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Auf der Bühne der Merkur-Sprechstunde: Schlaganfall-Patient und Autor Dr. Bruno Pfeifer, Moderatorin Priv.-Doz. Dr. Barbara Richartz, Neurologe Prof. Roman Haberl und Rehaarzt Dr. Dietrich Weller.

Merkur Sprechstunde

Schlaganfall: Antworten von Experten

Wie erkennt man einen Schlaganfall? Was hilft Betroffenen und wie kann man vorbeugen? Die Gäste der Merkur-Sprechstunde „Schlaganfall: Kann es jeden treffen?“ hatten viele Fragen – eine Auswahl der Experten-Antworten.

Leserin: Ein hängendes Augenlid deutet auf einen Schlaganfall hin. Gibt es noch andere, äußerlich sichtbare Hinweise?

Prof. Roman Haberl: In der Tat. Sichtbar ist zum Beispiel eine Halbseitenlähmung, betont an Arm oder Bein, mit einer Gehstörung. Typische Anzeichen sind auch Sprach- sowie Sprechstörungen.

Leser: Die ersten Anzeichen eines Herzinfarkts können bei Männern und Frauen verschieden sein. Gibt es solche Unterschiede auch beim Schlaganfall?

Prof. Haberl: Sie sind nicht so ausgeprägt wie beim Herzinfarkt. Wobei aber die Aufmerksamkeit für einen Schlaganfall bei Männern und Frauen unterschiedlich ist: Frauen kommen später in die Klinik und haben ein Jahr nach dem Schlaganfall eine schlechtere Prognose. Dies kann damit zu tun haben, dass kranke Männer von ihren Frauen umsorgt werden, kranke Frauen von ihren Männern dagegen weniger.

Leser: Mein rechtes Bein war nach dem Schlaganfall nach zwei Wochen gut regeneriert, der Arm reagiert verzögert. Muss ich damit rechnen, dass der Arm nie mehr so gut wird wie das Bein oder ist so ein Unterschied normal?

Dr. Dietrich Weller: Die Chancen einer vollständigen Regeneration hängen unter anderem vom Ausmaß und der Lokalisation, also dem Ort, der Störung im Gehirn ab. Aber auch wie lang der Schlaganfall zurückliegt, das biologische Alter des Patienten und Intensität und Häufigkeit der therapeutischen Übungen sind wichtig für die Prognose. Es ist typisch, dass eine armbetonte Lähmung armbetont bleibt. Trotzdem lässt sie sich wahrscheinlich verbessern. Die Regeneration des Arms sollte unbedingt durch regelmäßige Therapie weiter gefördert werden.

Leserin: Ein Mix aus Knoblauch und Zitrone, mit Wasser aufgekocht, soll täglich getrunken gegen Arteriosklerose helfen. Ähnliches habe ich auch von Granatapfel-Muttersaft gehört. Hilft das?

Prof. Haberl: Leider nein. Knoblauch ist zwar ganz gut untersucht – aber ohne Effekt. Obst und Gemüse, fünf Mal täglich gegessen, soll helfen – allerdings ist unbekannt, ob durch die Diät oder die damit verbundenen häufigen Gänge zum Gemüsehändler.

Leser: Besteht bei einer linksseitigen Lähmung die Chance, dass ich durch entsprechende Ergotherapie wieder stehen und sogar gehen lerne?

Dr. Weller: Grundsätzlich ja, aber es hängt auch davon ab, wie lang der Infarkt zurückliegt und ob eine Spastik besteht. Die Ergotherapie sollte mit Physiotherapie kombiniert werden, weil dadurch Kraft und Beweglichkeit aufgebaut werden. Bei der Ergotherapie geht es um die praktische Anwendung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens, also etwa gehen, an- und ausziehen, essen, trinken. Bevor Sie gehen lernen, müssen Sie zuerst sicher auf einem Bein stehen können. Denn beim Gehen stehen Sie immer eine Weile auf einem Bein, während sich das andere Bein und der ganze Körper bewegen.

Leser: Ist es sinnvoll, bei ersten Anzeichen eines Schlaganfalls noch vor Eintreffen des Notarztes ASS einzunehmen? Und wenn ja – besser als Kautablette oder zum Auflösen?

Prof. Haberl: Nein, bloß keine Selbstmedikation! Ohne Computertomogramm (CT) ist nicht auszuschließen, dass eine Blutung vorliegt – und die wird durch Medikamente wie Acetylsalicylsäure (ASS) und Heparin schlimmer.

