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Pollen, wie hier die Birke, sind nicht die einzige Ursache für Heuschnupfen, ganzjährige Auslöser sind Hausstaubmilben, Tierhaare oder Schimmelpilze.

Pollenalarm - wenn das Immunsystem übertreibt

Jeder Dritte in Deutschland schlägt sich im Laufes des Lebens mit einer allergischen Erkrankung der Atemwege herum. Die meisten sind von Heuschnupfen geplagt. Die Nase läuft, die Schleimhäute jucken, die Augen sind rot entzündet...

Dr. Franziska Ruëff Dermatologin und Allergologin

...alles übersteigerte Reaktionen des Immunsystems auf eigentlich harmlose Pollen, die jetzt von Bäumen massenhaft auf die Bestäubungsreise geschickt werden. Der eisige Februar hatte den Pollenflug ausgebremst, aber nun sind Hasel, Erle, Ulme, Esche und Birke nicht mehr aufzuhalten. Für etwa 13 Millionen Bundesbürger beginnt damit eine wochenlange Leidenszeit. Zum ersten Mal erwischt es die meisten zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Wie man einen Heuschnupfen erkennt und am besten behandelt, darüber sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit der Münchner Professorin Franziska Ruëff.

Frühjahrszeit ist Erkältungszeit, woran merkt man den Unterschied zu einem Heuschnupfen?

Franziska Ruëff: Meistens weist der quälende Juckreiz an Nasenschleimhäuten und Augen auf die allergische Ursache hin. Auch im Rachen oder in den Gehörgängen kann es jucken. Recht eindeutig wird die Sache, wenn jedes Jahr pünktlich mit dem Pollenflug die gleichen Beschwerden losgehen.

Sollte Heuschnupfen behandelt werden?

Ruëff: Wer nichts macht, riskiert eine Verschlechterung der Erkrankung. Wer die Beschwerden konsequent behandelt, dämpft die Entzündungsreaktionen in den Atemwegen und vermindert damit das Risiko, weitere Allergien oder zusätzlich noch Asthma zu bekommen.

Warum reagieren wir auf Pollen mit Schnupfen?

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Was ist Heuschnupfen?

Ruëff: Die Frage nach dem Warum kann man schwer beantworten – es ist keine nützliche Leistung, sondern eine krankmachende Reaktion des Immunsystems. Zunächst werden Antikörper z. B. gegen Pollen gebildet. Diese binden an Abwehrzellen, den Mastzellen; kommt es zum Kontakt mit den betreffenden Pollen, werden Abwehrstoffe freigesetzt, die normalerweise als Kampfarsenal gegen schädliche Erreger, z.B. Parasiten vorgesehen sind. Das Immunsystem fährt also ganz schwere Geschütze auf. Diese Kampfstoffe verursachen eine starke Entzündung und locken andere Entzündungszellen an.

In der Luft schweben viel mehr Pilzsporen als Forscher bisher vermutet haben.

Die eigentlich allergie-auslösenden Strukturen können nicht nur in Pollen vorkommen. Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen sind so meistens eine Folgekrankheit von Heuschnupfen. Wir sehen zum Teil sehr schwere, lebensbedrohliche Allergieschockreaktionen auf Lebensmittel, die ursprünglich mit ein bisschen Jucken in der Nase angefangen haben. Und es kann zu Asthma kommen, wir sprechen von einem Etagenwechsel der Krankheit von den oberen in die tieferen Atemwege. Das kann bis zu ein Viertel der Patienten treffen.

58 Prozent der Allergiker behandeln sich mit Antihistaminpräparaten aus der Apotheke selbst. Ist das ok?

Ruëff: Wer damit zurechtkommt, für den ist das vertretbar. Man sollte zu Präparaten greifen, die nicht müde machen und arm an Nebenwirkungen sind.

Wer muss zum Arzt?

Ruëff: Nicht jeder, der mal 14 Tage im Jahr Heuschnupfen hat, muss zum Arzt. Bei den leichten Fällen, wo es nach ein paar Tagen wieder vorbei ist, kann Selbstmedikation ausreichend sein. Man sollte den Arzt aufsuchen, wenn die Beschwerden stark sind und lange anhalten, wenn sie schlimmer werden, oder wenn in der Familie Asthma vorkommt.

Wer ist der richtige Arzt?

Ruëff: Sie wenden sich an einen Allergologen. Die Zusatzbezeichnung Allergologie kann ein Kinderarzt, ein Dermatologe, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder ein Pneumologe haben.

