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Allein ­gelassen, abgeschoben – in vielen Heimen leider die Regel.

Kritiker Claus Fussek im tz Interview

Wer ist schuld am Pflegenotstand?

München - Claus Fussek gilt als einer härtesten Pflegekritiker des Landes. Immer wieder prangert er Misstände an. Die tz sprach mit dem Sozialpädagogen über den Notstand im System.

Ja, er gilt zweifelsohne als der härteste Pflegekritiker im Land: Claus Fussek (59). Seit über 20 Jahren kämpft der Münchner nun schon für die Belange von Pflegebedürftigen, prangert immer wieder Missstände in Heimen an. Sein Ton dabei ist immer direkt, harsch - polemisch nennen ihn seine Kritiker. Tatsache aber bleibt: Der zweifache Vater und begeisterte Fußballfan hat über die Jahre viele Skandale aufgedeckt. Nicht umsonst wurde ihm sogar das Bundesverdienstkreuz für sein Engagement verliehen. Die tz sprach mit dem gelernten Sozialpädagogen über die aktuelle Pflegediskussion, über schlechte Heime, lasche Kontrollen und über Ideen, die alles verändern könnten:

Herr Fussek, gleich vorweg: Hat sich die Pflegesituation im Land in den vergangenen Jahren irgendwie verbessert?

Fussek: Nicht wirklich! Es ist nachts noch immer oft eine Pflegekraft für 50 Bewohner verantwortlich, es werden noch immer Dokumentationen gefälscht, es werden noch immer 140 000 Menschen im Land in ihrem Bett fixiert.

Warum verändert sich hier nichts?

Fussek: Weil alle zu diesem Thema schweigen. Die Politik besonders: Sie diskutiert lieber über Betreuungsgeld und Praxisgebühr. Es ist irre.

Also ist die Politik an dem Pflegenotstand schuld?

Fussek: Nein, so einfach ist es nicht. Die Politik trägt nur eine Mitschuld. Es geht bei den Pflegekräften los – sie müssten mit ihren Beschwerden viel stärker an die Öffentlichkeit gehen. Gleiches gilt für Angehörige. Aber alle haben Angst. Diese Furcht abzulegen, das wäre der erste wichtige Schritt, um endlich etwas zu verändern.

Offenbar ein schwerer Schritt …

Fussek: Ja, zweifelsohne. Und ich weiß, wovon ich spreche, wenn es um Anfeindungen geht.

Welche Bereiche in der Pflege müssten denn genau in Angriff genommen werden, um die Situation zu verbessern?

Fussek: Zum einen müssten in jedem Heim mehr examinierte Kräfte arbeiten– derzeit sind ja 50 Prozent gesetzlich vorgeschrieben. Zu wenig. Und halten tut sich daran nachts beispielsweise eh keiner. Gute Heime haben oft 70 bis 80 Prozent an Fachpflegern. Seien wir ehrlich: Derzeit sind gut 40 Prozent der Pfleger völlig überfordert, Ausbilder sagen mir hinter vorgehaltener Hand sogar, dass es 60 Prozent sind. Hier muss mehr Wert auf Qualität gelegt werden.

Und was noch?

Fussek: Die pflegenden Angehörigen müssten zudem endlich mehr entlastet werden. Durch Tagespflege beispielsweise. Hier muss es schnell und unkompliziert möglich sein, dass die Tochter ihren dementen Vater für einen Tag unterbringen kann. Und dies auch bezahlt wird. Ein weiterer wichtiger Punkt sind für mich hier auch die Ärzte. Sie müssten mehr Hausbesuche machen, mehr in die Pflege daheim eingebunden werden.

Die Kontrollen des Medizinischen Dienstes scheinen ja wenig zu bringen.

Fussek: Weil sie schwach sind. Weil da tagtäglich die Augen vor Mängeln verschlossen werden. Wenn die Heimaufsicht oder der MDK plötzlich zig Heime schließen würden, wo sollten die Alten denn dann hin? Es ist wie bei dem Lebensmittel­skandal vor Kurzem. Der war auch schon seit Jahren bekannt. Es gab immer wieder kleine Verwarnungen, Bittschreiben, etwas gegen die schlechte Hygiene zu tun. Das war’s. In der Pflege ist es ähnlich. Bis ein Heim einmal einen Aufnahmestopp aufgebrummt bekommt, muss schon jemand unter schrecklichen Umständen gestorben sein.

Von den Pflegenoten im Internet halten Sie daher auch eher wenig …

Fussek: Ja, weil sie mit extremer Vorsicht zu genießen sind. Besonders die Gesamtnoten – wo viele Heime ja eine Eins oder Zwei bekommen – sind lächerlich. Durch einen tollen Speiseplan kann da ein Haus schwere Fehler bei der Dekubitus-Prophylaxe ausgleichen – also schwere Pflegemängel. Was soll das? Bei diesen Bewertungen muss man ganz genau hinschauen.

Sie sprechen ja oft von einer Pflegemafia …

Fussek: Ja, aber weil das ganze System krank ist. Es geht vielerorts nur ums Geld – und wir sprechen von Milliarden. Nehmen wir ein Beispiel für den Wahnsinn: Das Heim XY kümmert sich vorbildlich um einen Bewohner mit Pflegestufe III – also der höchsten. Durch viel Zuwendung schaffen es die Pfleger, dass sich der Gesundheitszustand des Mannes stark verbessert. So stark, dass er in die Pflegestufe II zurückgestuft wird. Die Folge ist nun, dass der Staat weniger Zuschüsse ans Heim bzw. die Angehörigen zahlt. Klar, dass geldorientierte Heimleitungen daran gar kein Interesse haben. Ein Wahnsinn.

Ihre Gegner kritisieren an Ihnen immer, dass Sie nie über die guten Häuser sprechen. Sie würden immer so tun, als gäbe es die gar nicht …

Fussek: Natürlich gibt es die. Auch hier in München. Und ich spreche auch oft über sie. Sie sind nur nicht der ganz normale Regelfall, wie uns immer gern vorgegaukelt wird. Aber manche Heimleitungen haben geniale Ideen, um das Leben der Bewohner zu verbessern, zu verschönern.

Zum Beispiel?

Fussek: Ach, da gibt es viele. Vor Kurzem war ich in einem Haus in Niederbayern. Wissen Sie, was der Chef seinen Angestellten dort erlaubt hat? Dass deren Kinder – wenn die Schule oder der Kindergarten aus ist – direkt ins Heim kommen dürfen. Da können sie dann im Speisesaal umsonst essen, mit den Senioren etwas spielen. Sie dürfen bleiben, so lange sie wollen. Die Bewohner freut’s, es kommt Leben rein. Wenn alle Pflegeheime solche Ideen hätten und auch umsetzen würden – dann hätten wir bald keine Probleme mehr.

Armin Geier

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