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Die lindernde Wirkung eines Placebos ist keine Einbildung, sondern er beruht auf biochemischen Prozessen im Gehirn.

Bei Schmerzen und Depressionen

Placebo: Warum Pillen ohne Wirkstoff helfen

München - Es klingt verrückt - aber auch Pillen ohne Wirkstoff können einen heilsamen Effekt oder aber Nebenwirkungen haben. Ähnliches gilt sogar für Operationen. Wir erklären den Placebo-Effekt:

Trifft der Kranke auf einen besonders mitfühlenden Arzt, verstärkt sich der heilende Effekt, ebenso wenn es sich um ein vermeintlich besonders teures Präparat handelt. Auf einem Kongress in Tübingen wurde nun diskutiert, wie der Placebo-Effekt im Alltag von Ärzten besser berücksichtigt werden kann. Über 30 Wissenschaftler kamen und stellten ihre aktuellen Forschungsprojekte vor. Über die Erkenntnisse der Kollegen und was sie für Ärzte und Kranke im Alltag bedeuten, sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit ­Professor Dr. Paul Enck von der Universität Tübingen:

Was gab es Neues auf dem Kongress?

Prof. Dr. Paul Enck Placebo-Forscher Uni-Tübingen.

Professor Enck: Eine Studie zur Empathie der Ärzte hat mich überrascht. Eine Kollegin aus der Harvard-Medical-School hat untersucht, was im Gehirn von Ärzten passiert, wenn sie einem Patienten helfen. Es war eine intelligente und anspruchsvolle Versuchsanordnung, die Ärzte mussten einen Knopf drücken, und sie glaubten, sie würden damit einem Patienten Schmerzen ersparen. Es zeigte sich, dass bei den Ärzten im Gehirn etwas ganz Ähnliches passiert wie bei den Patienten, die hoffen, dass ihnen ein Medikament hilft. Prozesse, die auf der ärztlichen Seite ablaufen, sind denen auf der Patientenseite sehr ähnlich. Und damit scheinen wir dem Geheimnis der Placebo-Effekte auf der Spur zu sein. Denn diese haben nicht nur mit Patienten, sondern auch sehr viel mit Ärzten zu tun. Nur ein mitfühlender Arzt kann einem Patienten über Placebos zu weniger Symptomen verhelfen.

Wie schlägt sich das im Alltag nieder?

80 Prozent der Ärzte in Deutschland und auf der Welt verschreiben einmal im Jahr ein Placebo, ein Medikament ohne Wirkstoff.

Enck: Im ärztlichen Alltag hilft die Empathie, einem mittelmäßigen Medikament noch mehr Wirkung zu verleihen. Im klinischen Alltag geben Ärzte ja in der Regel keine Placebos, sondern vielleicht mal Medikamente, von denen sie nicht so 100-prozentig überzeugt sind, aber nichts Besseres zur Hand haben. Etwa 80 Prozent aller Ärzte weltweit und auch in Deutschland sagen in Umfragen, dass sie im vergangenen Jahr, ein oder zweimal ein Placebo ausgegeben haben. Das ist extrem selten, wenn man bedenkt, dass ein Hausarzt im Jahr 10.000 Patienten sieht.

Glauben Sie, dass die Wirkung von Homöopathie und Akupunktur auf Placebo-Effekten beruht?

Enck: Ja, bei Homöopathie bin ich mir sehr sicher. Bei Akupunktur wissen wir, dass die Behandlung einen schmerzhemmenden Effekt über die Beeinflussung des Nervensystems hat. Ob man dazu die Akkupunkturpunkte braucht, bezweifle ich. Das Geheimnis, das um diese alternativen Behandlungsformen gemacht wird, und die Tatsache, dass sie individuell auf den einzelnen Patienten zugeschnitten wird, wirkt wie Magie, darüber funktioniert das. Diese besondere Zuwendung des Arztes für den Patienten ist der Schulmedizin ein bisschen abhanden gekommen, weil sie eben auch nicht bezahlt wird. Wenn die Ärzte mehr Zeit in ihre Patienten investieren würden, würden wir wahrscheinlich mehr Placebo-Effekte sehen.

Es gibt auch den negativen Placebo-Effekt: den Nocebo-Effekt: Erwartet man bei einem Medikament Nebenwirkungen, treten diese häufiger ein.

