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Jedes 4. Baby hat eine Mutter, die über 35 ist.

Spätes Glück oder Risiko?

Ein Baby mit 40

Erst die Ausbildung, dann arbeiten und ein bisschen leben. Schließlich den richtigen Mann finden und sich zusammenraufen – und endlich eine Familie gründen. Das kann dauern.

Schon jedes vierte Baby hat eine Mutter, die über 35 Jahre alt ist. Über 40 – diese Kategorie gibt es in der Statistik gar nicht. Die Behörden haben da einen Trend verschlafen. Denn: „Schwanger mit 40, das ist keine Ausnahme mehr“, sagt Professor Klaus Friese, Leiter der Frauenklinik der Uni München (Maistraße und Großhadern): „Wir sehen das immer häufiger.“ Die tz sprach mit dem erfahrenen Frauenarzt über die Risiken für werdende Mütter jenseits der 40.

Ist es ein Unterschied, ob eine Mutter mit 40 ihr erstes Kind bekommt, oder ob es sich um das zweite oder dritte Kind handelt?

Professor Klaus Friese, Leiter der Frauenklinik der LMU.

Professor Klaus Friese: Wenn eine 40-Jährige ihr drittes Kind bekommt, ist es sicher eine günstigere Situation, als wenn sie ihr erstes Kind bekommt. Waren die vorhergehenden Schwangerschaften unproblematisch, kann man davon ausgehen, dass es wieder so sein wird. So ist zum Beispiel die Frühgeborenenrate bei Frauen über 40 mit einer ersten Schwangerschaft höher, als bei Frauen, die bereits Mutter sind. In diese Zahlen spielt jedoch auch mit hinein, dass ältere Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, häufiger durch eine Kinderwunschbehandlung schwanger wurden, und das erhöht das Risiko für Mehrlingsgeburten und damit auch für Frühgeburten. Ältere Schwangere werden übrigens genauso bei Vorsorgeuntersuchungen kontrolliert wie jüngere werdende Mütter. Erst wenn sich herausstellt, dass eine Schwangere ein höheres Risiko hat, werden die Untersuchungen intensiver. Es gibt auch überhaupt keinen Grund auf eine natürliche Geburt zu verzichten. Das Alter der Mutter ist keine Indikation für einen Kaiserschnitt. Das muss ich hier mal ganz klar sagen.

Kann eine Frau spüren, ob sie noch fruchtbar ist oder nicht?

Friese: Viele Frauen spüren ja den Eisprung, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Ansonsten sollte man keine Myome, also gutartige Wucherungen in der Gebärmutter, haben oder unter Endometriose leiden. Wer regelmäßige Monatsblutungen in normaler Intensität hat, sollte zunächst auf normalem Weg versuchen, schwanger zu werden. Manche Ärzte bieten Tests an zur Fruchtbarkeitsbestimmung. Die Eierstöcke werden mit Ultraschall untersucht, um zu sehen ob Follikel vorhanden sind. Das sagt aber nicht sehr viel aus. Das Anti-Müller-Hormon kann bestimmt werden, das sagt etwas darüber aus, wie viel hormonelle Reserve die Frau noch hat, um schwanger zu werden. Das wird manchmal von jüngeren Frauen genutzt, um abzuschätzen, wie lange sie noch warten können mit dem Kinderwunsch. Aber das ist natürlich alles keine Garantie.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, mit 40 auf natürlichem Weg schwanger zu werden?

Friese: Die Rate wird kleiner. Das liegt daran, dass weniger befruchtungsfähige Eizellen heranreifen. Bei einer Frau um die 40 dauert es doppelt so lange, schwanger zu werden wie bei einer 28-Jährigen. Da liegt die Chance bei etwa 20 Prozent, dass bei einem Geschlechtsverkehr am Eisprung-termin eine Schwangerschaft eintritt. Wenn die Frau schwanger werden möchte und es neun bis zwölf Monate versucht hat, ohne dass es geklappt hat, sollte sie sofort eine Kinderwunschbehandlung beginnen. Es werden zunächst die Hormonspiegel bei der Frau bestimmt und Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke per Ultraschall untersucht. Außerdem werden im Sperma des Mannes Zahl und Funktionsfähigkeit der Spermien untersucht. Man sollte dann nicht zu lange mit einer Behandlung warten. Denn bei der künstlichen Befruchtung hat der Gesetzgeber strenge Altersgrenzen gesetzt. Patientinnen über 40 müssen die ganzen Kosten selbst bezahlen.

Ist es sinnvoll, als ältere Frau gleich zum Arzt zu gehen, um zu prüfen ob alles gesund ist?

