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Jeder zweite Heimbewohner bekommt sie

Pflege-Wahnsinn mit Psycho-Pillen in München

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München - In einem Bericht an den Stadtrat wurde jetzt enthüllt, dass 51 Prozent der Bewohner in Münchner Pflegeheimen regelmäßig Psychopharmaka bekommen.

Was gehört noch zur Behandlung? Wo fängt die Ruhigstellung an? Die Heimaufsicht hat die Medikamentenrezepte fast aller Senioren in den 53 Häusern in München kontrolliert und alarmierende Zahlen festgestellt: Jeder zweite Heimbewohner bekommt Psychopharmaka! Von den 6394 Senioren hatten 51 Prozent eine Verordnung über Beruhigungsmittel. Den Bericht legt KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle am Dienstag dem Stadtrat vor. Er sagt: „Das Thema Psychopharmaka im Zusammenhang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.“

Nicht jedes Mittel für die Psyche ist gleich verwerflich – die Übergänge sind fließend. „Die Medikamente können den Betroffenen helfen, ihre innere Unruhe abzubauen, damit sie ein relativ normales Leben führen können“, sagt Blume-Beyerle. „Die Gabe kann aber auch über das Ziel hinaus schießen. Die Medikamente wirken dann schnell freiheitsentziehend.“ Die Psycho-Pillen können auch dämpfen, ermatten, lähmen. Sie sind dann nicht besser als der Gurt, der einen Menschen ans Bett schnallt.

Wie viel Chemie vertretbar ist und wie viel nicht, beziffern die Experten der Heimaufsicht nicht. Das sei nur schwer in Zahlen zu fassen. Nur so viel: München landet bundesweit wohl im traurigen Mittelfeld. Laut Studien bekommen 32 bis 73 Prozent der Heimbewohner Psychopharmaka.

Und doch stellen die Experten viele kritische Punkte fest: Die Gabe von Angstlösern, Beruhigungsmitteln & Co. hängt mit Personalmangel zusammen. Pflege-Vorkämpfer Claus Fussek hält das für erwiesen (siehe Interview rechts). Blume-Beyerle formuliert es vorsichtiger: „Ein denkbarer Zusammenhang zwischen zu wenig Personal in einzelnen Heimen und steigender Medikamenten-Gabe ist nicht von der Hand zu weisen.“ Denn die Pillen werden vor allem abends und nachts aus der Schublade geholt, wenn sich die Tagschicht in den Feierabend verabschiedet und die Nachtwache kommt. Dann ersetzt die Glücklich-Pille die tröstende Umarmung, wenn Zimmer 3 schon wieder klingelt.

Schlimm für die Betroffenen: Oft bekämen die Senioren den Wirkstoff Lorazepam, der bis zu zwölf Stunden wirkt. Dann ist auch der nächste Tag im Eimer. Außerdem zeigten Daten und Erfahrungen des KVR, dass „zu schnell zu viele Psychopharmaka verabreicht werden“. Die Hälfte der Senioren bekommen die Mittel auch bei Bedarf – dann stellen Ärzte den Pflegern Blankoschecks aus. In Einzelfällen mit skandalösen Begründungen: „Grübeln“, „vor Angehörigenbesuch“, „Jammern“. Menschlich ist das nicht.

Gute Nachrichten gibt es immerhin vom Fixieren: Nur noch 7 Prozent der Heimbewohner werden festgeschnallt, um sich und Pfleger zu schützen. Vor vier Jahren lag die Zahl fast dreimal so hoch. Da haben die Appelle geholfen.

David Costanzo

Das ist eine Katastrophe

tz-Interview mit Claus Fussek, Pflege-Experte

Herr Fussek, überrascht Sie der Psycho-Befund?

Fussek: Mich erschüttert, dass es in München noch so ist, weil wir in der Stadt – durch Medizinischen Dienst, Heimaufsicht, durch Weiterbildung in den Heimen – die Hoffnung hatten, dass die Gabe abnimmt. Das ist ja auch eine schwere freiheitsentziehende Maßnahme.

Warum ist das so?

Fussek: Psychopharmaka werden leider sehr häufig wegen Personalmangel eingesetzt. Da braucht man eigentlich auch keine Studien mehr. Gute Pflege steht und fällt mit ausreichend Personal – ausreichend geschultes und motiviertes Personal. Und mit vielen Menschen, Angehörigen und ehrenamtlichen Besuchern, die sich in den Heimen kümmern.

Psychopharmaka können doch auch therapeutisch eingesetzt werden!

Fussek: Natürlich! Aber in einem guten Heim, wo die ärztliche und vor allem fachärztliche Versorgung gesichert ist, da wird sehr sensibel mit diesen Medikamenten umgegangen. Wir sprechen hier von Missbrauch aus Personalmangel und Überlastung. Dazu kommt, dass die Heimbewohner dann erst recht sturzgefährdet sind. Das ist eine menschliche Katastrophe!

Was kann man tun?

Fussek: Das ist ein Teufelskreis. Die Pflegekräfte sagen immer: ‚Wir können nichts dafür, die Ärzte verordnen das!“ Und die Ärzte sagen: „Die Pflegekräfte verlangen es.“ In einem guten Heim haben mir einmal die Pflegekräfte gesagt: „Das bei uns am meisten eingesetzte Psychopharmaka ist Zuwendung.“

Rubriklistenbild: © dpa

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