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Gerhard Schumann hat ein Buch geschrieben, wie er die Diagnose Parkinson gemeistert hat: Parkinson – Leben mit der Pechkrankheit, Magic-Buchverlag, 15.90 Euro.

Gerhard Schumann über seine Erkrankung

Parkinson mit 42: So geht ein Münchner damit um

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München - Rund 13.000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an Parkinson. Gerhard Schumann aus München erwischte es auch - mit 42 Jahren. Er beschreibt, wie er damit umgeht.

In der Schön-Klinik gibt es zahlreiche Methoden, Parkinson zu behandeln.

Schumann war erst 42 Jahre alt, als sein Arzt die Diagnose stellte. Jedes Jahr erkranken etwa 13.000 Menschen in Deutschland neu an Parkinson. Dabei gehen die Nervenzellen im Mittelhirn zugrunde, die den Botenstoff Dopamin bilden. Zwar trifft es die Hälfte zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr, aber jeder zehnte neue Parkinson-Patient ist jünger als 40. „Natürlich war das ein Schock“, erinnert sich Schumann: „Ich sah mich schon zappelnd im Rollstuhl sitzen.“ Er ließ sich Medikamente verschreiben, die den Botenstoff Dopamin ersetzen, und arbeitete mehr als je zuvor, bis er schließlich nicht mehr konnte und eine Depression bekam: „Ich wollte nicht schwach sein, ich wollte nicht krank sein. Ich habe mich immer mehr in ein Schneckenhaus zurückgezogen.“ Sein Neurologe schickte ihn in die Parkinson-Fachklinik der Schön Klinik, wo Schumann in Gesprächen mit einer Psychologin lernte, die Krankheit als Teil seines Lebens zu akzeptieren: „Ich habe gelernt, dass aufgeben keine Option ist und dass die Krankheit nicht mein ganzes Leben ausmachen darf.“

Die Medikamente helfen, dass die Symptome mehr oder weniger unter Kontrolle sind. Aber langsam schreitet die Erkrankung fort: Die Schritte werden kürzer, die Schrift kleiner – weil alles Motorische schwieriger und die Bewegungen immer sparsamer werden. Gerade erst war Schumann wieder fünf Wochen lang Tag für Tag in der Schön Klinik, um zu trainieren – denn Fähigkeiten lassen sich auch zurückgewinnen: „Ich habe Schreibübungen gemacht, mein Gleichgewicht trainiert und die Motorik der Finger verbessert. Außerdem hatte ich zunehmend Probleme beim Schlucken, mit Training und Tipps habe ich das Problem jetzt besser im Griff.“

Schumann muss nun in Teilzeit arbeiten

Mit der Konzentrationsfähigkeit allerdings ist er nicht zufrieden – zwei Stunden am Stück konzentriert arbeiten, das klappt nicht mehr. „Da muss Plan B her“, sagt Schumann: „Eine Stunde arbeiten, eine halbe Stunde Pause machen und versuchen weiterzuarbeiten.“ Im Beruf arbeitet er nun Teilzeit. Stattdessen musste er im Haushalt mehr Pflichten übernehmen: „Dafür schreibt mir meine Frau nun Zettel. Das musste ich, der ehemals erfolgreiche Geschäftsmann, akzeptieren. Sie musste lernen, dass mal etwas liegen bleibt.“

Verloren gegangene Fähigkeiten lassen sich zurückholen. Schumann bei einer Fingerübung mit Knete in der Schön-Klinik.

Gerhard Schumann ist ein beschäftigter Mann. Er ist fröhlich, offen und kommunikativ. Als Autoverkäufer verdiente er damit gutes Geld. Nun nutzt er diese Eigenschaften, um anderen Menschen mit Parkinson und deren Angehörigen Mut zu machen. Schumann hat das Schreiben für sich entdeckt. Er schrieb ein Buch: Parkinson – Leben mit der Pechkrankheit. Gerade erschien sein zweites Buch, ein Krimi, der nichts mit Parkinson zu tun hat: Waldorfer Brudertränen. Kreativität ist eine bekannte Nebenwirkung der Erkrankung und der Behandlung mit dem Botenstoff Dopamin. Schumann ist Fotokünstler geworden, seine Bilder zeigt er in Ausstellungen mit anderen Patienten in der Schön Klinik und sogar im Bundesgesundheitsministerium in Berlin.

Selbsthilfegruppe gibt Kraft und Freude

Geräte-Training ist sehr wichtig für die Motorik.

