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Herantasten an die Diagnose: Das Symbolbild zeigt einen Arzt, der die Gelenke einer Frau abtastet. Rheuma-Patienten leiden an Entzündungen im ganzen Körper. Bei „rheumatoider Arthritis“ sind meist mehrere Gelenke betroffen, oft in den Händen.

Rheuma

Immunsystem außer Kontrolle

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„Rheuma“: Ist das nicht diese Krankheit mit den kaputten Gelenken? Und die kriegen doch nur alte Leute, oder? Von wegen! Es kann Jung und Alt treffen, und dann leidet der ganze Körper. Denn bei Rheuma gerät die Immunabwehr außer Kontrolle. Hier lesen Sie, was dagegen hilft.

Morgens knirscht es in den Gelenken. Die ersten Schritte aus dem Bett ins Bad schleppt man sich mit Schmerzen. Beim Zähneputzen knackt es in den Fingern. Bis zum Frühstück geht das dann so, danach ist der Spuk meist vorbei. Sie kennen das? Dann haben Sie bestimmt schon Kommentare wie diesen gehört: „Meine Großtante hatte das auch, das ist was Rheumatisches.“

Ist es das? Ja und nein, die Antwort ist eine Frage der Definition – und die Verwirrung bei Patienten groß. „Rheuma“ ist nämlich ein Sammelbegriff. „Im weiteren Sinne zählen mehr als 400 Krankheiten dazu“, sagt Prof. Hendrik Schulze-Koops, Leiter der Rheumaeinheit am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Rheuma

Betrifft Rheuma nur die Gelenke? 

Nimmt man die weit gefasste Definition, dann zähle auch die Arthrose mit den eingangs beschriebenen Beschwerden zu den rheumatischen Erkrankungen, erklärt Experte Schulze-Koops. Gemeint ist der Verschleiß des Gelenkknorpels, der tatsächlich eine Folge des Alterns ist. Wer daran leidet, ist beim Hausarzt oder Orthopäden richtig – zum Rheumatologen muss er nicht.

Prof. Hendrik Schulze-Koops leitet die Rheuma-Einheit am LMU-Klinikum in München.

Ähnliches gilt für Stoffwechsel-Erkrankungen, unter denen ebenfalls einige zu Gelenkschmerzen führen und daher manchmal als „Rheuma“ bezeichnet werden. Zum Beispiel die Gicht: Die sei meist Folge einer Ernährung mit viel Fleisch und oft auch Bier, sagt Schulze-Koops. Dadurch steigt die Konzentration an Harnsäure im Blut, Harnsäure-Kristalle lagern sich in Gelenken ab, was zu schmerzhaften Entzündungen führt. Im engeren Sinne versteht man unter Rheuma aber etwas anderes – nämlich nur die Gruppe der „entzündlich rheumatischen Erkrankungen“. Wer daran leidet, habe auch oft Probleme mit den Gelenken, etwa bei „rheumatoider Arthritis“: Typisch dafür sind geschwollene Gelenke, die sich heiß anfühlen und schmerzen. Aber eben nicht nur: Der ganze Körper leidet.

Was genau ist entzündliches Rheuma? 

Das gehört zu den sogenannten Autoimmun-Erkrankungen: „Ursache ist ein Fehler des Immunsystems“, erklärt Schulze-Koops. Das bildet nicht nur Antikörper, die sich gezielt gegen Krankheitserreger richten. Es produziert auch Antikörper, die körpereigene Strukturen zum Angriff freigeben. Bei entzündlichem Rheuma ist davon fatalerweise das Bindegewebe betroffen, das sich überall im Körper findet: Es überzieht zum Beispiel Muskelstränge, hält die Haare fest, steckt in den Gelenken und gibt Organen ihre Form. Ohne Bindegewebe sei der Mensch nicht lebensfähig, sagt Schulze-Koops. Das bedeutet aber auch: Entzündliches Rheuma ist nicht heilbar. Behandeln kann man es jedoch sehr wohl!

Warum ist eine frühe Diagnose bei entzündlichem Rheuma so wichtig?

Je früher die Therapie beginnt, desto besser: Nur so lassen sich bleibende Schäden gering halten – etwa an den Gelenken. Diese seien oft schon nach einem Jahr so stark angegriffen, dass der Patient sie später nicht mehr normal bewegen kann, sagt der Experte

Auch Organe wie Herz, Lunge oder Nieren leiden. Das Problem: Viele Ärzte kommen lange nicht auf die Idee, dass Rheuma an den Beschwerden schuld sein könnte. Weil diese Erkrankungen den ganzen Körper betreffen, sind die Symptome sehr unspezifisch. Darum vergehen oft viele Jahre bis die Diagnose gestellt werde. Bei „Morbus Bechterew“ etwa – davon ist insbesondere der Rücken betroffen – dauere das im Schnitt fünf bis sieben Jahre; bei Männern. Frauen müssten sogar neun bis zehn Jahre warten. „Ein völliges Desaster“, sagt Schulze-Koops.

Welche Beschwerden haben Patienten mit entzündlichem Rheuma? 

„Die Beschwerden ähneln denen einer Grippe“, sagt Schulze-Koops. Sie halten aber länger als zwei Wochen an. Betroffene fühlen sich müde und abgeschlagen, viele haben auch Fieber und wachen nachts schweißgebadet auf. Dazu kommen oft Knochenschmerzen, nicht selten auch Haarausfall – und Gewichtsverlust. Denn für den ständigen Kampf in seinem Inneren müsse der Körper bis zu 30 Prozent seiner Energie aufwenden, sagt Schulze-Koops. Die fehlt ihm dann woanders. Etwa, wenn es darum geht, echte Angriffe abzuwehren: Rheumapatienten seien oft anfälliger für Infektionen und sogar für Krebs.

