Nicole Jäger arbeitet als Abnehm-Coach. 

Heute arbeitet sie als Coach

Interview: So hat Nicole 200 Kilo abgenommen

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Hamburg - Nicole Jäger hat mit 26 Jahren 340 Kilo gewogen. Sie war so unförmig und unbeweglich war, dass sie ihr Bett kaum verließ. Sie steigerte sich in Todesangst hinein. Sie wollte leben. Heute hilft sie anderen abzunehmen.

Hinterher ist ­alles gut, heute scheint es so, als hätte alles von Anfang an einen Sinn gehabt: Als hätte es so sein müssen, dass Nicole Jäger aus Hamburg mit gerade mal 26 Jahren 340 Kilo wog, so unförmig und unbeweglich war, dass sie ihr Bett kaum noch verließ. Ihr Tagesablauf – eine einzige Mahlzeit. Bis der Körper nicht mehr wollte, sie eines Morgens mit Herzrasen und Panikattacken aufwachte und ihr in Todesangst klar wurde: Sie wollte leben! 

Doch dafür musste sie anfangen, Gewicht zu verlieren, anstatt immer fetter zu werden. 

Nicole Jäger schwor allen Diäten ab, sie fing an, sich ausgewogen zu ernähren. Sie begann wieder, sich zu bewegen. Sie hatte Sprachen studiert, schloss eine Heilpraktiker-Ausbildung ab, lernte intensiv, wie der Körper Nahrung verdaut und der Stoffwechsel funktioniert. Sie hatte Rückfälle, sie kämpfte in Zeiten, wo ihr Gewicht einfach stagnierte. Sie hielt durch und gibt heute, sieben Jahre später, als Abnehm-Coach ihre Erfahrungen weiter.

„Ich habe ja selbst alles leidvoll ausprobiert. Für mich ist es ein ganz großes Geschenk, dass ich aus dem ganzen Mist, den ich in meinem Leben durchgemacht habe, etwas machen konnte, das gut ist und anderen hilft.“ Ihre Kunden kommen aus ganz Deutschland, sogar aus Großbritannien und der Türkei fliegen Menschen ein, die mithilfe von Nicole Jäger zu einem gutem Körpergefühl und einem vernünftigem Gewicht kommen wollen. Wenn die Klienten mal jammern, hat Nicole Jäger vollstes Verständnis: „Abnehmen ist scheiße. Gut ist es immer erst hinterher.“ 

Nicole Jäger war ein Opfer des Jo-Jo-Effekts

Von klein auf wurde sie als moppliges Mädchen auf Diät gesetzt und immer wog sie wenige Wochen nach so einer Kur mehr als zuvor. Ein Sportunfall mit zerschmetterten Hüften fesselte sie lange Zeit an den Rollstuhl, an Bewegung war nicht zu denken, an essen schon – und so legte sich Fettschicht über Fettschicht auf ihren Körper. Bei 147 Kilo hatte Nicole Jäger aufgehört sich zu wiegen, als sie nach Jahren wieder damit anfing, musste sie sich mit jedem Fuß auf eine extra Waage stellen: Das Ergebnis war niederschmetternd und hätte fast fürs Guinness-Buch der Rekorde gereicht: 340 Kilo! 

Es hatte nicht gemangelt an guten Ratschlägen von Freunden, die ihr auch in der Zeit zur Seite standen, als sie nicht mehr aus dem Haus gehen konnte. Aber Nicole Jäger wollte die Tipps nicht hören. Ärzte rieten ihr zu einer Operation, bei der der Magen radikal verkleinert wird. Nicole Jäger sagte den Termin ab, sie hatte Sorge, zu viel Lebensqualität zu verlieren, weil in so einen Restmagen praktisch kaum Essen hineinpasst. Sie wollte weiter gut essen und das Essen genießen können. Ihr war klar geworden: Bisher hatte sie nur gefressen, aber nicht gegessen. Sie warf die Diätbücher weg, kaufte Kochbücher und begann, sich normal und gesund zu ernähren.

Ihr Ziel: So schlank sein, dass sie das Flugzeugtischchen aufklappen kann

„Jeder soll mit gutem Gefühl und gutem Gewissen essen. Es gibt keine bösen Lebensmittel, es gibt nur ein Zuviel.“ Nicole Jäger ist immer noch eine dicke Frau, 50 bis 60 Kilo will sie noch verlieren. Doch das eilt nicht: „Man muss sich Zeit lassen, niemand ändert sich über Nacht. Ich bin ja auch nicht über Nacht fett geworden.“ Ihr Ziel: So schlank zu sein, dass sie im Flugzeug das Tischchen fürs Essens­tablett runterklappen kann – auch wenn ihr diese Mahlzeiten über den Wolken vermutlich gar nicht mehr schmecken würden.

Nicole Jäger im Interview: "Ich hasse alle Diäten"

Sie nehmen ab, also sind Sie auf Diät, oder? 

