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Ständig erreichbar zu sein zerrt an den Nerven - und kann für Schlafstörungen sorgen.

Gesundheitsreport der DAK

Psychofalle Job: Jeder fünfte Fehltag hat seelische Gründe

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Ständig erreichbar sein, großer Konkurrenzdruck und viel zu viel Arbeit: Viele Beschäftigte stöhnen unter dem massiven Jobdruck. Mit fatalen Folgen für die Gesundheit.

In Münchner Firmen leiden immer mehr Arbeitnehmer unter seelischen Problemen. Inzwischen ist mehr als jeder fünfte Krankheitstag einem psychischen Leiden geschuldet. Allein binnen eines Jahres hat die Krankenkasse DAK einen weiteren Anstieg der Fehlzeiten um zehn Prozent verzeichnet. Das geht aus ihrem neuen Gesundheitsreport hervor. Eine Detail-Analyse ergab: Nur Erkältungen und Infekte verursachen noch mehr Ausfälle.

Woran Arbeitnehmer genau erkranken beziehungsweise weshalb sie am häufigsten fehlen, lesen Sie in den Tabellen auf der rechten Seite. Außerdem erzählt eine Patientin ihre Leidensgeschichte und ein Psychiater beleuchtet die Gründe für die Zunahme der seelischen Leiden. Eine Entwicklung, die die DAK bereits seit Jahren auf dem Radar hat.

Gesundheitsreport der DAK: Fehltage im Januar besonders hoch wegen Depressionen im Job

Für ihren Gesundheitsreport wertet die Krankenkasse die Diagnoseschlüssel (ICD) auf den Krankmeldungen ihren Versicherten aus – etwa 100.000 in München und 800.000 in ganz Bayern. Viele von ihnen geraten im Job in die Psychofalle, wie Münchens DAK-Chef Günter Köll erläutert: "Eine nähere Analyse zeigt:Im Januar fehlen die meisten Menschen aufgrund von Depressionen im Job. In keinem anderen Monat gibt es deswegen mehr Krankmeldungen. So gehen im Januar rund 15 Prozent mehr gelbe Scheine mit dieser Diagnose bei der Krankenkasse ein als im Jahresdurchschnitt. Im Frühjahr und Sommer verringert sich die Zahl der Krankmeldungen, bevor diese in den Herbstmonaten wieder ansteigen. Nach den Feiertagen im Dezember scheinen viele Menschen ein seelisches Tief zu erleben. Das kalte Wetter und die kurzen Tage tun ihr Übriges."

Der DAK-Gesundheitsreport liefert allerdings auch einen erfreulichen Aspekt: Münchens Firmen können besonders stark auf ihre Mitarbeiter zählen. Denn sowohl in der Stadt als auch im Landkreis und in Starnberg war der Krankenstand voriges Jahr so niedrig wie nirgendwo sonst in Bayern, geschweige denn in Restdeutschland. Während in der Landeshauptstadt nur 2,7 Prozent der Mitarbeiter fehlten, waren es in Bayern 3,4 und im Bund 3,9 Prozent.

"Zeigen Sie dem Chef auch mal die rote Karte"

Der Arbeitsplatz als Psychofalle – im Experteninterview erklärt Dr. Oliver Schwarz (48), warum die moderne digitale Arbeitswelt immer mehr Menschen seelische Probleme bereitet und was man dagegen unternehmen kann. Der renommierte Psychiater und Psychotherapeut ist Chefarzt der Klinik im Alpenpark in Bad Wiessee.

Redaktion:  Stress im Job ist ja keine Erfindung der Neuzeit. Auch vor 30, 40 Jahren mussten viele Menschen schon hart arbeiten. Wieso fühlen sich heutzutage immer mehr Arbeitnehmer heillos überfordert?

Dr. Oliver Schwarz: Weil sich die Arbeitsweise und insbesondere die Anforderungen an den Arbeitsalltag verändert haben. Wir müssen heutzutage mehr unterschiedliche Aufgaben in kurzer Zeit erledigen und schneller reagieren als früher.

Warum ist das so? 

