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Das tut weh: Diese Frau hält sich ihren schmerzenden Bauch – ein Problem, das viele Patienten mit einem Reizdarmsyndrom kennen.

Reizdarm

Stress mit dem Darm

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Starke Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung – oft sind Infektionen oder bestimmte Speisen der Auslöser für solche Beschwerden. Oder: Sie leiden am sogenannten „Reizdarmsyndrom“. Was das ist und was dann hilft, erklärt Dr. Christoph Stein-Thoeringer vom Klinikum rechts der Isar.

Welche Beschwerden haben Patienten, die am Reizdarmsyndrom leiden?

Ich denke, jeder kennt das Gefühl, dass im Bauch etwas nicht stimmt. Besonders in Stress-Situationen, etwa vor einer Prüfung oder einem Vorstellungsgespräch, spielt der Darm manchmal verrückt, und man leidet vorübergehend an Durchfall oder Verstopfung. Bei Patienten mit einem Reizdarmsyndrom ist das jedoch fast ein Dauerzustand.

Ab wann spricht man denn von einem Reizdarm?

Laut medizinischer Leitlinien müssen die Beschwerden dafür länger als drei Monate andauern. Diese Patienten haben oft täglich oder mehrmals pro Monat Beschwerden. Handelt es sich dabei vor allem um Durchfall, spricht man vom „Durchfalls-dominanten Reizdarm“. Klagen sie über chronische Verstopfung, handelt es sich um einen „Obstipations-dominanten Reizdarm“. Betroffene beider Gruppen leiden meist unter starken Bauchschmerzen. Die Symptome können wechseln und unterschiedlich stark sein. Sehr oft kommt es zudem zu starken Blähungen. Viele Patienten berichten auch von einem allgemeinem Gefühl großen Unwohlseins im Bauch.

Beschwerden, die viele Ursachen haben können ...

Richtig. Eine Reizdarm-Diagnose ist daher per Definition eine Ausschluss-Diagnose. Das heißt, andere Erkrankungen müssen zuvor als Ursache ausgeschlossen werden. Dazu gehören zum Beispiel Darmkrebs, Darmentzündungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulzerosa sowie Infektionen des Magen-Darm-Trakts. Viele lassen sich durch Magen- und Darmspiegelungen und die Entnahme von Proben aus der Darmschleimhaut erkennen und von einer funktionellen Störung wie dem Reizdarm abgrenzen. Das gilt auch für die Zöliakie. Das ist eine Nahrungsmittel-Allergie gegen das Weizenklebereiweiß Gluten. Sie lässt sich durch eine Spiegelung und Gewebeentnahme im Dünndarm feststellen. Auch eine Unverträglichkeit gegen bestimmte Nahrungsmittel kann sehr ähnliche Beschwerden verursachen. Dazu zählt die Laktose-Intoleranz, wenn Betroffene also Milchzucker schlecht vertragen, oder die Fruktose-Intoleranz, wenn sie auf Fruchtzucker reagieren. Das lässt sich durch einfache Atemtests schnell feststellen.

Hat der Reizdarm denn keine organische Ursachen?

Das wird in der Tat oft angenommen – fälschlicherweise. Aus vielen experimentellen Untersuchungen wissen wir, dass dem Reizdarmsyndrom eine Darmpathologie zugrunde liegt, wie zum Beispiel eine Störung der Schleimhautbarriere, der Darmmuskulatur oder der Darmflora. Die Forschung hierzu wird die Diagnostik vorantreiben. Dann kann das Reizdarmsyndrom direkt diagnostiziert werden.

Leiden immer mehr Patienten am Reizdarm oder täuscht der Eindruck?

Das Thema hat in den vergangenen Jahren Gott sei Dank an gesellschaftlicher Bedeutung zugenommen. Das liegt möglicherweise an der allgemein stärkeren Wahrnehmung der Themen „Darm“ und „Ernährung“. Wissenschaftliche Untersuchungen legen aber nahe, dass das Reizdarmsyndrom seit Beginn systematischer Erhebungen, also vor etwa 30 Jahren, bis heute nicht häufiger auftritt.

Können auch Umweltfaktoren ein Reizdarmsyndrom auslösen?

