atemnot und Erschöpfung von neuem. „Der Herzmuskel war einfach schon zu überlastet“, sagt Hagl. Die Energieversorgung des Körpers brach langsam zusammen. Eine erneute Operation würde nicht helfen, Medikamente nützten kaum mehr. „Man spricht von einer ausgebrannten Klappenerkrankung“, sagt Hagl.

Nachts steckt Franz R. sein Herz an das Stromnetz an

Schließlich war Franz R. zu schwach, auch nur das Bett zu verlassen. In der Klink unterstützten Maschinen seinen Kreislauf. Doch die Ärzte wollten noch nicht aufgeben. Sie nahmen Kontakt mit den Experten in Großhadern auf. Hier gibt es ein Spezialzentrum für Herztransplantationen und auch Herzunterstützungssysteme. Der Leiter Dr. Ingo Kaczmarek untersuchte Franz R. in Harlaching – und schlug einen Transport in die Uniklinik vor. Möglich machte das ein hochmodernes Gerät, entwickelt von der Kardiotechnik in Großhadern: Eine transportable Herz-Lungen-Maschine, nur zehn Kilo schwer.

Nach gründlichen Untersuchungen war klar: Ein Herzunterstützungssystem könnte Franz R. helfen. Das nur 160 Gramm schwere Gerät wird unten in die Herzspitze eingesetzt. „Es reicht aber nicht, eine Pumpe einzusetzen“, sagt Hagl. Möglich macht so einen Eingriff nur ein Team aus Experten verschiedener medizinischer Fachrichtungen. Denn Patienten, die ein Kunstherz erhalten, sind meist bereits extrem geschwächt, Organe haben versagt, Wasser hat sich in Bauch und Lungen angesammelt, die Blutgerinnung ist gestört. Sie müssen beatmet werden, zudem ist die Infektionsgefahr hoch. Denn nach dem Eingriff verlässt ein Kabel den Körper des Patienten, die Driveline. Über sie wird das Kunstherz mit Energie versorgt. „Die Patienten hätten sonst keine Chance“, sagt Hagl. Mit dem künstlichen Herzen können sie wieder eine recht gute Lebensqualität erreichen.

Doch zuvor wartet eine schwere Zeit auf sie. Ständig müssen Entscheidungen getroffen werden, etwa welche Therapie ethisch noch zu verantworten ist. „Das geschieht stets in engem Kontakt mit den Angehörigen“, sagt Hagl.

Als Franz R. in den OP-Saal gefahren wurde, dachte er: „Ich hätte mich verabschieden sollen.“ Doch alles ging gut. Die Organe erholten sich, nach einer Woche kann er die Intensivstation verlassen. „Die Schwestern waren rührend“, erzählt er. Doch einige Monate später – ein Rückschlag. Wieder fühlte sich Franz R. erschöpft. Er hatte eine Blutvergiftung. Die Ärzte versuchten, sie mit Antibiotika in den Griff zu bekommen. Aber das war schwierig. „Infizierte Implantate sind ein großes Problem“, sagt Hagl. Die Keime versteckten sich in Gewebetaschen. Die Ärzte vermuteten, dass nicht das Kunstherz, sondern ein implantierter Defibrillator schuld sein könnte. Dieser wurde Franz R. bei der ersten OP eingesetzt – zur Sicherheit, falls das Herz zu flimmern beginnt. Die Ärzte entfernten ihn und setzten einen neuen auf der anderen Seite ein. Franz R. hatte Glück. Die Infektion klang ab.

Seither lebt er gut mit seinem Herz aus Titan. Er nimmt blutverdünnende Medikamente ein, alle vier bis fünf Stunden wechselt er den Akku. Der Ausgang der Driveline muss regelmäßig neu verbunden werden, die Haut sorgfältig desinfiziert. „Meine Frau macht das prima“, sagt Franz R. Einkaufen in der Stadt? Kein Problem. Spazierengehen? Auch das macht ihm wieder Freude. Nachts bekommt das Herz Strom über die Steckdose, bei langen Autofahrten über den Zigarettenanzünder. Franz R. spürt den Puls des Lebens wieder – und das ohne Herzschlag.