Dr. Schwarz: Diese Entwicklung ist dem digitalen Zeitalter geschuldet. Es beschleunigt unser Arbeitsleben massiv. Nehmen Sie die Kommunikation. Früher hat man einen Brief verschickt, der war dann schon mal zwei, drei Tage unterwegs, bis er beim Empfänger auf dem Schreibtisch lag. Heute kann man binnen Sekunden eine Mail an den direkten Ansprechpartner versenden – und erwartet entsprechend schnell eine Antwort. Ein Manager in einem international ausgerichteten Unternehmen muss heute praktisch an sieben Tagen in der Woche 24 Stunden lang online sein. Und auch von normalen Mitarbeitern wird oft Erreichbarkeit über die Bürozeiten hinaus verlangt. Das gab es früher in diesem Ausmaß nicht. Heute wird von Arbeitgeberseite oft erwartet, dass man im roten Bereich arbeitet.

Was kann man als Arbeitnehmer tun, um die Belastung im grünen oder zumindest im gelben Bereich zu halten?

Dr. Schwarz: Genau hier liegt ein größeres Problem. Man muss zuallerst die eigene Belastungsgrenze wahrnehmen – und es nötigenfalls lernen. Denn die meisten Arbeitnehmer realisieren ihre Belastungsgrenze erst dann, wenn sie bereits überschritten ist.

Wie sollte man dann reagieren? 

Dr. Schwarz: Es ist wichtig, dem Chef beziehungsweise Arbeitgeber auch mal freundlich, aber bestimmt die rote Karte zu zeigen. Sprich zu sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Man sollte den Mut aufbringen, sich auch mal gegen den Gruppenzwang zu stellen – zum Beispiel gegen die ständige Erreichbarkeit per Mail. Kein Mensch muss immer erreichbar sein. Das gehört auch zu einer gewissen Selbstfürsorge – und die ist wichtig für die seelische Gesundheit.

Das sagt sich so leicht, aber viele Arbeitnehmer fürchten Repressalien bis hin zum Jobverlust.

Dr. Schwarz: Trotzdem ist es wichtig, das Selbstbewusstsein zu entwickeln, ein Gespräch mit dem Chef zu suchen. Ihm zu sagen: Ich kann dieses Arbeitspensum nicht mehr leisten – und es kann auch kein anderer. Ich brauche Unterstützung. Wenn man nichts unternimmt, wird sich auch nichts ändern. ´

Aber reicht Stress im Job alleine tatsächlich aus, um Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen? 

Dr. Schwarz: Bei der Entstehung von Depressionen kommen meistens verschiedene Gründe zusammen, in der Fachsprache reden wir von einem multifaktoriellen Geschehen. Zum einen gibt es genetische Faktoren: So ist das persönliche Depressionsrisiko größer, wenn bereits die Eltern oder die Großeltern an Depressionen erkrankt sind. Zum anderen haben manche Menschen einen ungünstigen Stoffwechsel, das heißt: der Austausch von sogenannten Neurotransmittern – das sind Botenstoffe, die unter anderem unsere Stimmung regulieren – ist ungünstig. Weitere Aspekte sind Erfahrungen im Umgang mit Konflikten oder Belastungssituationen sowie die Lebensgestaltung: Bin ich mir meiner persönlichen Belastungsgrenze bewusst? Merke ich überhaupt, dass ich immer mehr Arbeit aufgedrückt bekomme, dass es mir zu viel wird? In solchen Situationen kommt oft noch ein sogenanntes Life-Event dazu, wie wir Psychiater sagen, also beispielsweise ein Schicksalsschlag wie ein Todesfall eines Angehörigen, eine Krankheit oder eine Trennung. Das ist dann häufig der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Woran merkt man, dass man in eine Depression zu rutschen droht? 

Dr. Schwarz: Eine Depression ist eine Erkrankung der Gemütslage. Die Veränderungen der Gemütslage können sich auf verschiedene Weise äußern: Manche Patienten ziehen sich zurück, werden antriebslos, fühlen sich traurig und frustriert. Andere Betroffene wiederum reagieren mit einer höheren Reizbarkeit, werden wütender und misslaunig.

Was kann man selbst tun, wenn man die Alarmzeichen für eine Depression bemerkt hat?

