Neue Patienten-Studie

Rücken-Operation: So denkt München

Jeder dritte Münchner leidet unter Rückenschmerzen – und die Hälfte dieser Patienten plagt sich schon seit mehreren Monaten oder noch länger mit Beschwerden herum. Doch die Frage ist: operieren lassen, oder nicht? Was die Münchner darüber denken:

Jeder dritte Münchner leidet unter Rückenschmerzen – und die Hälfte dieser Patienten plagt sich schon seit mehreren Monaten oder noch länger mit Beschwerden herum.

 Viele von ihnen stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sich operieren lassen sollen oder nicht. Wie gespalten die Rückenpatienten sind, belegt jetzt eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts GfK in der Landeshauptstadt. Danach wären 57,5 Prozent generell zu einer OP bereit. 42,5 Prozent möchten unter allen Umständen einen solchen Eingriff vermeiden. In der tz bewerten Wirbelsäulen- Experten die neuen Zahlen

Für die Rückenstudie im Auftrag der Harlachinger Schön-Klinik wurden über 1200 Münchner befragt. Die wichtigsten Ergebnisse:

Für 40 Prozent kommt eine OP nur in Frage, wenn alle konservativen Mittel ausgeschöpft sind. Dazu gehören schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente sowie Physiotherapie.

17,5 Prozent würden sich in der Hoffnung auf schnelle Hilfe sofort für einen Eingriff entscheiden.

Nur etwa die Hälfte der Befragten geht zum Arzt, wenn der Rücken Probleme macht (58,8 Prozent). Aber diese Patienten bleiben hartnäckig am Ball: 43,3 Prozent von ihnen konsultieren bis zu drei Ärzten, jeder Fünfte sogar drei oder noch mehr Doktoren.

Neben der Studie hat die Schön-Klinik auch eine Auswertung ihrer Patientenbefragungen veröffentlicht. Danach können beispielsweise 81 Prozent der Patienten, die an der Bandscheibe operiert worden sind, drei Monate danach wieder voll arbeiten. Als Werbung für seinen OP-Saal will Professor Michael Mayer diese Zahlen aber nicht verstanden wissen. Der renommierte Chef des Wirbelsäulenzentrums der Schön-Klinik betont: „Wir operieren nur jeden zehnten Patienten, den wir in der Sprechstunde sehen. Es geht nicht um die Frage: OP – ja oder nein? Es geht darum, wie wir Schmerzpatienten rasch und erfolgreich behandeln können.“

Wirbelsäulen-OPs, insbesondere bei klassischen Rückenschmerzen, gehören zu den umstrittensten Eingriffen. Etwa 400 000 Rücken-Patienten legen sich allein in Deutschland jährlich unters Messer. „80 Prozent sind überflüssig“, kritisiert Dr. Martin Marianowicz. Er setzt vor allem auf das konservative Behandlungspektrum. Sein Argument: „80 Prozent der klassischen Rückenschmerzen klingen nach sechs bis zwölf Wochen ohne OP wieder ab.“ Auch Dr. Reinhard Schneiderhan betont: „Leider operieren Ärzte meist viel zu früh und oft unnötig. Dabei existieren heute einfache computergesteuerte Verfahren, die vielen Menschen helfen.“

Trotzdem warnen viele Spezialisten davor, die OP als Therapieoption bei Rückenschmerzen generell zu verteufeln. So sagt der Münchner Orthopäde und langjährige Olympia-Arzt Dr. Volker Smasal: „Natürlich sollte man zunächst alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen. Aber man darf auch nicht den Zeitpunkt übersehen, an dem eine OP unumgänglich ist.“ Dr. Smasal empfiehlt den Patienten: „Holen Sie sich im Zweifelsfall eine zweite Meinung ein. Ein professioneller und souveräner Arzt wird das immer akzeptieren.“

Andreas Beez

Darauf sollten Sie beim Arzt achten

Für welche Rücken-Patienten macht es Sinn, sich unters Messer zu legen? Und worauf sollten Patienten beim Arztbesuch achten? In der tz gibt Dr. Christoph Mehren, Chefarzt in der Harlachinger Schön-Klinik, Entscheidungshilfe.

Wird in Deutschland zu viel operiert?

Dr. Christoph Mehren: Das ist eine Frage der Sichtweise: Einerseits gibt es immer mehr Kliniken und niedergelassene Kollegen, die von Eingriffen an der Wirbelsäule leben. Andererseits werden wir Ärzte mit immer höherem Anspruchsdenken der Patienten konfroniert. Viele wollen auch in fortgeschrittenem Alter ein aktives Leben führen. Sie fordern, dass bei ihnen körperlich alles genausogut funktioniert wie in jüngeren Jahren.