Die Pollensaison hat begonnen, wie kann Patienten jetzt noch geholfen werden?

Ruëff: Zunächst durch eine gute Behandlung der Beschwerden. Was die Heilung oder zumindest Linderung von der Allergie betrifft, besteht mittlerweile die Möglichkeit, eine Hyposensibilisierung, die sogenannte spezifische Immuntherapie, noch kurz vor oder sogar während der Saison zu beginnen. Meist wird die Behandlung aber im Herbst begonnen. Zuvor muss der Arzt jedoch das Allergiespektrum mit Tests eingrenzen.

Dann wird der Körper langsam an das Allergen gewöhnt?

Ruëff: Eigentlich sind Allergene ganz harmlose Pollenbestandteile. Die schnauft man jeden Tag ein, und sie sind nicht giftig. Trotzdem wehrt sich das Immunsystem dagegen und der Betroffene wird krank. Die Hyposensibilisierung erfolgt mit allmählich ansteigenden Dosen an die Pollen und soll einen Gewöhnungseffekt bewirken. Es gibt Präparate, bei denen diese Allergene so modifiziert sind, dass sie den gewünschten Behandlungseffekt haben, aber selber keine oder kaum eine allergische Reaktion auslösen. Damit sind sie gut verträglich.

Hilft die Hyposensibilisierung bei jedem?

Ruëff: Nein, aber bei den meisten. Genaue Zahlen zu nennen, ist sehr schwierig. Der Erfolg hängt von der Art der Allergene und auch von den Präparaten ab. Wir haben Patienten, die sind komplett beschwerdefrei. Die meisten haben zumindest eine spürbare Besserung und brauchen weniger symptombekämpfende Medikamente. Nur wenige haben gar keinen Vorteil. Und da muss man sich dann fragen, ob man bei der Behandlung überhaupt das richtige Allergen verwendet hat.

Hilft es auch bei Kindern?

Ruëff: Ja.

Ist es gefährlich?

Ruëff: Bei Beachtung einiger Verhaltensregeln, nein. Aber es ist keine völlig ungefährliche Behandlung. Der Patient sollte keinen Infekt haben und sich insgesamt wohlfühlen. Andernfalls sollte man die Behandlung verschieben.

Weil das Immunsystem gereizt wird?

Ruëff: Wir treffen auf ein Immunsystem, das auf harmlose Sachen übertrieben reagiert. Und durch einen Infekt und zu wenig Schlaf oder Stress, ist es möglicherweise schon so gestresst, dass die Behandlung schlechter vertragen wird.

Es gibt eine Allergie-Impfung, die aber drei Jahre lang gemacht werden muss?

Ruëff: Die gibt es als Tabletten, Tropfen und Spritzen. Schon länger auf dem Markt sind die Spritzen. Tropfen und Tabletten sind neuer und mit aktuellen Studien getestet. Daher ist die Datenlage für diese neuen Methoden momentan sehr gut. Wir sind der Meinung, dass auch die Spritzen sehr gut wirken und effektiv sind.

Die zehn besten Tipps bei Heuschnupfen

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Wohin geht die Forschung?

Aus Studien ist bekannt, dass Kinder vom Bauernhof, die schon als Baby von den Müttern mit in den Kuhstall genommen wurden, seltener an Allergien leiden. Auch ein Familienhund schützt Kinder offenbar vor Heuschnupfen und Co. Franziska Ruëff: „Das Problem ist, wie man solche Erkenntnisse ins der Praxis nutzt. Wer sich erst einen Hund zulegt, wenn der Heuschnupfen schon da ist, hat keinen Effekt mehr und kriegt schlimmstenfalls sogar eine Hundehaarallergie, und wer hat schon einen Kuhstall zur Hand? Aber wir lernen aus diesen Beobachtungen, dass es offensichtlich möglich ist, das Immunsystem in eine bestimmte, eben antiallergische Richtung zu beeinflussen.“

Die Forscher sind nun auf der Suche nach diesen Stoffen, Adjuvantien genannt, die das Immunsystem antiallergisch stimulieren. Auf der anderen Seite ist es natürlich gefährlich, die Gesundheitspolizei des Körpers zu sehr zu manipulieren. Franziska Ruëff: „Wird das Immunsystem zu sehr manipuliert, besteht die Gefahr, dass es in Schieflage gerät und Autoimmunerkrankungen wie Rheuma entstehen.“

Susanne Stockmann

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