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Das Rinecker-Proton-Therapy-Center ( RPTC) in München bietet eine Bestrahlung mit Protonen an

Diese Strahlentherapie schont die Kranken

Mit Protonen gegen Krebs

München - Das Rinecker-Proton-Therapy-Center (RPTC) in München bietet eine Bestrahlung mit Protonen an, die Krebskranken schont. Ein Interview mit dem Radioonkologen Dr. Alfred Haidenberger.

Das Unheil beginnt immer in einer einzigen Zelle, die sich plötzlich unkontrolliert teilt und nicht mehr damit aufhört – ein Tumor entsteht, der gesundes Gewebe verdrängen oder zerstören kann. Bei der Behandlung der verschiedenen Krebsarten hat die Medizin in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Dennoch sind die meisten Therapien stark belastend und schränken die Lebensqualität der Patienten sehr ein. Das Rinecker-Proton-Therapy-Center (RPTC) in München bietet eine Bestrahlung mit Protonen an, die die Kranken schont. Protonen sind keine Wunderwaffe, die den Krebs einfach wegschießen, aber die Behandlung hat weniger Nebenwirkungen. Rund 90 000 Patienten weltweit wurden schon behandelt, 600 sind es jedes Jahr in München. tz-Redakteurin Susanne Stockmann sprach mit dem Radioonkologen Dr. Alfred Haidenberger, Chefarzt im RPTC, für wen eine Behandlung sinnvoll ist.

Wann ist die Protonenbestrahlung sinnvoll?

Dr. Alfred Haidenberger: Wir behandeln im Prinzip alle Tumore, die auch mit der herkömmlichen Bestrahlung behandelt werden können. Darüber hinaus können wir in vielen Fällen dort bestrahlen, wo die normale Bestrahlung nicht oder nicht erfolgversprechend eingesetzt werden kann, weil wichtige Organe in Mitleidenschaft gezogen würden, z. B. bei Tumoren im Gehirn, der Wirbelsäule mit Spinalkanal und der Schädelbasis. Häufig behandelt werden auch Prostatatumore sowie Tumoren des Gastrointestinaltraktes, auch die Bauchspeicheldrüse, die mit der herkömmlichen Bestrahlung nicht mit entsprechender Dosis therapierbar ist, da dort der Schaden an den Risikoorganen wie Rückenmark, Dünndarm etc. größer als der Nutzen wäre.

Lehnen Sie Patienten ab?

Haidenberger: Eine erfolgversprechende Therapie hängt auch vom Allgemeinzustand des Patienten ab. Bei beweglichen Zielen, wie z. B. Tumoren in der Lunge, müssen die Patienten absolut ruhig liegen, daher bekommen sie eine Narkose. Wenn Patienten dafür zu krank sind oder eine schlechte Lungenfunktion haben, dann raten wir ab. Aber sie können sich dann immer noch einer normalen Bestrahlung unterziehen, bei der die Präzision eine geringere Rolle spielt.

Wie läuft die Behandlung bei Ihnen ab?

Haidenberger: Die Bestrahlung ist ja fast immer nur Teil einer Krebstherapie, daher arbeiten wir mit vielen Ärzten und Kliniken zusammen. Natürlich mit unserem Mutterhaus, der Chirurgischen Klinik Dr. Rinecker. Wir kooperieren außerdem mit der Kinderonkologie im Schwabinger Krankenhaus, mit einem urologischen Zentrum sowie mit internistischen Onkologen, haben aber auch Partner für Patienten mit Tumoren im Hals-Kopf-Bereich. Zu uns kommen Patienten aus 43 Nationen, in den letzten drei Jahren haben wir über 40 Kinder behandelt. Wie in internationalen Leitlinien festgelegt und von der DEGRO (Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie) empfohlen, sollen Kinder, wenn es möglich ist, immer mit der Protonentherapie bestrahlt werden. Die Patienten, die zu uns kommen, werden nochmals gründlich untersucht, wir besprechen im Team eine mögliche Behandlung und klären den Patienten über seine Therapieoptionen auf. Erst dann wird ein genauer Bestrahlungsplan von den speziell ausgebildeten Physikern berechnet. Wir teilen den Tumor in Rasterpunkte ein, die im Scanning-Verfahren, dem modernsten der Welt, mit der Strahlungskanone zielgenau abgefahren werden. So wird die Höchstdosis genau in den Tumor gesetzt. Die bösartigen Zellen sterben ab. Mit Protonen können wir die höchste Wirkung genau dort erreichen, wo wir sie haben wollen, nämlich im Tumor. Das Gewebe davor wird kaum, das dahinter nicht verletzt. Dadurch können wir höhere Gesamtdosen in den Tumor applizieren, was eine höhere Heilungschance bedeutet.

