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Kleines Organ, große Probleme: Dr. Michael Seitz (re.) hat die Prostata aus dem Modell gepflückt, um die sich bei der Merkur- Sprechstunde alles drehte. Mit dabei: Prof. Christian Stief, Dr. Christian Gratzke und Dr. Alexander Roosen (v. li.).

Merkur-Sprechstunde

Problem-Organ Prostata

Nachts muss man immer öfter raus, das Wasserlassen klappt nicht mehr so wie früher: Schuld ist die Prostata, die sich bei vielen Männern mit den Jahren vergrößert. Bei der Merkur-Sprechstunde erfuhren Leser, was in diesem Fall hilft.

"Viele Männer hoffen bei Problemen auf die Kraft der Natur.", so Dr. Christian Gratzke.

Gesundheit sei Frauensache, hört man oft. Auch dass sich Männer mehr um ihre Autos kümmern würden als um ihren Körper. Bei der Merkur-Sprechstunde am vergangenen Mittwoch bot sich ein anderes Bild. Beinahe 200 Leser waren in den Veranstaltungssaal des Münchner Pressehauses geströmt – fast alles Männer. Nur ganz wenige hatten ihre Frauen als Unterstützung mitgebracht.

Denn diesmal ging es um ein Leiden, das nur das starke Geschlecht trifft: die gutartige Vergrößerung der Prostata. Obwohl die Vorsteherdrüse, wie sie auch genannt wird, eine wichtige Rolle für die Fortpflanzung spielt, werden sich Männer ihrer Existenz meist erst bewusst, wenn sie Probleme macht – und das passiert mit steigendem Alter immer öfter. Bei den über 50-Jährigen leiden etwa vier von zehn Männern unter Prostataproblemen, erklärte Dr. Michael Seitz. „Vermutlich sind die Zahlen sogar noch höher.“ Der Münchner Urologe, der eine urologische Praxis in Bogenhausen leitet, war einer der Experten bei der Merkur-Sprechstunde.

Vier von zehn über 50-Jährigen leiden an Prostataproblemen

Das Interesse daran war gewaltig: Weitaus mehr Anmeldungen waren eingegangen als Plätze im Saal zu vergeben waren. Das zeigt, um welch drängendes Problem es sich für die Betroffenen handelt. Denn vergrößert sich die Prostata, bereitet das beim Wasserlassen oft Probleme: Der Harnstrahl wird schwächer, häufig reißt er ab. Manche haben Startschwierigkeiten, ehe es richtig läuft. Viele müssen nachts häufig raus, kennen jede öffentliche Toilette – denn setzt der Harndrang ein, muss es bei vielen schnell gehen.

Wie sehr die Betroffenen darunter leiden, weiß Prof. Christian Stief, Chefarzt der Urologie im Klinikum Großhadern in München, von seinen eigenen Patienten. Der Arzt, den Lesern von der montäglichen Medizinseite bekannt, hat sich darum besonders für das Thema stark gemacht – und führte charmant durch den Abend.

Großer Andrang: Fast 200 Leser waren zur Merkur-Sprechstunde gekommen, die meisten davon Männer.

Sein Fachkollege Seitz erklärte den Gästen, wie die vergrößerte Drüse zu den typischen Beschwerden führt: Da die Prostata die Harnröhre umschließt, kann sie diese immer weiter verengen. So wird das Wasserlassen zu einem schwierigen Geschäft. Im schlimmsten Fall kann der Betroffene die Blase gar nicht mehr entleeren. Das ist nicht nur äußerst schmerzhaft. Der Harn kann sich auch bis zur Niere zurückstauen, diese schädigen. Ein solcher Harnverhalt ist daher ein Notfall, die Blase muss teils punktiert werden. Da könne es schon mal vorkommen, dass zwei bis drei Liter Urin herausfließen, sagte Seitz. Dabei liege die normale Kapazität der Blase bei bis zu 450 Milliliter.

