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Problemfall Rücken: Wie bei der Frau auf dem Foto treten Kreuzschmerzen bei den meisten Menschen im Bereich des unteren Rückens auf – an der Lendenwirbelsäule. Die Schmerzzone ist auf dem Bild mit roter Farbe markiert.

Was wirklich hilft?

Rückenschmerzen: Das Kreuz mit dem Kreuz

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Rückenschmerzen sind ein echtes Volksleiden: Schon jeder Dritte klagt darüber. Doch woher kommt das Problem. Und: Was hilft dagegen? Antworten gibt Experte Prof. Jörg-Christian Tonn.

Rückenschmerzen sind ein echtes Volksleiden: Schon jeder Dritte klagt darüber. Doch woher kommt das Problem. Und: Was hilft dagegen? Antworten gibt Experte Prof. Jörg-Christian Tonn.

Was sind die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen?

Beim klassischen „Rückenschmerz“, der nicht in die Beine ausstrahlt, sind das meist muskuläre Ursachen: Durch Fehlhaltung, fehlendes Training der Muskulatur, Haltungsschäden wie etwa ein „Hohlkreuz“ und nicht zuletzt auch bei Übergewicht kommt es zu örtlichen Muskel-Verspannungen. Diese sind dann schmerzhaft. 

Die Schmerzen wiederum lösen weitere Muskel-Verspannungen aus. So entsteht ein Teufelskreis. Eine weitere häufige Ursache für Rückenschmerz, insbesondere in der zweiten Lebenshälfte ist die sogenannte Osteochondrose. Das ist eine Veränderung in den knöchernen Anteilen der Wirbelkörper, die durch Abnutzung entsteht. Die Beschwerden treten dabei insbesondere unter Belastung auf und sind rein auf den Rücken beschränkt. Eine dritte häufige Ursache, die ebenfalls eher ältere Patienten betrifft: Arthrose-ähnliche Veränderungen an den Wirbelgelenken, die zu Beschwerden führen.

Wann sollte man Schmerzmittel nehmen – und wie lang kann man das bedenkenlos tun?

Prof. Jörg-Christian Tonn Direktor der Klinik für Neurochirurgie, LMU München.

Der akute Rückenschmerz sollte durchaus mit Schmerzmitteln behandelt werden. Neben den reinen Schmerzmitteln kommen hier auch „NSAR-Präparate“ zum Einsatz. Das sind entzündungshemmende Medikamente, die kein Kortison enthalten. Letztere sind auch bei einer „Osteochondrose“ sehr gut einsetzbar. Hier muss die Behandlung über einen Zeit-raum von einigen Wochen erfolgen. Entscheidend bei dieser Therapie ist aber: Der Patient muss die Medikamente regelmäßig einnehmen – und nicht nur dann, wenn die Schmerzen besonders schlimm werden. Allerdings müssen dabei die Laborwerte überwacht werden, insbesondere wenn Nieren oder Leber vorgeschädigt sind. Wichtig: Sind Muskel-Verspannungen die Ursache der Rückenschmerzen, ist das beste, wirksamste, nebenwirkungsärmste und billigste Therapeutikum Wärme. Warmes Wasser (zum Beispiel heißes Duschen, Bäder oder eine Wärmflasche) helfen oft rasch und wirkungsvoll.

Hilft Wärme jedem oder ist manchmal Kälte besser?

Das empfindet tatsächlich jeder Patient anders. Generell kann man jedoch sagen, dass Wärme in der Regel sehr viel besser hilft, besonders bei Rückenschmerzen durch Muskel-Verspannungen. Denn Wärme fördert die lokale Durchblutung der Muskeln – und dies wiederum führt unmittelbar zur „Entspannung“ der Muskelfasern. Auch die beliebten „Wärme-Pflaster“ wirken nach diesem Prinzip. Die äußerliche Anwendung in Form von Heizkissen, Dusche oder Bädern ist am unproblematischsten und wirksamsten.

Wann sollte man spätestens zum Arzt gehen?

Die Schmerzschwelle, die den Patienten zum Arzt führt, ist individuell verschieden. Strahlen die Schmerzen in ein oder beide Beine aus, sollte der Patient unbedingt zum Arzt – spätestens aber dann, wenn Mißempfindungen wie „Kribbeln“ oder „Ameisenlaufen“ dazukommen sowie bei jeder Form von Taubheitsgefühlen oder einer Schwäche im Bein. Dies gilt insbesondere auch dann, wenn sich die Funktion von Blase oder Darmentleerung ändert.

Was passiert, wenn man nichts unternimmt, die Rückenschmerzen also „verschleppt“?

