Studie

Pflege-Schock: Bald fehlen 68 000 Fachkräfte

München - Überall in Deutschland fehlen Pflegekräfte – aber Bayern wird besonders hart getroffen. Bis 2030 könnten 68 000 Helfer fehlen. Vor allem in und um München droht extremer Mangel, warnt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung.

 Pflege-Schock! Die Untersuchung malt ein düsteres Szenario: Demnach wird sich die Zahl der pflegebedürftigen alten Menschen zum Beispiel im Landkreis München bis 2030 mehr als verdoppeln, in mehreren Kreisen im Umland um über 90 Prozent ansteigen. Bayernweit soll die Zahl der pflegebedürftigen alten Menschen nur um 54 Prozent steigen, deutschlandweit soll es sogar nur eine Zunahme von 47 Prozent geben. Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) warnt vor Panikmache: „Bei allen Herausforderungen der demografischen Entwicklung sollte man nicht zu schwarz sehen.“ Sie will vor allem die häusliche Pflege ausbauen: „Die meisten möchten möglichst lange selbstbestimmt im eigenen Zuhause leben.“ Die Ministerin will sich für die Entlastung pflegender Angehöriger einsetzen. Um einem Mangel an Pflegekräften vorzubeugen, müsse der Beruf attraktiver werden – bessere Bezahlung, weniger Bürokratie. „Auch im Denken muss sich was tun. Solange es Angehörige gibt, die nicht das beste, sondern das billigste Heim auswählen, wird sich wenig ändern.“ Die tz hat das St.-Josefs-Heim in Haidhausen besucht und mit Pflegern gesprochen. Sie lieben ihren Job, auch wenn er manchmal echt hart sein kann.

„Man glaubt gar nicht, was die Alten alles können“

„Ich glaube der Müllmann hat mehr Anerkennung als die Altenpfleger“, platzt es aus Rita Kraus (61) heraus. Die psychiatrische Pflegerin arbeitet seit 13 Jahren im Spätdienst des St.-Josefs-Heims. Und trotzdem liebt sie ihre Arbeit – den Kaffeeklatsch mit den alten Leuten zum Beispiel: „Man glaubt gar nicht, was da alles kommt – unwahrscheinliche Geschichten, plötzlich sind die Dementen wieder ganz klar!“ Am schönsten findet sie es, wenn die Pflegefälle plötzlich anfangen, Lieder zu trällern, bei denen sie jede Strophe kennen, oder Gedichte und Gebete stundenlang aufsagen. „Das bringe ja nicht mal ich z’am“, kichert sie. Für die Pflege muss man aus ihrer Sicht kein Psychologe sein: „Ohren und Augen auf und a bisserl das Herz.“ So bekomme man den richtigen Umgang mit den Menschen. Sie ist überzeugt, dass die Pflegebedürftigen es sofort merken, wenn man voller Ärger ist, auch wenn man versucht, etwas zu unterdrücken. Die Pflegerin braucht das nicht: Sie lacht immer herzlich. Langweilig wird es nie!

„Ein einfaches Lächeln macht mich unglaublich glücklich“

„Eine soziale Ader“, das ist für Nico Hallmann (35) das A und O für seinen Job mit Verantwortung. Er übernimmt im St.-Josefs-Heim Schichtleitung, Tagesplanung oder den Pflegeprozessplan. Sein Traumberuf? Er zögert und antwortet dann: „Unter anderen Rahmenbedingungen, ja!“ Er denkt, dass der Fachkräftemangel „noch grausiger“ wird. Trotzdem mag er besonders die Kleinigkeiten seines Berufs – wie ein Lächeln eines alten Menschen. So ein Moment macht ihn „unglaublich glücklich“, gibt ihm Kraft, Bestätigung und Zuversicht. „Was bewegen können“, das ist wichtig. Doch er warnt davor, den Beruf auf die leichte Schulter zu nehmen. Für ihn sind Allgemeinbildung, Fachwissen, Weiterbildung und Empathie entscheidend. Personal- und Zeitmangel gibt es immer. Individuelles Betreuen werde immer schwieriger: „Man sitzt gerade kurz zusammen – schon klingelt es und man muss die hilflose Person vertrösten.“ Die Arbeit könne einen auch überfordern, etwa wenn ein Demenzkranker zehnmal die gleiche Frage stellt. „Ich bin auch nur ein Mensch, der Nerven hat …“ Aber es gibt ja auch die wunderbaren Erlebnisse: „Das Herbst- und Frühlingssingen gemeinsam mit unserem Kindergarten und dem Hort sind toll. Die Alten freuen sich dann so, das ist schön!“

