+
Ralf Keller mit seiner Familie: Weihnachten verbrachte er in München mit Sonja Schels (Mitte), ihrem Sohn und einer gemeinsamen Schwester. Den Rest des Jahres lebt der 55-Jährige in einer modernen Senioren-WG mit Betreuung am Plattensee in Ungarn

Pflege im Ausland: Eine Münchner Familie erzählt

So lebt mein Bruder im ungarischen Altenheim

Pflege in Deutschland ist für viele oft unbezahlbar. Eine Option kann ein Altenheim im Ausland sein. Eine Münchner Familie lässt ihren Bruder in Ungarn pflegen, keine leichte Entscheidung. 

Ein modernes Haus mit großer Terrasse, Pool, Grillplatz und Karpfenteich. Das Ganze nur gut einen Kilometer vom Plattensee entfernt. Klingt wie die Beschreibung einer Ferienanlage in einem Urlaubskatalog. Aber bei Familie Ettenhuber in Lovas am Plattensee wohnen keine Feriengäste, sondern Senioren. Einer von ihnen ist der Münchner Ralf Keller (55).

Den Rest des Jahres lebt der 55-Jährige in einer modernen Senioren-WG mit Betreuung am Plattensee in Ungarn.

Er ist Ostern 2012 in die Senioren-WG eingezogen und fühlt sich dort wie zu Hause. „Das Schöne ist, dass die Senioren in die Familie eingebunden werden und nicht einsam sind“, sagt seine Schwester Sonja Schels (50). In Ungarn geht Ralf Keller am liebsten seinem Hobby, dem Angeln, nach. Mit Michael Ettenhuber (25), dem Betreiber des Heims, sitzt er oft am Teich im Garten. Manchmal fahren die beiden mit dem Ruderboot auf den See.

„Seit Ralf in Ungarn lebt, geht es ihm viel besser. Er ist mehr an der frischen Luft und bewegt sich“, erzählt Schels. Ihr Bruder leidet unter Ataxie, hat wenig Gefühl in den Beinen. „In seiner Wohnung ist er oft gestürzt und hat sich verletzt. Auf Dauer konnte er da nicht bleiben“, sagt Schels.

Mit den Einheimischen versteht Ralf Keller sich sehr gut.

Lange hat sie nach einer passenden Bleibe für den pensionierten Postboten gesucht. „Wir wollten, dass er in ein Betreutes Wohnen kommt, wo er Ansprache hat“, erzählt sie. Anfangs dachte sie an eine WG auf dem Bauernhof. „Aber in Deutschland ist das fast unbezahlbar“, so die Sachbearbeiterin. Durch Zufall erfuhr sie von der WG am Plattensee: „Wir machen dort oft Urlaub.“

Das Konzept von Michael Ettenhuber und seinem Vater hat die beiden überzeugt. „Hier ist immer jemand für Ralf da. Und mit den Einheimischen versteht er sich gut. Viele im Ort sprechen deutsch“, schildert Schels. Auch der Preis ist unschlagbar: 700 Euro für die All-Inclusive-Betreuung.

Eigentlich wollte Familie Ettenhuber die Zimmer an Touristen vermieten. 2002 zog sie aus München an den Plattensee und eröffnete eine Pension. Aber jedes Jahr kamen weniger Touristen. Also baute Michael Ettenhuber vor einem Jahr um und eröffnete die WG mit acht Plätzen. Bisher sind zwei davon belegt. „Aber in den letzten Wochen haben wir einige Anfragen bekommen“, sagt Ettenhuber.

Inzwischen hat er eine ausgebildete 24-Stunden-Kraft eingestellt, die den Bewohnern im Alltag hilft. Fürs Kochen ist sein Vater zuständig. Der nimmt gern Vorschläge von den Bewohnern entgegen. „Wer sich Reiberdatschi wünscht, bekommt den auch“, verrät Ettenhuber.