Wie bei allen Schmerzsyndromen besteht auch hier die Gefahr der „Chronifizierung“: Dauernde Rückenschmerzen führen zum einen zu verspannungsbedingten Fehlhaltungen, die ihrerseits wieder Rückenschmerzen erzeugen. Zudem bildet sich mit der Zeit ein „Schmerzgedächtnis“, die Schmerzen können dann unabhängig fortbestehen. Ein Problem ist, dass sich Patienten mit Rückenschmerzen weniger bewegen. Gezielte und dosierte Bewegung mit einem Aufbau der Muskulatur ist aber oft der Schlüssel zum therapeutischen Erfolg. Wichtig also: Zunächst muss man erreichen, dass der Patient möglichst wenig Schmerzen hat. Dann sollte er – zunächst unter Anleitung und später in Eigenregie – aktiv seine Muskulatur nutzen und trainieren. Dazu braucht es Disziplin, Willensstärke und Durchhaltevermögen.

Und wann ist eine Operation nötig?

Eine Operation ist dann angezeigt, wenn ein Problem vorliegt, das höchstwahrscheinlich wirklich die Ursache der Beschwerden ist – und gegen das man operativ gut angehen kann. Dies hört sich trivial an. Aber: Nicht jede Veränderung, die man in der Röntgen- oder Kernspin-Aufnahme sieht, ist wirklich die Erklärung für die Beschwerden des Patienten. Daher ist eine sorgfältige klinische Untersuchung durch einen erfahrenen Arzt unabdingbar. Darüber hinaus sollte man erst dann operieren, wenn sinnvolle konservative Möglichkeiten ausgeschöpft sind und nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Ausnahmen hiervon sind Befunde, bei denen durch eine konservative Therapie mit annähernder Sicherheit keine Besserung zu erwarten ist sowie besonders rasch aufgetretene und schwere neurologische Defizite. Sind die entsprechenden Voraussetzungen gegeben, können wirksame und segensreiche Operationen auch noch bei Patienten höheren Lebensalters durchgeführt werden.

Wenn eine Operation unvermeidlich ist – welche Verfahren gibt es da? Und: Welche Vorteile haben sie, welche Risiken gibt es?

Das Operations-Verfahren richtet sich selbstverständlich ganz nach der zugrunde liegenden Pathologie sowie den übrigen medizinisch-biologischen Gegebenheiten des Patienten. Es gibt eine breite Palette operativer Verfahren: Sie reichen von der einfachen Entfernung eines Bandscheibenvorfalles über die Befreiung einer „eingeklemmten“ Nervenwurzel bis hin zu komplexeren Eingriffen, etwa der Stabilisierung („Versteifung“) der Wirbelsäule. Über Vorteile und Gefahren muss immer derjenige mit dem Patienten sprechen, der diesen Eingriff für angezeigt hält und ihn dann auch durchführt. In Zweifelsfällen oder bei Unsicherheit lohnt es sich durchaus, eine zweite Meinung einzuholen.

Zusammenfassung & Fragen: B. Nazarewska und A. Eppner

Merkur-Sprechstunde zum Thema „Rückenschmerzen“

Bitte melden Sie sich an!

Auch Sie leiden unter Rückenschmerzen? Dann kommen Sie doch zur nächsten Merkur-Sprechstunde. 

Unsere Experten werden Ihnen bei der Veranstaltung medizinische Ratschläge geben – und Ihre Fragen beantworten. Unter ihnen: PD Dr. Christof Birkenmaier, Oberarzt für Wirbelsäulenchirurgie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Physiotherapeutin Katrin Hilpert, deren Behandlungsschwerpunkte unter anderem im Bereich der „präventiven Rückenschule“ liegen. Prof. Jörg-Christian Tonn, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der LMU, Campus Großhadern. Dr. Urszula Smorag, niedergelassene Ärztin in eigener Praxis für Schmerztherapie in München. Und Nico Broegger, Fitnesstrainer und Sportpsychologe. Bei der Veranstaltung wird er zusammen mit Physiotherapeutin Hilpert unseren Leserinnen und Lesern einige Übungen für den Rücken zeigen. Moderation: Prof. Christian Stief, bekannt von der Rubrik „Stiefs Sprechstunde“.

Sie wollen dabei sein? Melden Sie sich bitte an – die Teilnahme ist kostenlos! 

Die Merkur-Sprechstunde findet am Mittwoch, den29. Juni, ab 18 Uhr im Veranstaltungssaal („Alte Rotation“) des Münchner Pressehauses, Paul-Heyse-Str. 2-4, statt.

Geben Sie bei Ihrer Anmeldung bitte die gewünschte Teilnehmerzahl, Ihre Adresse und Telefonnummer an. Schicken Sie uns entweder eine Postkarte an:

  • Münchner Merkur Redaktion Gesundheit & Wissenschaft Paul-Heyse-Str. 2-4 80336 München; Stichwort: „Sprechstunde“.


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