Hautarzt Dr. Georg Isbary vom Schwabinger Klinikum mit einem der verschiedenen Plasmageräte. Um Plasmawind herzustellen, wird z. B. das Edelgas Argon mithilfe von Mikrowellentechnologie bei 600 Grad zum Teil energetisch aufgeladen und dann schrittweise abgekühlt. Danach enthält es viele energiereiche Teilchen, die Bakterien, Pilze und sogar Viren attackieren und töten können.

Plasmawind

Therapie aus dem All bei Hauterkrankungen

Plasma steckt im Fernseher und in Energiesparlampen. Das wissen viele, eher unbekannt ist jedoch: Beim Plasma handelt es sich neben fest, flüssig und gasförmig um den vierten Aggregatzustand.

Er entsteht, wenn einem Gas eine große Menge Energie zugeführt wird und sich die einzelnen Atome in ihre Bestandteile aufspalten, in Ionen, Elektronen und freie Atome. Das Energiebündel stammt aus dem Weltall – die Sonne z.B. ist ein Plasmaball. Normalerweise ist Plasma glühend heiß und wird in der Industrie seit vielen Jahren für Schneidbrenner oder in der Medizin zum Stillen von Blutungen eingesetzt. Im Jahr 2003 konnte Plasma für therapeutische Zwecke abgekühlt werden, das war die Geburtsstunde der Plasmamedizin. Mit einem Gerät wird zwei bis fünf Minuten lang ein bis zu 35 Grad warmer Wind auf die erkrankte Haut geblasen. Einer der mit der geheimnisvollen Kraft aus dem Weltall schon seit vielen Jahren arbeitet, ist der Hautarzt Dr. Georg Isbary vom Schwabinger Klinikum. tz-Redakteurin Susanne Stockmann sprach mit ihm über seine Erfahrungen und die aktuelle Studie für Patienten mit Gürtelrose.

Was fasziniert Sie an der Plasmamedizin?

Dr. Georg Isbary: Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in der Medizin und in der Hygiene, da stehen wir wirklich erst ganz am Anfang. Je nachdem wie wir das Plasma „designen“, also in welchem Gasgemisch wir es erzeugen, können wir Bakterien, Sporen, Pilze und auch Viren schädigen. Bakterien zum Beispiel haben kaum eine Möglichkeit sich gegen diesen physikalischen und chemischen Angriff zu wehren. Gegen Antibiotika können sie recht rasch Resistenzen bilden, beim kalten Plasma ist dies durch die große Variabilität kaum vorstellbar. Und das Plasma attackiert einen einfachen E.coli genauso mühelos wie den zuletzt besonders gefürchteten und resistenten EHEC-Keim. Zudem kann die Behandlung sehr sicher gestaltet werden. Wir können das Plasma so herstellen, dass körpereigene Zellen in Wunden, die über eine andere Struktur verfügen, verschont und sogar zur Zellteilung und Zellvermehrung angeregt werden, was zum Beispiel eine Heilung von Wunden beschleunigen kann.

Der Mensch ist ja von einer Vielzahl von Bakterien besiedelt. Wie stellen Sie sicher, dass diese nicht getötet werden?

Isbary: Bei einer Infektion vermehrt sich ein krankmachender Keim massenhaft und drängt die gesunde Bakterienflora zurück oder zerstört sie. Mit dem Plasma töten wir nie alle Bakterien, sondern nur zu einem sehr großen Teil. Unser Ziel ist es, die pathogenen Keime so zu verringern, dass der Körper damit fertig wird und sich die gesunde Flora vermehren kann, ähnlich wie man sich das beim Einsatz von Antibiotika erhofft.

Ist die Plasmabehandlung ein Allheilmittel?

Isbary: Nein, sie ist kein Wundermittel, aber sie kann eine Behandlung sehr wirkungsvoll unterstützen. Sie wirkt derzeit nur recht oberflächlich, krankmachende Keime in tieferen Hautschichten erreichen wir damit nicht. Vorstellbar ist auch, dass die Behandlung verstärkt zur Prophylaxe eingesetzt wird, also dass eine Infektion einfach verhindert wird. Wir haben gerade die weltweit erste klinische Studie an Patienten mit chronischen Wunden hier in München und in Regensburg abgeschlossen. Die Patienten bekamen eine adaptierte Wundversorgung und entweder eine zusätzliche Plasmabehandlungen, oder nicht. In zusätzlich mit Plasma behandelten Wunden, konnten die krankmachenden Keime um zusätzliche 30 bis 40 Prozent gesenkt werden. Wir haben insgesamt etwa 350 Patienten mit unterschiedlichen Hauterkrankungen in über 3000 Behandlungen therapiert. Alle Behandlungen waren schmerzlos und bisher ohne Nebenwirkungen.

