Beschwerdebrief an Merkel

Prekäre Zustände in Krankenhäusern: Diese Schwester hat sie satt

München - Übermüdung, Unterbezahlung, Stress. Das alles gehört zum Alltag der Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern. Eine Krankenschwester fordert: Schluss damit! Auf Facebook spricht sie Klartext.

Jana Langer (Name aus Facebook) ist Krankenschwester. Und sie ist sauer. Ihrem Ärger über die Zustände im deutschen Gesundheitssystem macht sie in einem Facebook-Beitrag Luft, der viel Zustimmung im Netz erntet: Knapp 40.000 Menschen haben ein „Gefällt mir“ für die klaren Worte der Pflegerin übrig und fast 30.000 teilten den Beitrag.

Die Krankenschwester beschreibt in ihrem Post die prekären Umstände, unter denen das Pflegepersonal in deutschen Krankenhäusern arbeiten muss. Besonders besorgt ist sie darüber, dass die wertvolle Zeit, die Pfleger ihren Patienten widmen können, immer weniger wird. Als Gründe dafür nennt Langer Personalmangel, zeitraubende Bürokratie-Akte und unzureichende Rahmenbedingungen schon in der Ausbildung. Über all dem schwebt für sie das Thema der mangelnden Finanzierung des Gesundheitswesens. Sie fordert ein umfassendes Reformpaket durch die Politik und wendet sich dabei insbesondere an Bundeskanzlerin Angela Merkel. 

Wahrung der Menschenwürde war oberstes Gebot

„Aus aktuellem Anlass: Sehr geehrte Frau Merkel, seit über 20 Jahren bin ich Krankenschwester an der Universitätskilinik in XXX. Ich absolvierte auch dort meine Ausbildung. Hoch motiviert war ich für diesen Beruf, machte Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen, gab immer mein Bestes. Der Mensch stand stets im Mittelpunkt meines Handelns, die Genesung und Linderung von Schmerzen, Hilfe zur Selbsthilfe war immer mein Berufsmotto. Wahrung der Menschenwürde, trotz oftmals widriger Umstände, war für mich das oberste Gebot.

Patienten nur noch Wirtschaftsfaktoren

Die letzten Jahre war das ein Ding der Unmöglichkeit. Patienten sind zu Wirtschaftsfaktoren geworden, sind Fallzahlen und Kostenfaktoren. Menschen sind sie keine mehr, und sie als solche zu behandeln unmöglich. Eine menschenwürdige Arbeit zu verrichten nicht mehr möglich. Dokumentationen, die zur Abrechnung dienen, behindern meine Arbeit und fressen Zeit, die ich früher FÜR die Patienten hatte. Sie erwähnten vor dem Wahlkampf, „Pflegekräfte haben einen härteren Job als ich“, als „Stille Helden“ haben Sie uns bezeichnet. Still sind wir bisher gewesen, da gebe ich Ihnen Recht, ob wir einen härteren Job haben als Sie, vermag ich nicht zu beurteilen.

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Was ich jedoch beurteilen kann: Das Gesundheitssystem in seiner bestehenden Form behindert meine Arbeit. 

Arbeitszeitgesetze werden aufgrund von fehlender Finanzierung der Personalstellen nicht eingehalten. Patienten werden zu früh entlassen, da ihre Finanzierung nicht gewährleistet ist. Gefährliche Pflege (bedingt durch Personalmangel) bringt jeden an seine noch leistbare Grenze. Der Nachwuchs bleibt aus, und diejenigen die sich zu dieser Ausbildung entschlossen haben, scheiden viel zu früh aus dem Berufsleben aus, werden während ihrer Ausbildung nur unzureichend betreut und viel zu oft allein gelassen.

Wohl dem, der keine Leistungen im Krankenhaus in Anspruch nehmen muss. Denn jeder Aufenthalt könnte im Moment zur tödlichen Falle werden. Innerlich gekündigtes Personal, schlecht bezahlte Hilfskräfte mit entsprechender Motivation, überarbeitete und übermüdete Pflegekräfte, die nur noch versuchen, den größten Schaden abzuwenden, sind alltägliche Bilder in jeder Klinik von Deutschland.

Durchdachtes Reformpaket statt vorschneller Entscheidungen

Glauben Sie nicht, dass hier endlich eine umfassende Reform nötig ist? Hier muss eine umfassende Reform auf die Tagesordnung, keine Schnellschüsse und kleinen Nachbesserungen. Über eine Million Pflegekräfte arbeiten und leiden in Ihrem Land, das Sie regieren. Sie tragen die Verantwortung für jene, die Ihnen das Vertrauen ausgesprochen haben. Ist Ihnen klar, dass Sie dieses Vertrauen mit Füßen treten? Wir können Sie nicht wirtschaftlich unterstützen, wir tragen auch nichts zum Bruttoinlandsprodukt bei. ABER: wir versorgen die Schwächsten in unserer Gesellschaft, geben jenen Hilfe und Unterstützung, die krank oder auch alt geworden sind. Das ist IHR Volk, um die wir uns MENSCHENWÜRDIG und PROFESSIONELL kümmern wollen. Also sorgen sie dafür, dass wir auch die nötigen Mittel an die Hand bekommen, um uns nicht täglich strafbar zu machen und mit einem schlechten Gewissen nach Hause gehen. Mit freundlichen Grüßen J.L.“

„Wahre Worte“, kommentiert Kathrin Prinzessline, auch Erika Hall meint: „Kann ich nur zustimmen.“

Ulla Schneider findet: „Dies ist alles Angelegenheit der Krankenkassen und der Ärztekammern - es hat mit Politik gar nichts zu tun - egal welcher Partei.“

Anders, als manche Facebook-Nutzer in ihren Kommentaren vermuten, sind die problematischen Zustände in deutschen Krankenhäusern der Politik keineswegs neu.

Zauberformel: Geld und Personal

Tatsächlich hat der Bundestag bereits im Dezember 2015 ein Gesetz zur Reform der Krankenhausversorgung verabschiedet. „Eine gute Versorgung von Patientinnen und Patienten im Krankenhaus kann nur mit ausreichend Personal gelingen“, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe dazu auf der Homepage des Ministeriums. Er pflichtet hiermit Facebook-Beschwerdeführerin Langer bei. Unter anderem wurde in dem Gesetz die Bereitstellung von Fördergeldern vorgesehen (bis 2018 insgesamt 660 Millionen Euro, ab 2019 330 Millionen jährlich), ein Pflegezuschlag für Krankenhäuser mit viel Pflegepersonal eingeführt und der Bereich der Hygienefachkräfte gestärkt.

Krankenhausstrukturgesetz bereits in Kraft

Das Krankenhausstrukturgesetz ist zwar schon am 1. Januar 2016 in Kraft getreten, seither habe sich jedoch nicht viel verändert, befindet Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung. Seiner Meinung nach ist zur Entlastung der Krankenhäuser besonders eine bessere Kooperation mit niedergelassenen Ärzten notwendig.

Möglicherweise kann Jana Langer mit ihrer Kritik dazu beitragen, dass an Lösungsstrategien weiterhin intensiv gearbeitet wird. Dass das notwendig ist, zeigen die 40.000 Menschen, die Jana Langer auf Facebook beipflichten, überdeutlich.

lg

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