Sonja Schels besucht ihren Bruder mehrmals im Jahr. An Weihnachten war er bei ihr in München. Die Entscheidung für das Seniorenheim im Ausland haben die Geschwister nie bereut.

Beate Winterer

Die wichtigsten Fragen zur Pflege im Ausland

  • Wie viele Deutsche werden im Ausland gepflegt?

Experten gehen von bis zu 5000 Fällen aus. Insgesamt erhalten 2,5 Millionen Menschen Geld aus der Pflegekasse. Ein Teil davon war als Arbeits-Migranten in Deutschland und lebt jetzt wieder im Heimatland.

  • Muss ein Angehöriger ins Ausland, wenn er sich hier kein Heim leisten kann?

Nein. „In Deutschland ist die Pflege gewährleistet. Können Pflegebedürftige oder Angehörige nicht dafür zahlen, springt der Staat ein“, erklärt Pflegekritiker Claus Fussek.

  • Welche Länder sind bei Pflegebedürftigen beliebt?

Die meisten Angebote gibt’s in Thailand und Osteuropa. Besonders grenznahe Gebiete sind beliebt.

  • Zahlt die Pflegekasse auch im Ausland?

Die Versicherung überweist Pflegegeld ins europäische Ausland. „Man hat dort aber keinen Anspruch auf Sachleistungen in voller Höhe“, sagt Fussek. Vor dem Umzug bei der Pflegekasse nachfragen, welche Leistungen man bekommt.

  • Brauche ich ein Visum, wenn ich in ein Altenheim im Ausland ziehe?

Innerhalb der EU können Bürger problemlos umziehen. In allen anderen Ländern muss man sich vorher über Aufenthaltsgenehmigungen informieren.

  • Wie viel Geld kann man bei einem Pflegeheim im Ausland im Vergleich zu Deutschland sparen?

Je nach Land und Einrichtung sind Ersparnisse von bis zu 2000 Euro möglich. Wichtig ist es, sich vorher auszurechnen, welche Leistungen bezuschusst werden.

  • Was muss man beachten, wenn ein Angehöriger im Ausland gepflegt werden soll?

„Das ist eine individuelle Entscheidung. Man muss den Willen des Pflegebedürftigen achten“, sagt Fussek. Er sollte sich gut verständigen können und nicht einsam sein.

  • Wie finde ich ein gutes Pflegeheim im Ausland?

„Auf Zertifikate oder Bewertungen im Internet würde ich mich nie verlassen“, so Fussek. Pflege im Ausland kommt oft durch persönliche Kontakte zustande.

  • Wie beantrage ich im Ausland eine Pflegestufe?

Der Antrag muss beim deutschen MDK eingereicht werden. Der beauftragt einen Partner-MDK, der die Begutachtung übernimmt.

tz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neue Stotter-Therapien online: Sprechübungen weltweit
Geschätzt gibt es in Deutschland mehr als 800 000 Menschen, die stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Einer der Auswege: …
Neue Stotter-Therapien online: Sprechübungen weltweit
Nach Lipödem-Drama: Warum zahlt die Krankenkasse keine OP?
Viele Frauen leiden unter den Folgen eines Lipödems. Doch Krankenkassen wollen eine Fettabsaugung nicht bezahlen. Was Betroffene tun können, erfahren Sie hier.
Nach Lipödem-Drama: Warum zahlt die Krankenkasse keine OP?
Studie enthüllt: Veganer sind oft depressiver als Fleischesser
Vegan zu essen gilt als gesund und ist im Trend. Doch Ärzte warnen: Durch diese Ernährung kann ein Nährstoffmangel entstehen – und Depressionen begünstigt werden.
Studie enthüllt: Veganer sind oft depressiver als Fleischesser
Per Klebezettel im Büro an Bewegung erinnern
Eigentlich wollte man vor der nächsten Bewegungseinheit doch nur noch schnell die E-Mail fertigschreiben. Doch dann kommt man den ganzen Arbeitstag wieder nicht vom …
Per Klebezettel im Büro an Bewegung erinnern

Kommentare