Friese: Nein, bei sehr vielen klappt es ganz normal auf natürlichem Weg. Jede Frau sollte die Chance dazu haben, wir wollen nicht gleich jeden in einen medizinischen Ablauf pressen.

Welche Risiken sind denn bei älteren Schwangeren erhöht?

Friese: Alter ist einfach ein Risikofaktor für einige Erkrankungen, und das trifft eben auf ältere Schwangere auch zu, also zum Beispiel Bluthochdruck oder Schwangerschaftsdiabetes.

Gibt es körperliche Folgen nach der Schwangerschaft?

Friese: Das ist abhängig von der Ausgangssituation. Eine Frau, die fit mit 45 in die Schwanerschaft geht, hat gute Chancen, fit aus der Schwangerschaft herauszukommen.

Interview: S. Stockmann

Genetisches Risiko fürs Kind

Anders als Samenzellen werden Eizellen im Lauf des Lebens nicht neu gebildet. Alle Eizellen werden bereits vor der Geburt beim Mädchen angelegt. Sie sind also beim Eisprung sogar älter als die Frau selbst. Wie bei allen Körperzellen kommt es mit zunehmendem Alter auch bei den Eizellen bei der Teilung zu Fehlern. Daher sinken die Chancen, dass eine Eizelle intakt ist und erfolgreich befruchtet werden kann, und es steigt das genetische Risiko fürs Kind. Viele Schwangerschaften enden daher in einem sehr frühen Stadium, das befruchtete Ei nistet sich nicht in die Gebärmutter ein oder stirbt kurz darauf. Meist liegen genetische Fehler vor, bei denen der Embryo nicht lebensfähig gewesen wäre. Diese frühen Fehlgeburten werden oft von der Frau gar nicht bemerkt. Anders bei der Trisomie 21, bei der die Kinder voll lebensfähig sind. Die Wahrscheinlichkeit ein Kind mit Down-­Syndrom zu bekommen, liegt mit 35 Jahren bei etwa 0,3 Prozent, mit 40 Jahren bei einem Prozent und mit 46 Jahren bei fünf Prozent.

Eizellen auf Eis als Reserve?

Immer häufiger bitten junge, gesunde Frauen darum, Eizellen einzufrieren, um der biologischen Uhr ein Schnippchen zu schlagen. Professor Friese warnt vor zu hohen Erwartungen: „Dieses so genannte Social freezing muss man von zwei Seiten sehen. Ich verstehe Frauen, die sagen, sie möchten gern ein Kind, haben aber noch nicht den richtigen Partner. Andererseits warne ich davor, weil es ein großes Geschäft sein kann. Die Erfolge, die oft versprochen werden, sind völlig unrealistisch.“

Das Tieffrieren und Auftauen von Eizellen ist bis heute kein Routineverfahren. Sehr viele Eizellen überleben die Prozedur nicht unbeschadet. So überlebt nur eine von fünf Eizellen einer 38-Jährigen die Pause im flüssigen Stickstoff. Selbst wenn, liegt die Wahrscheinlichkeit dann mit einer In-vitro-Fertilisation schwanger zu werden, bei gerade mal zehn Prozent. Eine Frau bräuchte also zehn befruchtete Eizellen, um zu einer Schwangerschaft zu kommen. Demnach müssten statistisch gesehen mindestens 50 Eizellen entnommen und tiefgeforen werden, damit es mindestens einmal klappt. Eine belastende Prozedur, das Einfrieren ist zudem mit hohen Kosten verbunden.

Fruchtbarkeit beeinflussen

Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich für Frauen im letzten Jahrhundert von 50 auf über 80 Jahre erhöht. Die Wechseljahre beginnen dennoch weiter mit Anfang 50. Ein gesunder Lebensstil, mit ausgewogener Ernährung und regelmäßiger Bewegung tut auch der Fruchtbarkeit gut. Dennoch ist sie zum großen Teil genetisch bestimmt. Wer jedoch weiß, dass er nicht jetzt, aber später mal Kinder haben möchte, sollte schon in jungen Jahren aufs Rauchen verzichten. Professor Friese: „Es ist belegt, dass Raucherinnern früher in die Wechseljahre kommen.“ Extremer Sport schadet übrigens auch der Fruchtbarkeit. Professor Friese: „Sehr schlanke, sehr durchtrainierte Sportlerinnen haben oft einen unregelmäßigen Zyklus und Schwierigkeiten, schwanger zu werden. Es kommt auf das richtige Maß an Sport an.“

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