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Ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen durchzieht den ganzen Körper: Ohne sie würden wir weder Wärme noch Schmerzen spüren, wir könnten unsere Arme und Beine nicht bewegen. Doch schon kleine Schäden an Nerven können gravierende Folgen haben.

Nerven in Gefahr

Polyneuropathie: Das sollten Sie wissen

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Die einen haben heftige Schmerzen, bei anderen fühlen sich Hände und Beine taub an: Patienten mit einer Polyneuropathie können unterschiedliche Symptome.

Sehr häufig ist ein schlecht eingestellter Diabetes schuld. Hier lesen Sie die wichtigsten Antworten.

Es ist eine schier unglaubliche Zahl: 30 bis 40 Milliarden Nervenzellen helfen uns dabei, unseren Körper zu steuern. Dank ihrer spüren wir Hitze oder Kälte, Schmerz oder Streicheleinheiten, Muskeln reagieren auf ihre Signale, Magen und Darm arbeiten zuverlässig. Als komplexes Geflecht durchziehen Nerven den ganzen Körper. Doch: Werden sie an einer Stelle geschädigt, kann das langwierige und auch schmerzhafte Folgen haben – Mediziner sprechen dann von einer Polyneuropathie oder Neuropathie.

Wie kommt es zu einer Neuropathie?

Diabetologe Prof. Robert Ritzel ist Chefarzt an den Städtischen Kliniken München-Bogenhausen und Schwabing.

Die häufigste Ursache für eine solche Schädigung des Nervensystems sind dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte. „Der Blutzucker hat starken Einfluss darauf, wie stark die Schädigung ausfällt und wie schnell sie voranschreitet“, erklärt Prof. Robert Ritzel, Chefarzt an den Städtischen Kliniken Bogenhausen und Schwabing in München. Etwa die Hälfte aller Neuropathien gehen auf einen Diabetes, also die Zuckerkrankheit, zurück.

Aber auch Alkoholmissbrauch, bestimmte Medikamente – manche davon kommen zur Chemotherapie bei Krebspatienten zum Einsatz – oder andere Krankheiten wie Rheuma oder Gefäßentzündungen können eine solche Nervenschädigung auslösen. 

„Neben diesen erworbenen, entzündlichen Neuropathien gibt es aber auch genetische, also angeborene Formen, die auch erst im Alter auftreten können“, sagt Dr. Beate Schlotter-Weigel. Die Neurologin arbeitet am Friedrich-Baur-Institut der Neurologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, ihr Schwerpunkt liegt auf diesen Neuropathieformen. Sie sieht zudem auch oft Patienten mit „immunvermittelten Neuropathien“. Bei diesen Erkrankungen richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper, und zwar gegen Strukturen von Nerven.

Was genau passiert da im Nervensystem?

Entzündliche Prozesse können Nervenfasern oder die Myelin-Hüllen, die diese umgeben, schädigen. Sind die kleinen Gefäße betroffen, die die Nerven versorgen, können Durchblutungsstörungen die Folge sein. Die wiederum führen dazu, dass Nervenfasern absterben, die nicht mehr richtig versorgt werden. Die Folge: Der Nerv wird lahmgelegt.

Dr. Beate Schlotter-Weigel ist Expertin für Polyneuropathien am Friedrich-Baur-Institut der Neurologischen Klinik der LMU München.

Weil das periphere Nervensystem und seine langen Nervenbahnen betroffen sind, spüren viele Patienten die Symptome meist in der Peripherie, also: am Rande. Dann fühlen sich Zehen, Füße oder Hände taub an. Betroffene spüren dort weder Kälte noch Hitze und keinen Schmerz. Andere Patienten leiden unter starken Schmerzen, vor allem nachts. Sie klagen über ein Kribbeln oder Brennen. Bei manchen fühlt es sich an, als lege sich eine Eisenklammer ums Gelenk oder als würde der Knöchel regelrecht eingeschnürt. 

Die Beschwerden treten dabei fast immer symmetrisch auf, es sind also beide Beine oder Arme betroffen. Zu diesen Gefühlsstörungen können motorische Beschwerden kommen, weil die Steuerung der Muskeln nicht mehr richtig funktioniert. „Es kommt zu Lähmungen und einem Abbau der Muskelmasse“, sagt Beate Schlotter-Weigel. „Manche Patienten können nicht mehr über die Ferse abrollen. Sie haben dann einen auffälligen, sogenannten Stepper-Gang.“

Welche Bereiche kann es noch treffen?