Enck: Nicht jede Nebenwirkung ist ein Nocebo-Effekt. Medikamente haben Nebenwirkungen. Um einen echten Nocebo-Effekt handelt es sich nur, wenn ich ein Placebo erhalten habe. Also in klinischen Studien, wenn Patienten, die nicht wissen, dass sie ein Placebo bekommen haben, über die gleichen Nebenwirkungen klagen wie die Gruppe, die den Wirkstoff erhalten hat. Da wir diesen Effekt im Labor erzeugen können, gehen wir natürlich davon aus, dass er auch im Alltag auftritt. Es gibt ja auch Fälle, dass Patienten ihr Medikament wechseln wollen, weil es eine andere Farbe oder Form hat, obwohl der Wirkstoff der gleiche geblieben ist. Es gibt mehr Beschwerden über Nebenwirkungen, wenn ein Medikament billiger wird oder es als Generika auf den Markt kommt.

Nehmen Patienten dann ihre Medikamente nicht mehr?

Enck: Bei fast allen chronischen Erkrankungen sehen wir nach sechs Wochen nur noch eine 30-prozentige Compliance, das heißt 70 Prozent der Patienten nehmen die Medikamente nicht mehr und nicht im notwendigen Umfang ein. Zum Teil aus Angst vor den Nebenwirkungen.

Sollte man Beipackzettel also lieber nicht lesen?

Enck: Wenn Sie ein ängstlicher Mensch sind, besser nicht. In Beipackzetteln werden die Nebenwirkungen eines Medikaments in allen Details beschrieben. Die Hauptwirkung jedoch und die Vorteile werden verschwiegen. Das ist eine völlige Verdrehung der Situation: Die Patienten wissen alles über die Nebenwirkungen, aber nicht, warum sie dieses Medikament nehmen sollen. Das ist dadurch entstanden, dass der Beipackzettel wohl vor allem der Haftungsbegrenzung der pharmazeutischen Industrie dient. Von der Ärztekammer wird aktuell überlegt, aus diesen Erkenntnissen heraus, Beipackzettel anders zu gestalten und auch die Patienten anders aufzuklären, eben nicht nur über die Risiken, sondern auch über die Vorteile.

Die Placebo-Forschung hilft?

Enck: Ich habe manchmal die Sorge, dass Patienten denken, Ärzte geben Placebos. Aber darum geht es gar nicht. Uns geht es um die Verstärkung des Effekts im klinischen Alltag, und dafür brauchen wir gar kein Placebo. Der Placebo-Effekt ist nicht an die wirkungslose Pille gebunden. Der ist gebunden daran, wie viel Zeit Ärzte mit ihren Patienten verbringen. Eine schlechte Pille in der Hand eines guten Arztes, kann mehr erreichen, als eine gute Pille in der Hand eines schlechten Arztes.

Der Kick im Gehirn

Placebo-Präparate, also Pillen, Injektionen und Salben, die keine Wirkstoffe, sondern vielleicht Zucker oder Kochsalzlösung enthalten, können keine Krankheiten heilen. Dafür sind richtige Wirkstoffe nötig. Mit Placebos allerdings können Beschwerden gelindert werden. Das funktioniert gut bei Schmerzen, bei Bewegungsbeschwerden oder auch bei Stimmungsproblemen. Das Verblüffende: Die heilsame Wirkung ist keine Einbildung, sondern das Placebo greift wirklich in den Stoffwechsel des Gehirns ein.

Professor Paul Enck erklärt das so: „Das Placebo-Schmerzmittel macht nichts anderes als das, was ein Schmerzmittel auch machen würde. Es stößt im Gehirn Stoffwechselprozesse an, die zu einer Schmerzhemmung führen.“

Ein Placebo gegen Depressionen setzt wiederum andere Stoffwechselprozesse in Gang. Professor Enck: „Jedes Placebo hat seine eigene Biochemie. Den einen Placebo-Effekt gibt es nicht.“ Noch nicht erforscht ist, wie lange diese Wirkung anhält und wie oft sie wiederholt werden kann. Verblüffend: Sogar Scheinoperationen helfen: Bei einer Studie wurde Patienten in drei Gruppen geteilt, eine bekam eine konservative Therapie, eine wurde operiert, bei der dritten wurde das Knie aufgeschnitten und wieder zugenäht. Trotzdem ging es diesen Patienten so gut wie den richtig operierten Kranken und besser als denen, die nur eine konservative Therapie bekamen.

Susanne Stockmann

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