Leserin: Mein Mann hatte vor vier Jahren einen Schlaganfall. Sein Sehvermögen ist seither eingeschränkt, die Koordination schlecht. Gibt es Möglichkeiten, das zu verbessern? Wenn er zu sprechen anfängt, läuft ihm zudem Speichel aus dem Mund.

Dr. Weller: Möglichkeiten der Verbesserung müssen immer versucht werden. Allerdings wird man eine solche nach vier Jahren nur langsam und in kleinen Schritten erzielen. Wenn das Sehvermögen durch einen Infarkt oder eine Blutung im Bereich der hinteren Hirnarterie eingeschränkt wurde, sind die Chancen der Wiederherstellung des Sehvermögens sehr schlecht. Handelt es sich um eine Wahrnehmungsstörung (Neglect) bei normal sehenden Augen, lässt sich eine Verbesserung durch Ergotherapie und Neuropsychologie trainieren. Die eingeschränkte Koordination sollte mit Ergotherapie behandelt werden. Der Mundschluss kann wahrscheinlich mit logopädischen Übungen noch verbessert werden.

Leser: Wie stark lassen Bluthochdruck und Übergewicht das Risiko für einen Schlaganfall steigen? Haben auch Hautkrankheiten einen Einfluss?

Prof. Haberl: Bluthochdruck verdoppelt bis vervierfacht das Risiko für einen Schlaganfall. Übergewicht verdoppelt es – und erhöht außerdem das Risiko für Diabetes, was sich wiederum auf das Schlaganfallrisiko auswirkt. Auch Hautkrankheiten, wie eine Psoriasis (Schuppenflechte), erhöhen das Risiko, insbesondere wenn sie zu einer Entzündungsreaktion im Körper führen.

Leser: Vor vier Monaten hatte ich einen Schlaganfall. Im Alltag stellen sich mir jetzt viele Fragen: Darf ich beliebig viel entkoffeinierten Kaffee trinken? Darf ich mich kopfüber bücken, wenn was runterfällt und ein paar Schritte rennen, um den Bus zu erwischen?

Prof. Haberl: Sie sollen und dürfen alles, was Sie nicht zum Stürzen bringt – auch Kaffeetrinken, das soll sogar schützen!

Leser: Ich hatte 2009 mit 49 einen Schlaganfall. Auf Rehamaßnahmen hat mich damals keiner hingewiesen. Würde das heute noch was bringen und muss ich das selbst zahlen? Ich bin körperlich immer noch eingeschränkt. Wie finde ich die richtige Therapie und einen geeigneten Therapeuten?

Dr. Weller: Grundsätzlich ist ein Versuch mit Reha-Maßnahmen auch nach drei Jahren gerechtfertigt. Bitte besprechen Sie das mit Ihrem Hausarzt und/oder Neurologen. Mit einer entsprechend sorgfältigen Begründung wird die Krankenkasse eine ambulante oder stationäre Reha auch bezahlen. Bei einer Ablehnung des Kostenantrags sollten Sie sich nicht scheuen, Widerspruch einzulegen – erfahrungsgemäß wird etwa der Hälfte der Widersprüche stattgegeben. Die Wahl des Therapeuten und der Therapien würde ich mit den Ärzten besprechen. Gute Hinweise können Sie auch von erfahrenen Mitgliedern einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe erhalten. Eine Mitgliedschaft dort lohnt sich! Eine Gruppe in Ihrer Nähe finden Sie im Internet unter www.schlaganfall-hilfe.de/selbsthilfegruppen.

Leserin: Lässt sich durch eine Darstellung der Gefäße eine Aussage zum Schlaganfallrisiko treffen?

Prof. Haberl: Ja. Mit Ultraschall (Doppler- und Duplexuntersuchung) lassen sich Arteriosklerose, Engstellen und selbst Herzerkrankungen mit guter Verlässlichkeit darstellen. Dies gehört zu einer Schlaganfall-Vorsorgeuntersuchung.

Die Experten der Merkur-Sprechstunde Schlaganfall

Prof. Roman Haberl leitet die Klinik für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin am Klinikum Harlaching in München.

Dr. Dietrich Weller ist Arzt und hat den Schlaganfall-Patienten Dr. Bruno Pfeifer in einer Stuttgarter Rehaklinik betreut.

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