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Von der Piste in die Klinik: Unfallchirurg Andreas B. Imhoff zeigt Snowboarder Thomas V., wo sein Schultergelenk verletzt war.

Unfall auf der Piste

Schulter-OP nach Snowboard-Sturz

Berge, Sonne, Schnee: Für viele ist das pures Glück. Doch kommt es gerade auf der Piste oft zu Verletzungen. Nicht selten ist dann die Schulter betroffen – wie bei Thomas V., 25.

Die letzte Abfahrt für heute: Thomas V. schließt die Bindung seines Snowboards und gleitet los. Es ist halb vier nachmittags, der Himmel über dem Gletscher im österreichischen Kaunertal ist strahlend blau. Noch ein Mal die Piste hinunter, dann will der 25-jährige Student der Elektrotechnik zurück nach München. Plötzlich verliert er das Gleichgewicht, die falsche Kante frisst sich in den Untergrund.

Thomas V. stürzt nach vorne und knallt mit der linken Schulter auf den hart gefrorenen Schnee. Schon zwei Mal hat er sich beim Snowboarden verletzt, mal den Mittelhandknochen gebrochen, mal eine Rippe. „Aber das waren Kleinigkeiten, da bin ich einfach weitergefahren“, erzählt er. Doch diesmal weiß er: Die Schulter ist kaputt.

Nach dem Sturz rappelt sich Thomas V. hoch. Er zittert, hat höllische Schmerzen. Ein Freund hält neben ihm. Gemeinsam fahren sie mit dem Schneemobil zum Sessellift und hinunter ins Tal. Ihr Ziel: Das Krankenhaus in Zams. Nach Umwegen – ein Krampus-Umzug versperrt die Zufahrten – landet Thomas V. in der Notaufnahme. Die Schulter wird geröntgt. Diagnose: Schultereckgelenk-Sprengung fünften Grades. Mit einer Schiene für Schulter und Arm schicken ihn die Ärzte heim nach München

Titanplättchen und ein Flaschenzugsystem bringen die Schulterknochen wieder in die richtige Position.

„Eine Schultereckgelenk-Sprengung ist eine typische Snowboard- oder Mountainbike-Verletzung“, sagt Prof. Andreas B. Imhoff, Chefarzt der Abteilung für Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar, wo Thomas V. in München behandelt wurde. Durch den Sturz reißt die Gelenkkapsel zwischen Schlüsselbein und Schulterdach, das Schlüsselbein wird nach hinten geschoben. Etwa zwölf Prozent aller Schulterverletzungen sind solche Schäden am Akromioklavikular-Gelenks, wie das Gelenk in der Fachsprache heißt. Dessen Beweglichkeit ist eher gering. Als einzige Verbindung des Oberarms mit dem restlichen Skelettsystem muss es aber oft große Kräfte abfedern, vor allem bei Kontaktsportarten wie Fußball, Rugby und American Football – und auch beim Snowboarden und Skifahren. Ursache einer Schultereckgelenk-Sprengung ist dabei meist ein heftiger Sturz – wie bei Thomas V.

Es war längst Abend, als der Student die Notaufnahme des Klinikums rechts der Isar erreichte. „Die Schmerzen waren unerträglich“, sagt er. Seine Schulter konnte er nicht mehr bewegen. „Aber mit der maximalen Schmerzmittel-Dosis durfte ich erst mal nach Hause gehen.“ Weitere Untersuchung sollten in den nächsten Tagen erfolgen.

So schmerzhaft die Schultereckgelenk-Sprengung ist, operiert wird nicht in jedem Fall. „Bei jungen, sehr aktiven Menschen allerdings eher schon, auch um Spätfolgen zu vermeiden“, sagt Imhoff, der in seiner Abteilung auch viele Profisportler betreut. Thomas V. treibt ebenfalls viel Sport, schwimmt, fährt Snowboard und Mountainbike. Die Diagnose lautete zudem „Schultereckgelenk-Sprengung fünften Grades“. Das heißt: Der Kapsel-Band-Apparat im Schultergelenk war komplett gerissen, es kam zum sogenannten extremen Schlüsselbeinhochstand. Diese unnatürliche Position ist von außen gut sichtbar. Das Schlüsselbein lässt sich mit dem Finger nach unten drücken. Ärzte sprechen auch vom Klaviertasten-Phänomen. Tritt dies auf, operiert man in der Regel immer.

Heilung an der Schulter braucht Zeit

Anders ist das bei leichteren Verletzungen des Schultereckgelenks. Dann behandeln Orthopäden oft konservativ, also ohne Operation. Die Schulter wird ein bis drei Wochen mit einem Schlingenverband ruhig gestellt, danach beginnt der Patient mit der Physiotherapie.

Eine Schiene für Arm und Schulter hatte Thomas V. schon in Österreich erhalten, bis zur OP stabilisierte sie das verletzte Gelenk. Fünf Tage nach dem Unfall auf der Skipiste folgte der einstündige Eingriff im Klinikum rechts der Isar. Imhoff und sein Team, zu dem auch Dr. Oberarzt Dr. Sepp Braun gehörte, wendeten dabei ein schonendes Verfahren an, das ohne große Schnitte auskommt: die arthroskopischer Schlüsselloch-Chirurgie.

Etwa 90 Prozent der Schultereckgelenk-Verletzungen werden laut Imhoff heute mit diesem Verfahren operiert. „Vereinfacht gesagt gehen wir mit einer Kamera ins Gelenk und stabilisieren es mit einem Flaschenzugfaden“, erklärt Chefarzt Imhoff. Bänder und Kapsel heilten von allein. Bei Thomas V. führen die Chirurgen über ein spezielles Gerät, das Arthroskop, ein Flaschenzugsystem sowie Titanblättchen ein. Mit diesen fixierten sie die Fäden am Gelenk. Der Flaschenzug besteht dabei aus vier geflochtenen Glasfasern, auch „fibre tape“ genannt. „Die sind so fest, dass man sie nicht zerschneiden kann“, erklärt Imhoff. Sie bleiben im Gelenk und wachsen später ins Gewebe ein. Früher habe man große Platten ans Schlüsselbein geschraubt oder das Gelenk mit Drähten stabilisiert. „Die neue Methode lässt gleich Beweglichkeit zu und die Patienten können schnell mit der Physiotherapie beginnen“, sagt Imhoff.

Am Tag nach der OP steckten Arm und Schulter von Thomas V. noch zur Schonung in einer Schlinge. Von dem Eingriff war aber nur ein kleines quadratisches Pflaster zu sehen. Beim Essen konnte er den linken Arm schon wieder benutzen, wenn auch vorsichtig. „Bis zur Horizontalen darf man den Arm dann auf jeden Fall bewegen“, sagt Imhoff. Allerdings noch nicht über den Kopf.

Auch wenn man von der OP kaum etwas sieht: „Die Heilung braucht Zeit“, betont Imhoff. Nach etwa sechs Wochen Physiotherapie darf der Patient den Arm wieder frei bewegen und mit dem Aufbau der Muskulatur beginnen. Für Skifahren, Fußball oder andere Kontaktsportarten ist die Schulter aber erst nach fünf bis sechs Monaten wieder stabil genug.

Thomas V.s Snowboard hat den Unfall heil überstanden. In dieser Saison wird es die Piste aber wohl nicht mehr sehen. „Erst, wenn ich wieder zu 150 Prozent fit bin“, sagt er.

Von Nadja Katzenberger

Der Experte

Prof. Andreas B. Imhoff, Leiter der Abteilung für Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar der TU München, sowie Oberarzt Privatdozent Dr. Sepp Braun.

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