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Beipackzettel machen Patienten krank.

Risiken und Nebenwirkungen

Beipackzettel machen Patienten krank

Berlin - Medikamente und vor allem Schmerzmittel sollen Patienten helfen. Leider passiert bei der Therapie oft das Gegenteil, die Symptome verschlimmern sich. Der Grund dafür ist verblüffend.

Das Lesen von Risiken und Nebenwirkungen auf Beipackzetteln kann den Heilungserfolg konterkarieren. Das sagte die Neurologin Ulrike Bingel auf dem 85. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg. Dort berichtete die Hamburger Oberärztin über Ergebnisse ihrer neuen Experimente zum Placebo-Effekt, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie mitteilte. Demnach erwarten viele Patienten nach schlechten Erfahrungen mit einem Schmerzmittel, dass ein anderes Medikament sie auch nicht zufriedenstellen wird.

Beipackzettel „machen Patienten krank, indem sie gerade jene Nebenwirkungen vermehrt hervorrufen, die dort aufgelistet sind“, kritisierte Bingel. Sie plädiert dafür, nicht Risiken und Nebenwirkungen in den Vordergrund zu stellen, sondern das Positive. „Der Schlüssel ist eine wertschätzende und einfühlsame Arzt-Patienten-Beziehung sowie eine verständliche Information über Erkrankung und Therapie, die die positiven Aspekte betont, ohne unrealistische Ziele zu setzen.“ Das ärztliche Gespräch bestimme maßgeblich die Wirksamkeit von Therapien und müsse deshalb auch entsprechend honoriert werden, fordert die Expertin.

Bereits im vergangenen Jahr hatte sie eine Studie veröffentlicht, die belegt, wie die Erwartung an die Therapie die Wirkung eines Schmerzmedikaments beeinflussen kann. Nun hat sie mit ihrem Team untersucht, ob solche Effekte auch beim Wechsel von Medikamenten auftreten. Die Forscher ließen einen Teil der gesunden Freiwilligen im Versuch schlechte Erfahrungen mit einer vermeintlichen Schmerzsalbe machen.

Die Probanden bekamen an verschiedenen Stellen der Haut zwar die gleiche Salbe, wussten aber nicht, dass die Forscher mittels Hitze unterschiedlich starke Schmerzreize erzeugten. Tags darauf gab es dann statt der Salbe ein Schmerzpflaster, und der Schmerzreiz wurde um 30 Prozent verringert. Wer nun zuvor schlechte Erfahrungen mit der Salbe gemacht hatte, vermochte auch mit dem Pflaster weniger Schmerzlinderung festzustellen. Der Unterschied zwischen den beiden Versuchsgruppen machte 15 Punkten auf der 100 Punkte umfassenden visuellen Analog-Skala aus.

Üblicherweise werde bei Therapien mit den schwächsten Arzneien begonnen, und erst nach deren Versagen sollen Ärzte die jeweils nächst stärkere Medikamentenklasse erproben. Das empfiehlt zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ihrem Stufenschema zur Schmerzbehandlung, das auch in Deutschland beachtet wird. Bingel sagte, angesichts ihrer Resultate erscheine dieses Stufenschema als fragwürdige Strategie. Die Wissenschaftlerin, die als Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf arbeitet, verwies darauf, dass Patienten zu Hause und auch in der Klinik oft wochenlang unter wirkungslosen Arzneien leiden, bevor eine Umstellung erfolgt, und dass dann die schlechte Erfahrung die Erfolgschancen für das nächste Medikament schmälere.

dapd

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