Dr. Schwarz: Wenn die innere Waage aus dem Gleichgewicht geraten ist, dann sollte man aktiv etwas dagegen unternehmen. In der Fachsprache sprechen wir zum einen von Ressourcenaktivierung. Das bedeutet, man sollte bewusst genau die Dinge machen, die man tun würde, wenn man nicht depressiv wäre: beispielweise gemeinsam mit anderen Sport treiben, sich mit Freunden treffen, ins Kino oder Theater gehen. Also dem inneren Rückzug aktiv entgegenarbeiten. Die zweite wichtige Maßnahme lautet bei uns Psychiatern: Lösung der bestehenden Belastungen und Konflikte. Dazu kann beispielsweise ein klärendes Gespräch mit dem Arbeitgeber oder mit dem Partner gehören.

Immer mehr Ausfälle wegen Depressionen & Co. - Experten analysieren die Entwicklung

Als die Depression mit Macht in ihr Leben drang, stand Karolina De Valerio gerade am Beginn ihres Berufslebens. 30 Jahre war sie damals alt. Sie hatte gerade das Lehramts-Studium und die Doktorarbeit abgeschlossen. Als Referendarin machte sie nun ihre ersten Erfahrungen an einer Schule – und lernte in ihrer Freizeit für die Doktorprüfung. "Ich habe Tag und Nacht gearbeitet", erzählt die heute 55-Jährige, die in München lebt.

Nach einer Woche wurde ihr damals alles zu viel. "Ich bin komplett zusammengebrochen", erinnert sie sich. Eine Ärztin stellte einen "Nervenzusammenbruch" fest. Dass sie an Depressionen leidet, erfuhr Karolina De Valerio erst später. Zunächst versuchte sie, selbst zurück ins Leben zu finden – unterstützt von ihrem Mann, der ihr sogar beim Anziehen und Waschen helfen musste. Denn sie selbst fühlte sich absolut handlungsunfähig, "wie versteinert" und zugleich unter großem Druck.

Sie war völlig verzweifelt – und ohne Hoffnung, dass es ihr eines Tages wieder besser gehen könnte. Der Blick in die Zukunft machte ihr nur noch mehr Angst. Selbst der Gedanke, später auch "nur" die Arbeit an einer Supermarktkasse schaffen zu können, schien ihr unvorstellbar. In einer Tagesklinik erfuhr sie, dass sie an Depressionen leidet. Es folgten Therapien, Medikamente.

Die Wende kam spät, kurz bevor man ihr zu einer stationären Therapie riet. Plötzlich ging es aufwärts, wenn auch langsam. In kleinen Schritten fand sie zurück ins Leben. An die Schule kehrte sie allerdings nicht mehr zurück. "Ich hatte nicht mehr den Mut, das noch mal zu probieren", sagt sie. Sie arbeitete stattdessen an einem Nachhilfeinstitut, wo sie sich sehr wohl fühlt.

Heute steht die 55-Jährige fest im Leben. Den Doktortitel hat sie damals, trotz ihrer Erkrankung, geschafft. Die letzte depressive Phase liegt inzwischen schon rund 15 Jahre zurück. Und mit jedem Jahr wächst die Sicherheit, dass es auch die letzte war. Karolina De Valerio tut aber auch viel dafür – und zwar weit mehr, als nur regelmäßig ihre Medikamente einzunehmen. Sie weiß, dass sie mehr als andere auf sich achten muss. Das heißt nicht, dass sie weniger leistungsfähig wäre als diese. Doch: Auf einen "intensiven, vollen Tag" müsse eben auch eine Phase der Ruhe folgen. Darauf achtet sie. "Ich habe gelernt, mich abzugrenzen und deutlich früher 'Stopp' zu sagen", berichtet sie.

Diese Wachsamkeit helfe ihr in schwierigen Situationen. Auch die habe es immer wieder gegeben. Doch Dr. Karolina De Valerio hat ihren Platz gefunden. "Früher habe ich oft getan, was andere von mir wollten", sagt sie. "Heute mache ich eine Arbeit, die mir Sinn gibt und die ich selbst gewählt habe." Sie ist als Genesungsbegleiterin beim "Münchner Bündnis gegen Depression" tätig (www.muenchen-depression. de). Dort hilft sie anderen Betroffenen, die nun von ihren Erfahrungen profitieren.

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