Fast alle. Die Krankheit macht auch vor dem vegetativen Nervensystem nicht halt. Das ist der Teil des Nervensystems, den wir nicht bewusst kontrollieren. Es steuert Atmung, Blutdruck, Herzschlag, Magen-Darm-Tätigkeit, Kreislauf und vieles mehr. „Festzustellen, ob diese Funktionen von der Neuropathie betroffen sind, ist schwer“, sagt Ritzel. Magen-Darm-Probleme wie Durchfall oder Verstopfung, Erektionsstörungen, Kreislaufprobleme oder Blutzuckerschwankungen können Hinweise darauf sein.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

„Wenn die Beschwerden ganz plötzlich auftauchen und innerhalb weniger Tage schlimmer werden, dann so schnell wie möglich“, rät Neurologin Schlotter-Weigel. In solchen Fällen kann zum Beispiel eine Gefäßentzündung, eine Vaskulitis, Auslöser der Neuropathie sein. Diese verläuft untypisch, nämlich nicht symmetrisch und die Symptome treten an verschiedenen Stellen auf. Aber: Auch wenn die Beschwerden nur langsam schlimmer werden, sollte man nicht zu lang mit dem Arztbesuch zögern. 

Eine frühe Diagnose ist generell wichtig, um Folgeschäden zu verhindern. Das Problem: „Viele Patienten leiden schon länger an Neuropathien oder Durchblutungsstörungen, wenn bei ihnen Diabetes festgestellt wird“, sagt Ritzel.

Wie behandelt man eine Neuropathie?

Das kommt auf die Form der Erkrankung an. Bei entzündlichen, immunvermittelten Neuropathien ist Kortison das Mittel der ersten Wahl, im Verlauf der Erkrankung können weitere Arzneien nötig sein. „Die Schmerzen werden rasch besser“, sagt Schlotter-Weigel. Bei Lähmungserscheinungen dauert das jedoch oft Monate. „Periphere Nerven haben die Fähigkeit, sich zu regenerieren – aber sehr langsam.“

„Angeborene Neuropathien und idiopathische – also solche, bei denen man keine Ursache findet – sind chronische Erkrankungen, die Betroffene ein Leben lang begleiten“, sagt Beate Schlotter-Weigel. Diese Patienten profitieren von Ergo- und Physiotherapie sowie von einer Gang- und Gleichgewichtsschulung. Bei der Therapie geht es vor allem darum, die Beschwerden zu lindern. Daher ist eine Schmerztherapie sehr wichtig.

Andere bekommen Schmerzen und Missempfindungen mit einem sogenannten „TENS-Gerät“ gut in den Griff. „TENS“ ist die Abkürzung für „transkutane elektrische Nervenstimulation“. Bei diesem Verfahren werden die Muskeln durch Stromreize von außen stimuliert. „Diese Behandlung wirkt aber nur, wenn man sie auch regelmäßig anwendet“, sagt Ritzel.

Worauf kommt es bei Diabetikern an?

Ist Diabetes die Ursache der Neuropathie, müssen die Blutzuckerwerte gut eingestellt werden – je besser Sie Ihre Blutzuckerwerte im Griff haben, desto größer der Schutz für Ihre Nerven. Dadurch lässt sich die Krankheit zudem günstig beeinflussen. Ist auch das vegetative Nervensystem betroffen, richtet sich die Behandlung nach dem Symptom. So kommen zum Beispiel Medikamente gegen Verstopfung und Durchfall zum Einsatz, wenn Magen und Darm beeinträchtigt sind.

 „Diabetisches Fußsyndrom“

Diabetiker leiden besonders oft an Neuropathien, die Nervenschäden sind Folge dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel. Das kann gravierende Folgen haben: Weil Betroffene an den Füßen weniger spüren, fallen Verletzungen lang nicht auf. Dringen Keime in den Körper ein und führen zu einer Infektion, bleibt diese häufig lange unbehandelt. Lässt sich diese nicht rechtzeitig stoppen, muss der Fuß im schlimmsten Fall sogar abgenommen werden – etwa ein Drittel der Amputationen in Deutschland gehen auf Diabetes zurück. 

Bei Diabetikern sind die Füße ohnehin anfällig: Sie haben häufiger trockene Haut, leiden oft an Durchblutungsstörungen. Durch Fehlstellungen und Hornhaut können daher leichter kleine Wunden entstehen – und die heilen bei Diabetikern schlechter. Man spricht daher auch vom Diabetischen Fußsyndrom. 

Warnzeichen sind Kribbeln, Brennen, Schmerzen oder Taubheitsgefühle. Diabetologe Prof. Robert Ritzel rät deshalb: „Lassen Sie Ihre Füße mindestens einmal pro Jahr vom Arzt inspizieren, wenn Sie bereits eine Wunde hatten oder eine Fußfehlstellung vorliegt, sogar alle drei bis sechs Monate.“ 

Diabetiker sollten zudem täglich ihre Füße selbst untersuchen, etwa mit einem Spiegel. Cremes mit Harnstoff können trockener Haut vorbeugen, müssen aber täglich aufgetragen werden, sagt Ritzel: „Nur so kann man seine Füße langfristig schützen.“

So schnell ist der Schmerz

Nadja Katzenberger

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