Da die Prostata direkt unterhalb der Blase liegt, drückt sie zudem deren Boden nach oben. Ein ringförmiges Becken entsteht, darin bleibt immer Restharn zurück. „Ein idealer Nährboden für Bakterien“, sagte Seitz. Harnwegsinfektionen sind bei Patienten mit Prostataproblemen häufig. Auch die Blasenwand verdickt sich, wird weniger elastisch. Experten sprechen von einer Balkenblase.

Viele Männer hoffen auf die Kraft der Natur

Dr. Alexander Roosen

Viele Männer hoffen dann auf die Kraft der Natur. Sie setzen auf Extrakte aus der Sägezwergpalme, dem afrikanischen Pflaumenbaum oder Kürbiskernen. In keinem anderen Land Europas würden bei Prostataproblemen so viele pflanzliche Arzneien geschluckt wie in Deutschland, sagte Dr. Christian Gratzke, Leiter des Prostatazentrums am Klinikum Großhadern. Gern zur besten Sendezeit beworben, helfen sie wohl mehr den Herstellern. „Sie kosten oft viel, bringen aber wenig“, sagte Gratzke.

Dabei gibt es durchaus Arzneien, die Patienten helfen können. Vor dem Rezept steht aber eine genaue Diagnose. Seitz erklärte den Zuschauern, was der Arzt dabei macht: Mit Ultraschall lässt sich etwa Restharn in der Blase erkennen. Gemessen wird auch der Druck des Harnstrahls, Blut- und Urin werden untersucht, die Prostata mit dem Finger über den Enddarm abgetastet. „Auch wenn es unangenehm ist, das sollte man über sich ergehen lassen“, sagte Seitz. Die Untersuchungen dienen auch dazu, eine Krebserkrankung auszuschließen.

Medikamente lassen die vergrößerte Prostata schrumpfen

Prof. Christian Stief Chefarzt der Urologie im Klinikum Großhadern in München

Die Wahl der Medikamente ist von vielen Faktoren abhängig, etwa der Größe der Prostata, aber auch davon, ob der Patient noch sexuell aktiv ist. So bewirken Alpha-Blocker etwa, dass sich die Blase zusammenzieht – die Harnröhre entspannt sich, der Urin fließt ab. Eine andere Gruppe von Medikamenten, 5-alpha-Reduktase-Hemmer, lassen die Prostata schrumpfen. Sie eignen sich darum besonders für Patienten, mit einer größeren Prostata. Besonders wirksam sei eine Kombination aus beiden Wirkstoffgruppen. Mit dieser Therapie komme es weitaus seltener zu Komplikationen wie einem Harnverhalt. Die Kombination eigne sich aber nicht für jeden Patienten. Das gilt auch für Anticholinergika, die ebenfalls die Blase entspannen.

Von Botox, das zwar mehr kann, als Falten im Gesicht zu glätten, und bei der überaktiven Blase durchaus mit Erfolg eingesetzt wird, rät Gratzke bei Prostataproblemen indes ab. „Es wirkt, aber nicht gut“, sagte Gratzke. „Derzeit nicht zu empfehlen“, so sein Urteil. PDE-5-Hemmer könnten indes durchaus helfen. Hinter dem Namen verbergen sich Mittel, die auch bei Erektionsstörungen eingesetzt werden. Entsprechend begehrt und teuer sind sie: Patienten müssen sie selbst bezahlen.

Je nach Beschwerden und Größe der Prostata, reichen Medikamente aber manchmal nicht aus. Dann raten Urologe zu einem chirurgischen Eingriff. Nur selten ist die Prostata dabei allerdings so groß, dass dazu eine Operation mit großem Schnitt nötig ist, erfuhren die Leser von Dr. Alexander Roosen. Auch er ist Urologe und Koordinator des Prostatazentrums des Klinikums Großhaderns. Der Chirurg schält die Innendrüse der Prostata dabei mit dem Finger aus. Doch gibt es heute viele sanftere Alternativen meist wird durch die Harnröhre operiert. Beruhigend für die vielen Männer im Saal.

Von Andrea Eppner

Prostata-Operation: Hobeln, verdampfen, liften

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