Wann macht eine Wirbelsäulen-OP Sinn?

Dr. Mehren: Eine Operation sollte immer am Ende der Behandlungskette stehen. Zuvor hat der Patienten konservativen Mittel zur Verfügung. Dazu gehören etwa Muskeltraining und Gewichsabnahme; auch Injektionen mit schmerzstillenden und entzündungshemmenden Medikamenten können etwas bringen. Wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind und keine Besserung gebracht haben, macht eine OP oft Sinn.

Gibt’s eine Faustregel dafür, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist?

Dr. Mehren: Nein, das muss jeder Patient individuell entscheiden.

Aber der Patient ist ja kein Arzt. Woher soll er wissen, was ihm hilft?

Dr. Mehren: Er kann am besten beurteilen, ob er mit seinem persönlichen Schmerzniveau leben kann oder nicht. Menschen gehen unterschiedlich mit Schmerzen um. Es gibt Patienten, die können kaum noch laufen, würden sich aber nie unters Messer legen. Andere wiederum lassen sich sofort operieren, weil sie wegen eines Zwickens in der Pobacke nicht mehr wie gewohnt zehn Kilometer joggen können.

Können Sie die Erfolgschancen der gängigsten Wirbelsäulen-Operationen beziffern?

Dr. Mehren: Statistiken und Paitentenbefragungen zeigen, dass nach OPs an den Bandscheiben oder bei Stenosen (Wirbelkanalverengungen) etwa 90 Prozent mit dem Ergebnis zufrieden sind. Bei Fusionen (Versteifung von Wirbelkörpern) sind’s 75 Prozent.

Rücken-OPs haben aber auch Risiken...

Dr. Mehren: Natürlich, und es gehört zu einem seriösen Aufklärungsgespräch, den Patienten darüber zu informieren. So kann es beispielsweise zu Infektionen – übrigens genauso wie bei schmerzstillenden Spritzen – oder zu ungewollten Blutungen kommen. Solche Zwischenfälle sind allerdings sehr selten. Bei uns in der Klinik liegt die Infektionsrate durch Operationen unter dem internationalem Durchschnitt von einem Prozent.

Woran kann ein Rücken-Patient erkennen, dass er beim Arzt in guten Händen ist?

Dr. Mehren: Der Arzt sollte sich Zeit nehmen. Um bei einem Wirbelsäulen-Patienten eine fundierte Diagnose stellen zu können, reichen zwei Minuten nicht aus. Ich wäre skeptisch, wenn sich der Arzt – statt mich zu untersuchen und mit mir zu reden – nur meine Kernspinbilder anschaut und dann sofort zur OP rät. Jeder Patient muss die Zeit bekommen, in seinem speziellen Fall das Für und Wider einer OP abzuwägen. Ich wäre einem Patienten auch nicht böse, wenn er sich eine zweite Meinung einholt.

Aber machmal drängen die Ärzte ihre Patienten zur Eile – mit der Drohkulisse, dass ohne eine schnelle OP bleibende Schäden entstehen könnten.

Dr. Mehren: Mal abgesehen von neurologischen Ausfällen wie Lähmungen oder Infektionen: Bei klassischen Rückenschmerzen ist nahezu nie übertriebene Eile geboten! Bei solchen Behauptungen wäre ich also vorsichtig – genauso wie bei Ärzten, die ihren ­Patienten versprechen, sie seien nach der Operation schmerzfrei. Das kann kein Arzt der Welt garantieren.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zusätzliches Vitamin C ist bei Erkältung unnötig
Unser Körper braucht Vitamin C. Bei einer Erkältung besonders. Oder ist das alles nur ein Mythos? Ein Gesundheitsportal klärt auf.
Zusätzliches Vitamin C ist bei Erkältung unnötig
Rettung für kranke Zähne
Reparieren ist besser als ersetzen – das gilt auch für die Zähne. Doch worauf kommt es bei Füllungen an? Und wie kann man Karies vorbeugen? Ein Experte klärt auf.
Rettung für kranke Zähne
Junge hat gefährlichen Wurm im Auge - es endet tragisch
Als ein Junge mit starken Schmerzen ins Krankenhaus kommt, stehen die Ärzte vor einem Rätsel. Etwas Ungewöhnliches hat sich in seinem rechten Auge eingenistet.
Junge hat gefährlichen Wurm im Auge - es endet tragisch
Schock: 18 von 22 Bierproben mit gefährlichen Pestiziden belastet
Bier macht schlau, glücklich – und ist leider mit vielen Schadstoffen belastet. Das hat eine Untersuchung ergeben. Doch ist das lebensbedrohlich?
Schock: 18 von 22 Bierproben mit gefährlichen Pestiziden belastet

Kommentare