Ja, die größte Bedeutung haben dabei wohl Magen-Darm-Infekte mit krankmachenden Darmbakterien wie Campylobacter, Salomonellen oder Shigellen. Das sind typische Erreger von Reisedurchfall-Erkrankungen. Wissenschaftlich belegt ist aber auch, dass psychischer Stress und psychische Traumen Ursachen für ein Reizdarmsyndrom sein können. Es gibt zudem eine genetische Veranlagung für diese Erkrankung, wie wir am Klinikum rechts der Isar zusammen mit Kollegen der Universität Heidelberg erforschen konnten. Das ist möglicherweise auch ein Grund dafür, dass Frauen – vor allem jüngere – häufiger darunter leiden.

Wie „beruhigt“ man einen gereizten Darm?

Wir folgen in der Therapie des Reizdarmsyndroms in der Regel einem multimodalen Konzept. Dieses beruht auf der Aufklärung der Patienten über das Krankheitskonzept, Hilfen zu Änderungen im Lebensstil, und der Ernährungsberatung, aber auch dem Einsatz von Medikamenten. Es gibt einige Arzneien, mit denen man die Darmmuskulatur oder die Darm-Nervenaktivität beeinflussen kann. Und sogar die Darmflora. Da das Reizdarmsyndrom aber keine Erkrankung ist, die bei jedem gleich ist, braucht es auch für jeden Patienten ein individuelles Konzept. Die Suche nach der Therapie ist nicht selten ein Prozess, bei dem man vieles ausprobieren muss und durch Versuch und Irrtum lernt.

Sollten Patienten ihre Ernährung umstellen?

Die Ernährung spielt beim Reizdarm eine ganz entscheidende Rolle. In der Therapie hat sich – basierend auf guten wissenschaftlichen Erkenntnissen – in den vergangenen zwei Jahren die „FODMAP-Diät“ etabliert. Bei dieser Kostform reduziert man viele verschiedene Arten von Kohlenhydraten in der täglichen Nahrung. Damit geht es vielen Patienten besser. Interessanterweise stellen sich dadurch auch Änderungen in der Darmflora der Patienten ein. Es verändert sich also die Zusammensetzung der Darmflora. Das wiederum lässt Rückschlüsse darauf zu, wie groß die Bedeutung der Darmbakterien für die Entstehung des Reizdarmsyndroms ist. Wenn Patienten eine FODMAP-Diät anwenden, kann es aber auch zu Ernährungsfehlern kommen. Sie sollten daher immer von speziellen Ernährungstherapeuten betreut werden.

Welche Rolle spielt die Psyche in der Therapie?

Stress, Affektstörungen und psychische Traumen spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung des Reizdarms, was sich auch biologisch in dem Begriff der sogenannten Darm-Gehirn-Achse widerspiegelt. Hierzu wird seit Jahrzehnten geforscht. Vorweg: Starke psychische Auffälligkeiten bedürfen auch einer speziellen psychosomatischen oder psychiatrischen Abklärung und Therapie. Zur Reizdarmtherapie selbst wurden in den vergangenen Jahren auch psychotherapeutische Methoden entwickelt, beispielsweise Hypnose und kognitive Therapieformen, die zum Teil großen Erfolg haben. Diese werden aktuell aber leider nur in sehr wenigen Zentren angeboten.

Eine relativ neue Methode ist die Stuhltransplantation. Was genau ist das – und hilft sie auch Reizdarm-Patienten?

Bei einer Stuhltransplantion wird Stuhl eines „gesunden” Spenders in den Darm eines Erkrankten übertragen. Das kann zum Beispiel per Koloskopie, also Darmspiegelung, gemacht werden. Das Verfahren selbst ist aktuell noch im Stadium experimenteller Forschung und gehört damit noch nicht zur klinischen Routine. Aus vielen klinischen Studien wissen wir aber, dass die Stuhltransplantation eine überragende Wirkung in der Behandlung von Darminfekten mit dem Bakterium Clostridium difficile hat. Für die Therapie des Reizdarm wurden bislang noch keine kontrollierten klinischen Studien zur Wirksamkeit der Stuhltransplantation veröffentlicht. Diese kommt daher für Patienten mit einem Reizdarm im Moment noch nicht infrage. Ich bin aber überzeugt, dass es bald auch dazu Daten aus der klinischen Forschung geben wird, die uns helfen, den Nutzen dieser Therapie genauer zu bewerten.

Interview: Andrea Eppner.

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