Wie geht es den Patienten?

Haidenberger: Die Patienten haben viel weniger Nebenwirkungen und werden schneller wieder fit. Wir hatten z. B. einen Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs, dessen Allgemeinzustand während der mehrwöchigen Bestrahlung unverändert gut blieb. Sein Tumor schrumpfte auf eine Größe, die operiert werden konnte. Leider ist es ja nicht so, dass Ärzte den Krebs immer heilen können. Krebs-patienten erleiden ein Rezidiv, oder der Tumor hat schon gestreut. Der große Vorteil der Protonenbestrahlung ist, dass wir diese Patienten erneut bestrahlen können. Das ist bei der herkömmlichen Bestrahlung nur in den seltensten Fällen möglich.

Ihr Zentrum wird von der Wissenschaft kritisiert, weil es sich nicht an Studien beteiligt und nicht klar mit Daten belegt, warum die Protonenmethode überlegen ist.

Haidenberger: Wir behandeln seit knapp vier Jahren in München und haben uns in der Zeit eine Menge Knowhow erarbeitet und werden oft von ausländischen Experten besucht, die unsere Arbeit studieren wollen. Wir bilden Ärzte und Medizinphysiker für andere Zentren aus. Wir nehmen derzeit an keiner Studie teil – ausgenommen die Bestrahlung bei Kindern, die im Rahmen entsprechender Studien erfolgt, sind aber offen, dies bei adäquaten Studien zu tun. Wir sammeln natürlich die Daten jeder Behandlung und werden sie auch veröffentlichen. Wir brauchen einfach eine gewisse Nachbeobachtungszeit. Wir sind jedoch bald an einem Zeitpunkt, wo wir mit Zahlen an die Öffentlichkeit gehen können, und werden dies tun.

Brustkrebs - Anleitung zur Selbstuntersuchung

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Frage des Geldes

Eine Strahlenbehandlung mit Röntgenstrahlung kostet gut 12 000 Euro, eine Therapie mit Protonen summiert sich auf bis zu 20 000 Euro. Nicht alle Krankenkassen möchten so tief in die Tasche greifen, um ihren Patienten die Nebenwirkungen zu ersparen. Denn auch die konventionelle Strahlentherapie hat technisch große Fortschritte gemacht. Rund 200 Millionen Euro hat die Rinecker-Klinik in das Zentrum investiert, es ist die dritte Protonenanlage neben Berlin und Heidelberg. Valerie Rinecker von der Prohealth AG: „Wir haben eine der modernsten Anlagen der Welt, sie ist komplett privatwirtschaftlich finanziert, dafür sind keine Steuergelder geflossen.“ Mit der AOK Bayern und anderen Kassen bestehen Verträge, dass Behandlungskosten übernommen werden, mit weiteren Kassen gibt es Vereinbarungen. Bei Kassen ohne Vertrag gilt, dass jeder Fall individuell entschieden wird.

Behandlungstechnik mit Protonen

Protonen sind winzige Teilchen, zusammen mit den Neutronen und Elektronen bilden sie die Grundlage aller Materie. Die kleinen positiven Partikelchen kann man auf 180 000 km/h beschleunigen, zu einem Strahl bündeln und zielgenau in einen Tumor schießen und ihn somit zum Sterben bringen. Protonen fliegen eine genau definierte Strecke und geben anders als Röntgenstrahlen auf dem Weg zum Tumor nur sehr wenig Energie ab – das gesunde Gewebe wird optimal geschont. Hinter dem Tumor hinterlassen sie keine Spuren im Gegensatz zu Röntgenstrahlen, die durch den ganzen Körper gehen und auch Zellen hinter dem Tumor schädigen. Die Grafik zeigt den Bestrahlungsplan eines Lungentumors mit Röntgen – und mit Protonenstrahlung. Bei der Röntgenstrahlung werden auch die gesunden ­Teile der Lunge stark belastet und geschädigt.

Bei der Protonentherapie werden das gesunde Gewebe, und auch das Herz optimal geschont. Die Strahlung gelangt zielgenau und mit genau definierter Eindringtiefe in den Tumor.

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