„Ich möchte ja auch einmal mit Würde behandelt werden“

„Echt sein“ – das ist Oxana Kokaevas Erfolgsrezept. Die 44-Jährige arbeitet seit 2004 als Altenpflegehelferin im St.-Josefs-Heim, ursprünglich stammt sie aus Russland. Waschen, Füttern, Blutzucker messen, das sind nur einige ihrer vielseitigen Aufgaben. Für sie ist der Umgang mit den alten Menschen selbstverständlich, aufgewachsen ist sie in einer großen Familie und pflegte dort Oma und Opa mit. „Ich habe alte Leute schon immer über alles geliebt.“ Nur dann könne man diesen Beruf wirklich ausüben. Am meisten schätzt sie den besonderen Dank einiger Pflegebedürftiger. „Sie küssen einem dann die Hand, das rührt mich wahnsinnig.“. Im Vergleich zu Russland findet sie es gut, dass die „alten Leute in Deutschland geschützt sind.“ In Russland läuft das ihrer Meinung nach nicht so gut. Ein bisschen Angst hat sie trotzdem manchmal – zum Beispiel, wenn sie eine gestürzte Bewohnerin auf dem Gang liegen sieht. „Angst ja, Panik ist aber nicht erlaubt.“ Unter einem unprofessionellen Verhalten würde der Bewohner leiden. Für die Frau zählt Engagement, Fleiß, gute Beobachtungsgabe und Respekt. „Wenn ich mal alt bin, möchte ich ja auch, dass ich mit Würde behandelt werde.“ Offen bleibt für sie jedoch die Frage, ob sie diese anstrengende, psychisch und körperlich belastende Aufgabe wirklich bis zum Rentenalter von 67 Jahren durchhält.

Amelie Plitt, David Costanzo

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Frau hat rätselhafte Augeninfektion - aus pikantem Grund
Erst bekommt eine Frau ein schwarzes Auge, dann stirbt ein Hund in den eigenen vier Wänden. Der Grund ist seltsam, schockierend – und lebensgefährlich zugleich.
Frau hat rätselhafte Augeninfektion - aus pikantem Grund
Weichmacher, Mineralöle & Co.: So sehr schaden Ihnen Kokosprodukte
Kokosöl und -wasser werden von Promis und Fitnessgurus mega-gehypt. Doch jetzt kommt heraus: Viele Produkte weisen laut Ökotest bedenkliche Schadstoffe auf.
Weichmacher, Mineralöle & Co.: So sehr schaden Ihnen Kokosprodukte
Erkältungsratgeber: Gut vorbeugen, Turbo-Tipps und Hausmittel
Eine Erkältung ist nervig und kann manchmal sehr lange dauern. Welche Tipps gegen fiese Viren helfen und ob pflanzliche Medikamente was bringen, erfahren Sie hier.
Erkältungsratgeber: Gut vorbeugen, Turbo-Tipps und Hausmittel
Liegt Homosexualität doch in den Genen? Studie will Beweis haben
Sind die Gene doch verantwortlich für Homosexualität? Das behauptet jetzt zumindest eine neue Studie. Ihre Erkenntnisse sorgen für Staunen.
Liegt Homosexualität doch in den Genen? Studie will Beweis haben

Kommentare