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60 Prozent der Senioren im Heim bekommen laut AOK-Report mindestens fünf verschiedene Medikamente täglich..

Patientenschützer warnen

Report deckt auf: Psycho-Pillen statt Pflege in unseren Heimen

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  • Armin Geier
    Armin Geier
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Jeder zweite Pflegeheimbewohner wird mit Psychopharmaka ruhiggestellt! Das zeigt der aktuelle AOK-Pflegereport 2017. Die tz beleuchtet die Hintergründe.

Was sind die Kernaussagen der AOK-Studie? 

Fast die Hälfte der 500.000 stationär betreuten Demenz­patienten (43 Prozent) erhält demnach sogenannte Neuroleptika, also Mittel, die gegen Wahnvorstellungen eingesetzt werden. Fast alle diese Medikamente sind eigentlich nicht für Demente zugelassen! Gut 30 Prozent der rund 800.000 Pflegeheimbewohner erhalten Antidepressiva. 

Warum ist der Einsatz von Psychopharmaka so problematisch?

Die Demenzkranken in Pflegeheimen würden oft „ruhiggestellt“, weil Personal fehle, so der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. „Für die meisten Heimbewohner ist das äußerst schädlich.“ Die Pharmakologin Petra Thürmann, die für den Report der Krankenkasse AOK rund 850 Heimbewohner untersucht hat, stellt fest: Zwar gehe es 10 bis 20 Prozent der Patienten dank der Neuroleptika besser, aber es komme durch die Nebenwirkungen auch zu Todesfällen, Schlaganfällen und Verschlechterungen der Denkfähigkeit. 

Gibt es Alternativen zu den Psycho-Pillen? 

Ja, Schweden und Finnland machen es vor: Hier erhalten nur zwölf bzw. 30 Prozent der Heiminsassen Neuroleptika. Gute Schmerztherapie, Zuwendung und das Erlernen von Fähigkeiten, mit dem oft sehr belastenden Verhalten von Demenzkranken umzugehen, sind in den skandinavischen Ländern Standard. Diese Maßnahmen bedürfen jedoch erheblicher Personalressourcen, die bei uns oftmals nicht verfügbar sind. 

Was können Angehörige gegen Pillen-Missbrauch tun? 

Hegen Angehörige den Verdacht, dass Psychopharmaka im Pflegeheim ohne Wissen oder gegen den Willen verabreicht werden, wenden sie sich zunächst am besten an das Pflegepersonal. „Kommen dann ausweichende Antworten, würde ich versuchen, mit anderen Bewohnern oder Angehörigen zu reden“, erklärt David Kröll von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA). Eventuell haben diese ähnliche Beobachtungen gemacht. 

Haben Angehörige das Recht zu erfahren, welche Pillen verabreicht werden? 

Nein, sie haben nicht automatisch das Recht, die Pflegedokumentation oder den Medikationsplan einzusehen, in der die Verabreichung von Psychopharmaka dokumentiert sein muss. „Dazu brauchen Angehörige entweder eine Vollmacht im medizinischen Bereich oder sie sind gesetzliche Betreuer“, erklärt Kröll. Ratsam sei es daher, derartige Dinge rechtzeitig zu regeln. Hedwig François-Kettner vom Aktionsbündnis Patientensicherheit empfiehlt, sich an den betreuenden Arzt zu wenden. 

Was sagen die Pfleger? 

Drei Viertel der befragten Pfleger ist täglich mit verbal auffälligem Verhalten der Heimbewohner konfrontiert. Obwohl sie richtig einschätzen, dass den Bewohnern viele Psychopharmaka verordnet werden, halten die meisten den Einsatz der Medikamente für angemessen. Patientenschützer Brysch sagte, Fixierungen lehnten die meisten Pflegekräfte heute zwar ab. Aber nun übernähmen vermehrt Psychopharmaka die Aufgabe, die Patienten ruhig zu halten. „Das ist Freiheitsberaubung.“ 

„Sie haben meine Mutter stillgelegt“

Gut ein Jahr musste die Mutter von Gerda W. in einem Pflegeheim versorgt werden. „Diese Zeit war wie ein Albtraum“, erzählt die Tochter gegenüber der tz. Die 89-jährige Mama litt nämlich an mehreren offenen Stellen am Körper, schrie oft vor Schmerzen. Und was taten die Ärzte und Pfleger im Heim? „Sie pumpten meine Mutter bis obenhin mit Psychopharmaka zu, damit sie still ist“, schimpft Gerda W. 

Wenn man einen Blick auf die Medikamenten-Liste der 89-Jährigen wirft, stockt einem der Atem. Nicht nur, dass hier Psychopharmaka und Beruhigungsmittel in Dosen verabreicht wurden, die einen Gewichtheber niederstrecken würden – nein, neben den Dosierungen ist sogar noch vermerkt, wann sie verabreicht werden sollen: Tavor 2,5 (ein sehr starkes Beruhigungsmittel) beispielsweise bei „anhaltendem Schreien“. 

Die tz legte die Liste Dr. Ottilie Randzio, der Vize-Geschäftsführerin des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen Bayern, vor – und die schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Das ist ein erschreckendes Beispiel“, so die Expertin. „Ich bin schockiert. Hier wurde klar jemand ruhiggestellt, weil er Schmerzen hat.“ Die Dosierungen seien viel zu hoch und auch völlig unangebracht. „Das ist skandalös.“ 

In München ergab vor gut zwei Jahren eine Erhebung der Fachstelle für Qualitätssicherung, dass über 51 Prozent der Bewohner von Heimen Psychopharmaka mit beruhigender und sedierender Wirkung verordnet bekommen. Die Heimaufsicht nannte die Entwicklung „bedenklich“ und kontrolliert seitdem verstärkt, ob Medikamenete zur Ruhigstellung verabreicht werden. 

Der Pflegekritiker Claus Fussek kennt die Problematik: „Wenn das Personal ständig überlastet ist und sich kaum um die Patienten kümmern kann – dann ist es natürlich bequem, die Senioren einfach zu sedieren.“ Dies müsse strikt verboten werden. So sieht es auch das Amtsgericht München: Es will in Zukunft über jeden Bewohner informiert werden, der Psycho-Pillen bekommt – um Missbrauch zu verhindern. Gerda W. hat ihre Mutter übrigens aus dem Heim geholt. Die offenen Stellen heilten nach sorgsamer Versorgung wieder zu. „Und wir haben alle Medikamente abgesetzt. Meiner Mutter ging es bald viel besser – und sie schrie auch nicht mehr.“

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