Wie stellt ein Arzt die Diagnose? 

Der müsse vor allem genau zuhören und gezielt nach Beschwerden nachfragen, sagt Schulze-Koops. Diese „Anamnese“, also das fast detektivische Gespräch mit dem Patienten, sei entscheidend, um Rheuma auf die Spur zu kommen. Sie mache, zusammen mit der allgemeinen körperlichen Untersuchung, etwa 85 Prozent der Diagnose aus. Ein Beispiel: Was lindert Ihre Gelenkschmerzen, hilft eher Wärme? Dann deutet das eher auf Arthrose hin. Patienten mit entzündlichem Rheuma bevorzugen meist Kälte. Oder ein anderer Hinweis: Bei vielen Patienten dauert es morgens etwas, bis sich die Gelenke wieder gut bewegen lassen. „Morgensteifigkeit“ nennt sich das. Bei Arthrose-Patienten legt sich die schnell – „oft schon bis zum Frühstück“, sagt Schulze-Koops. Bei entzündlichem Rheuma dauere es hingegen oft viele Stunden, bis sich die Betroffenen wieder gut bewegen können. „Bei manchen bis zu 12 Stunden.“

Es gibt doch den „Rheumafaktor“ – lässt sich damit nicht schnell klären, ob ein Patient betroffen ist? 

Einen Labortest auf Rheuma gebe es leider nicht, sagt Schulze-Koops. Daher sei auch die gängige Bezeichnung „Rheumafaktor“ – gemeint sind bestimmte Antikörper – irreführend. Die fänden sich zum einen auch bei etwa zehn Prozent der Gesunden, sagt Schulze-Koops. Umgekehrt gibt es aber auch Rheumapatienten, bei denen sich eben kein „Rheumafaktor“ im Blut nachweisen lasse. Der Test sei also nur sinnvoll, wenn bereits ein konkreter Verdacht bestehe. Um den Verlauf der Erkrankung oder die Therapie zu beurteilen, eignet er sich nicht. Einfach mal den Rheumafaktor beim Hausarzt testen lassen: Das macht Schulze-Koops zufolge also überhaupt keinen Sinn.

Wann sollten Patienten zum Rheumatologen gehen? 

Besteht der Verdacht auf entzündliches Rheuma, sollte der Arzt den Patienten zum Rheumatologen überweisen. Der kann dann zum Beispiel die Gelenke per Ultraschall untersuchen. Dazu nutzt er spezielle Schallköpfe, wie es sie in einer Hausarzt-Praxis normalerweise nicht gibt. Vor allem aber ist der Rheumatologe ein Experte darin, die Beschwerden richtig einzuordnen.

Rheuma gilt vielen immer noch als typische Alterskrankheit. Stimmt das?

„Nein“, sagt Schulze-Koops. Von entzündlichem Rheuma seien Menschen jeden Lebensalters betroffen – auch Kinder. Dass bei „Rheuma“ viele sofort an ältere Patienten denken, liegt einfach daran, dass je nach Definition eben auch typische Altersleiden wie die Arthrose dazu gezählt werden. Frauen erkranken übrigens deutlich häufiger an entzündlichem Rheuma. Nur beim Morbus Bechterew ist es umgekehrt: Daran leiden etwa doppelt so viele Männer.

Welche Therapien helfen den Betroffenen? 

Bei der Behandlung von Patienten mit entzündlichem Rheuma geht es vor allem darum, das fehlgeleitete Immunsystem unter Kontrolle zu bringen. Das klappt mit Medikamenten erstaunlich gut. Bei einer akuten Entzündung verordnet Schulze-Koops seinen Patienten zunächst Kortison. Davor haben viele Angst, weil es starke Nebenwirkungen hat. Es sei auch nicht für eine Dauertherapie gedacht – aber nötig, um die Entzündung zu stoppen. „Kortison ist wie die Feuerwehr“, sagt der Experte. „Die ruft man, wenn es brennt.“ Danach müsse man aber auch den Brandschutz verbessern. Dazu verschreibt der Arzt in der Regel ein Mittel aus der Medikamenten-Gruppe der „DMARDS“. Die Abkürzung steht für „krankheitsmodifizierende antirheumatische Medikamente“. Sie werden oft einfach „Basismedikamente“ genannt.

Helfen diese „Basismedikamente“ allen Patienten? 

Bei etwa 40 bis 60 Prozent der Patienten reichen diese Mittel, um das Rheuma unter Kontrolle zu bringen. Bei anderen leider nicht. Dann können sogenannte „Biologika“ helfen. Das sind Eiweiße, die gespritzt werden müssen, sagt Schulze-Koops. Sie greifen gezielter in das Immunsystem ein – und sollen es dadurch wieder in die richtigen Bahnen lenken. Diese Mittel sind allerdings auch sehr teuer. Seit kurzem sind in Europa einige Präparate zugelassen, die man „Biosimilars“ nennt. Das sind Nachahmer-Präparate, die oft deutlich günstiger sind als das Original. Sollte man also auf diese umstellen? Schulze-Koops rät davon ab, wenn ein Patient bereits gut mit Biologika eingestellt sei. „Wir haben zu wenig Erfahrung damit, ob nach Umstellung einer laufenden, gut wirksamen Therapie der klinische Effekt erhalten bleibt“, sagt er. Aber: Wer gerade mit der Therapie beginnt, könne durchaus mit einem Biosimilar starten. Die wirken nämlich nicht schlechter.

Von Andrea Eppner

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