Als Parki muss man kein Trauerkloß werden. Als Schumann zum ersten Mal zur Selbsthilfegruppe für die jüngeren Erkrankten stieß, war er erstaunt über die fröhliche Gruppe: „Ich fragte sie, warum sie nicht deprimierter seien. Sie sagten: Wir wissen, dass wir krank sind, aber wissen, was wir dagegen tun können. Und wir wissen auch, dass wir nicht an der Erkrankung sterben werden.“ Bei den Treffen wird viel gelacht und über alles Mögliche gesprochen – manchmal sogar über Parkinson. Es waren die anderen aus der Gruppe, die Schumann warnten: „Du wirst zum Zombie.“ Ihnen war aufgefallen, dass Schumann praktisch jede Nacht am Computer saß und bei Facebook schrieb. Diese Impulskontrollstörungen sind eine weit verbreitete Reaktion auf die Medikamente. Die Betroffenen kaufen wie verrückt ein, sie schlafen nicht mehr, werden spielsüchtig oder sogar sexsüchtig. Schumann hat sich andere Medikamente verschreiben lassen: „Es gibt ja Alternativen.“

Seine Familie lebt bewusster, die Verwirklichung von Träumen wird nicht aufgeschoben: „Weite Reisen, die mir und meiner Frau am Herzen liegen, die machen wir möglichst gleich.“ So ein Damoklesschwert einer Erkrankung erinnert eben auch ständig daran, was wichtig ist im Leben. Und so hat der Morbus Parkinson Gerhard Schumann viel genommen: seine Karriere, ein Teil der Leistungsfähigkeit und motorischen Fähigkeiten. Aber er hat auch gewonnen: den Spaß am Bücherschreiben, seine Lust an der Fotokunst, bereichernde Erfahrungen mit spannenden Menschen. Vor allem haben er und seine Familie sich den Humor nicht nehmen lassen. Wenn jetzt beim Kaffeeklatsch die Sahne geschlagen werden muss – dann sagen die Söhne: Das ist ein Job für den Papa – er zittert ja sowieso!

Die Sorgen der Angehörigen

Die tz fragte die Diplom-Psychologin Andrea Kaiser und Gerhard Schumann: Was besprechen Angehörige bei Treffen in der Schön-Klinik?

Andrea Kaiser.

Diplom-Psychologin Andrea Kaiser: Die Erkrankung ist eine harte Probe für die Beziehung. Außenstehende haben da oft wenig Verständnis, da tut es gut, sich auszutauschen und Rat zu holen, z. B. in der Frage, inwiefern man dem Partner Dinge abnehmen soll und inwieweit man sein eigenes Leben führen soll.

Gerhard Schumann: Es gibt die Partner, die den anderen bemuttern, und es gibt diejenigen, die sich von ihm entfernen. Am schlimmsten finde ich es, wenn gesagt wird: Bleib sitzen, ich mach das schon. Es muss heißen: Ich weiß, du stehst schwer auf, aber hol dir selbst Tee. Wenn etwas runterfällt, hole ich den Staubsauger, damit du aufräumen kannst.

Kaiser : Oft gibt es z. B. Streit, weil immer vor einer Verabredung oder einem privaten Termin der kranke Partner plötzlich stärkere Symptome bekommt, obwohl es ihm zuvor noch gut ging. Da fragen sich viele: Macht er das mit Absicht, um auch mir den Spaß zu nehmen?

Schumann: Dabei ist das oft nur der Stress. Wo­rüber sich andere Leute freuen, z. B. ins Kino zu gehen, kann für Parkis Probleme bedeuten. Da sind viele Menschen, womöglich muss man Treppen steigen. Ich habe manchmal das Problem des Freezing. Ich kann dann einen Moment nicht weitergehen, aber hinter mir sind womöglich Menschen, die ungeduldig werden. Allein solche Gedanken können dazu führen, dass es einem schlechter geht.

Kaiser: Gespräche in der Gruppe helfen, dieses Verhalten nicht als persönliche Kränkung zu empfinden. Wir sprechen auch viel über die Kommunikation, die sich ändern muss.

Schumann: Die Mimik verarmt, auch ich merke, wie mein Gesicht starrer wird. Wenn wir uns unterhalten, und ich mache immer das gleiche Gesicht, dann denken Sie, unser Gespräch interessiert mich nicht. Dinge, die nicht mehr über die Mimik ausgedrückt werden können, müssen ausgesprochen werden.

Kaiser: Wer Parkinson hat, muss berücksichtigen, dass der Partner nicht mehr wie früher die Emotionen ablesen kann. Man muss ganz explizit sagen: „Ich freue mich sehr, dass du mir so ein leckeres Essen gekocht hast.“

Was ist das Hauptproblem beim Leben mit Parkinson?

Kaiser: Man muss sich immer wieder neu anpassen. Die Erkrankung schreitet fort, und wieder muss man einen neuen Umgang finden, mit der zunehmenden Langsamkeit und mit dem Verlust von Fähigkeiten. Meine Erfahrung ist, dass Menschen die offen mit der Erkrankung umgehen, viel rausgehen und sie als Teil ihres Lebens akzeptieren, glücklich sind – auch mit Parkinson.

Selbsthilfegruppe:

Einmal im Monat, am vierten Mittwoch, findet in der Schön Klinik ein offenes Treffen für Angehörige statt. Jeder ist eingeladen: Schön Klinik, Parsivalplatz 4, 80804 München-Schwabing

Susanne Stockmann

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