Von Sonja Gibis

Neue Entwicklungen beim künstlichen Herzen

Das Herz ist der Motor des menschlichen Körpers. Versagt er den Dienst, gibt es am Ende nur noch eine Lösung: ein neues Herz. Erlauben es Alter und Gesundheitszustand des Patienten, gilt als beste Therapie noch immer die Transplantation eines Spenderorgans. Doch diese ist nur bei wenigen Patienten möglich. Seit dem Organspendeskandal hat sich der ohnehin dramatische Mangel an Spenderherzen weiter verschärft. „Für die Patienten ist das eine Katastrophe“, sagt Prof. Christian Hagl, Direktor der Herzchirurgischen Klinik in Großhadern. Manchen kann die moderne Medizintechnik dennoch helfen: Bei der Entwicklung von Kunstherzen hat es in den vergangenen Jahren große Fortschritte gegeben. Sogenannte Herzunterstützungssysteme kommen heute nicht nur zum Einsatz, wenn das Herz völlig versagt. „Man nützt die Möglichkeit immer öfter schon früher“, sagt Hagl.

Unterstützung für das kranke Herz: Eine implantierte Pumpe aus Titan befördert permanent Blut in den Kreislauf.

Sind die Patienten erst mal schwerstkrank, haben etwa bereits einige Organe versagt, stehen ihre Chancen, den Eingriff zu überstehen, nicht sehr gut. Eine rechtzeitige Therapie erhöht die Chancen auf mehr Lebensqualität. Früher kam ein Kunstherz indes nur als äußerste Notlösung zum Einsatz, vor allem um die Zeit bis zur Transplantation zu überbrücken. Die Geräte waren so konstruiert, dass sie das Herz möglichst exakt nachahmten, vor allem auch seinen Puls. „Man dachte, dass dies auch für die Funktion der Organe notwendig ist“, sagt Hagl. Die Geräte waren relativ groß und schwer. Die Pumpe befand sich deshalb oft außerhalb des Körpers und war über mehrere Schläuche mit dem Gefäßsystem verbunden. Andere Kunstherzen wurden zwar implantiert, doch saßen sie wegen ihrer Größe unterhalb des Herzens im Bauchraum des Patienten. Betrieben wurden sie mit Druckluft. Der Durchbruch kam, als man sich von diesem Prinzip abwandte. So erkannte man einerseits, dass es oft ausreicht, die Funktion der linken Herzhälfte zu ersetzen.

Diese ist dafür zuständig, das sauerstoffreiche Blut durch den Körper zu pumpen. „Die rechte Hälfte wird dann quasi mitgenommen“, sagt Hagl. Zwar gibt es auch Rechts-Herz-Systeme. Doch werden diese seltener benötigt und sind auch weniger erfolgreich. Zudem erkannte man, dass es für den Körper nicht entscheidend ist, dass das Kunstherz einen Puls erzeugt. Neue Systeme pumpen das Blut daher gleichmäßig durch den Körper. Die modernen Geräte sind viel kleiner und werden nicht nur implantiert, um die Zeit zur Transplantation zu überbrücken. In manchen Fällen unterstützen sie das Herz vorübergehend, um ihm Zeit zur Erholung zu geben. Kommt eine Transplantation nicht infrage, werden sie auch als Dauertherapie eingesetzt. Wie lange das möglich ist, ist noch unklar. Manche Patienten leben allerdings schon einige Jahre lang mit einem Kunstherz.

Auch das Kunstherz, das Hagl Franz R. implantiert hat, ist als Dauertherapie gedacht. Um es einzusetzen, wird unten in die linke Kammer des Herzens ein kleines Loch geschnitten. Dort wird ein stabiler Ring eingesetzt und die Pumpe darin befestigt. Diese besteht aus einem zylinderförmigen Hohlraum, in dem ein starkes Magnetfeld herrscht. In diesem dreht sich schwebend im Blutstrom ein kleiner Propeller. Das Blut wird so gleichmäßig in den Körper befördert, bis zu zehn Liter pro Minute.

Ein Problem ist derzeit noch die externe Energieversorgung. Dazu führt ein Kabel in den Körper des Patienten. Die Zukunft sieht Hagl in Kunstherzen, die durch Induktion mit Energie versorgt werden können. Der Patient trägt dazu eine Weste, die ein Magnetfeld erzeugt. Das lädt den Akku im Kunstherz auf. „Das Problem ist derzeit noch die Hitze, die dabei entsteht“, sagt Hagl. Doch ist er überzeugt, dass auch dieses bald gelöst werden wird.

sog

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