Nicole Jäger: Ich bin ein erklärter Feind von Diäten und mache auch keine mehr. Ich ernähre mich ausgewogen und mache Sport. Ich habe ein gesundes Verhältnis zum Thema Essen entwickelt und nehme damit nach und nach ab. Ich wiege mein Essen nicht ab, ich schreibe nichts auf, ich zähle keine Kalorien. Viele sagen mir: Na ja, sich vernünftig zu ernähren und sich zu bewegen, ist ja nun nichts Neues. Das stimmt, es macht nur keiner! Wir fangen im frühen Alter schon mit den ersten Diäten an. Schuld und Verzicht sind die beiden Hauptthemen rund um Ernährung: Man denkt immer: Ich würde ja gern, aber ich darf nicht. Mit diesen Gefühlen geht man durchs Leben. Das ist doch furchtbar, dafür ist das Leben einfach zu kurz. Essen ist was Tolles! Wir können und dürfen alles essen, nur eben nicht alles auf einmal. 

Oft ist der Anfang besonders schwer: die Hürde scheint so hoch, das schlechte Gewissen, so viel zu wiegen, ist so groß! 

Jäger: Ich rate zu einer schonungslosen Bestandsaufnahme – seien Sie gnadenlos ehrlich: Wie viel wiege ich, wie konnte es so weit kommen, was esse ich eigentlich? Und dann vergeben Sie sich für das, was passiert ist, und ziehen Sie einen Schlussstrich! Erst, wenn Sie innerlich abgeschlossen haben, kann etwas Neues beginnen. Aber erwarten Sie nicht, dass es einfach wird, Abnehmen ist Arbeit, und das dürfen wir auch so nennen. 

Wie kann man am besten durchhalten? 

Jäger: Ernährung ist ganz einfach: Nehmen Sie das, was Sie mögen, und lassen Sie weg, was Sie nicht mögen. Unser Körper sagt uns, was er braucht: Und er sagt nicht jeden Tag: Ich brauche Pizza und Kuchen. Darauf hat er gar keinen Bock. Aber ab und zu mag er eine Pizza, und dann dürfen wir auch eine essen. Dann müssen wir eben den Rest des Tages andere Dinge essen. Wenn Sie jetzt eine Diät anfangen und den ganzen Tag Magerquark, Kohlsuppe oder Ananas essen, verspreche ich Ihnen: Das kotzt Sie nach spätestens einer Woche an! Meine Klienten frage ich: Wenn Sie etwas tun wollen, um Gewicht zu verlieren: Können Sie sich vorstellen, das für den Rest ihres Lebens zu tun? Wenn die Antwort Nein lautet, fangen Sie gar nicht damit an. Sie werden Gewicht verlieren, aber es wird Ihnen um die Ohren fliegen. Sie bekommen den Jo-Jo-Effekt und sind noch unglücklicher, wenn Sie auf einmal 20 Kilo mehr wiegen als vor der Diät. 

Sie sind immer noch sehr dick, wie sehr nerven Sie die Blicke der Umwelt? 

Jäger: Das ist ein Riesendrama. Ich bin ein von Grund auf gut gelaunter Mensch und habe eine Riesenklappe. Ich habe auch schon viel an mir persönlich gearbeitet, ich bin einen weiten Weg gegangen und habe dabei viel gelernt. Das hilft mir natürlich in solchen Situationen. Generell würde ich mir mehr eine Egalhaltung wünschen: „Egal wie du aussiehst, du darfst so sein.“ Wenn nur das Aussehen und die Körperlichkeit betrachtet werden, dann trennt das die Menschen voneinander. Es muss ja nicht jeder toll finden, wie ich aussehe. Aber das ist immer noch meine Angelegenheit. Meine Praxis ist voller Menschen, die ganz viel mit ihrem Leben anfangen könnten, es aber aufgrund ihres Gewichts nicht tun. Soziale Isolation ist ein großes Problem. Oft heißt es, man könne ja nicht erwarten, dass sich die Gesellschaft einer Randgruppe anpasst. Stimmt. Aber Übergewichtige sind keine Randgruppe: 51 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen in Deutschland sind zu dick. 

Sie haben stark abgespeckt, müssen Sie operiert werden, um überschüssige Haut entfernen zu lassen?

Jäger: Früher habe ich immer gesagt: Ich mache es auf jeden Fall, aber die Operation birgt ja auch Risiken, und ich will einfach nicht auf dem OP-Tisch hops gehen, nur weil ich meine Haut hässlich fand. Außerdem verliere ich ja weiter an Gewicht. Wenn es medizinisch notwendig werden sollte, mache ich es natürlich, wenn nicht, lasse ich mir mit der Entscheidung Zeit. 

Nicole Jäger erreichen Sie im Internet unter www.fettloeserin.de, sie beantwortet jede Nachricht persönlich.

sus

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