Bei diesen ermutigenden Ergebnissen: Wann ist die Behandlung für alle verfügbar?

Isbary: Es sind noch viele weitere klinische Studien an Patienten nötig, um zu belegen, dass sich das Verfahren gegenüber anderen gängigen Methoden effizient und sicher etabliert. Gerade wird eine neue Generation von Geräten entwickelt. Dies übernimmt wieder das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Forschung in Garching. Aber nicht Forschungseinrichtungen bringen solche Medizinprodukte auf den Markt, sondern das übernehmen dann große Industrieunternehmen. Da gibt es durchaus Interessenten, aber markt- und spruchreif ist noch nichts. Doch es gibt jetzt zwei weitere Studien anderer Forschungsgruppen in Deutschland, auch international tut sich viel. Wir sind hier in München noch in einer Vorreiterrolle. Die Anfänge sind sehr vielversprechend, aber bis zur Marktreife wird es noch dauern.

Meinen Sie, dass es in Zukunft auch Geräte für den Hausgebrauch geben könnte?

Isbary: Das kann ich mir gut vorstellen. Zur Desinfektion der Haut z. B. in Arztpraxen, bei der Behandlung von infizierten Stellen auf der Haut oder z.B. bei Pilzerkrankungen. Oder dort, wo Hygiene besonders wichtig ist, z.B. in sanitären Einrichtungen oder Küchen. Viel geforscht wird auch im Bereich der Zahnmedizin, so wird zum Beispiel eine Plasmadusche getestet, die ähnlich wie eine elektrische Zahnbürste gehandhabt wird, um unerwünschte Bakterien im Mund abzutöten und gleichzeitig die Zähne zu bleichen. Oder dass das Plasma als Deo verwendet wird, indem man den Geruch nicht einfach übertüncht, sondern die dafür verantwortlichen Bakterien reduziert. Noch sind die Prototypen und Studiengeräte recht teuer, aber in Zukunft wird es einfache und effiziente Plasmageräte geben, die in der Umgebungsluft arbeiten. Diese Geräte, die nur noch Taschenlampengröße haben und die mit Akkus betrieben werden können, sind gerade in Erprobung.

Patienten für neue Studie gesucht

Dr. Georg Isbary sucht 40 Patienten mit unbehandelter Gürtelrose, von denen die Hälfte zusätzlich zu einer etablierten Standardtherapie eine Plasmabehandlung bekommt. Zum Studienziel sagt der Mediziner: „Wir erhoffen uns, dass durch die Plasmatherapie die Bläschen und die Entzündung schneller abheilen. Wir wollen die Vermehrung der Viren stoppen und so die Infektion benachbarter Zellen verhindern. Außerdem hoffen wir, dass eventuell die Nervenschmerzen positiv beeinflusst werden.“

Das Varicella-Zoster-Virus ist widerstandsfähig, in Laborversuchen konnten jedoch die noch resistenteren Adenoviren durch Plasma erfolgreich bekämpft werden. Wer sich für die Teilnahme an der Studie interessiert (Patienten und Ärzte), kann sich am Klinikum Schwabing oder an der Dermatologischen Klinik der Uni Regensburg melden oder Dr. Isbary direkt anrufen: 089/30 68 25 63.

Mit Gürtelrose ist nicht zu spaßen. Zwar ist sie meist gut zu behandeln, kann aber auch zu dauerhaften Schmerzen und je nach Befall zu Augenschäden bis hin zu Entzündungen des Gehirns führen. Je älter die Patienten sind, desto schwieriger ist die Therapie und desto häufiger gibt es Komplikationen: Bei den über 70-Jährigen entwickeln bis zu 50 bis 70 Prozent Spätschmerzen.

ZOSTER-VIRUS

Bei der Gürtelrose handelt es sich um eine Zweiterkrankung mit dem Windpockenvirus. Nach überstandenen Windpocken setzt sich der Erreger, das Varicella-Zoster-Virus, im Körper zur Ruhe. Es zieht sich in die Hirnnerven oder in die Nervenwurzeln des Rückenmarks zurück, dort wo das Immunsystem ihm nichts anhaben kann. Mit zunehmendem Alter und unter bestimmten Umständen, z.B beie Immunschwäche, Stress oder starker UV-Einstrahlung beginnt sich das Virus erneut zu vermehren und wandert die Nerven entlang nach außen auf die Haut. Jeder Dritte bis Vierte erkrankt im Laufe seines Lebens, jährlich bekommen etwa 350 000 bis 400 000 Menschen eine Gürtelrose.

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