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„Medikamenten-Cocktail“: Schmerz- und Aufputschmittel können euphorisierend wirken – und darum auch süchtig machen. Das ist gefährlich.

Suchtforum in Bayern

Schmaler Grat: Gutes Gefühl und Abhängigkeit

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Statistiken belegen: Apotheken verkaufen immer mehr Schmerz-mittel. Die Zahlen sollen sich in den vergangenen Jahren sogar zum Teil verdoppelt haben.

Eine alarmierende Entwicklung – vor allem für Menschen, die bereits suchtkrank sind, warnt der Münchner Experte Prof. Felix Tretter.

Warum greifen Menschen immer häufiger zu Schmerzmitteln?

Prof. Felix Tretter: Ein Grund ist der zunehmende geistige Stress: mit schmerzhaften muskulären Verspannungen im Nacken und im Rücken. Zudem hält man sich selbst immer mehr für eine Maschine, die – wenn sie nicht funktioniert – nur eine Pille braucht, um wieder richtig zu laufen.

Was ist die Folge?

Tretter: Viele dieser Mittel lindern nicht nur Schmerzen, sondern können auch euphorisierend wirken. Das hängt von ihrer chemischen Struktur ab. Sogenannte Opiate zum Beispiel haben nachweislich ein Suchtpotenzial. Sie machen oft ein gutes Gefühl – Betroffene sprechen dabei von einem „guten Feeling“. Dieses Gefühl ist wiederum etwas, was Suchtkranken, etwa Alkoholikern, besonders oft fehlt. Sie haben nicht selten psycho-soziale Probleme.

Und dann?

Tretter:Sie nehmen Schmerzmittel ein, weil sie hoffen, dadurch auch besser drauf zu sein. Der regelmäßige Konsum, also etwa über drei Monate hinweg, führt zu einer Anpassung des Nervensystems. Das heißt, die Dosis muss gesteigert werden – damit die Wirkung gleich bleibt.

Wie äußert sich diese Abhängigkeit konkret?

Tretter:Nehmen wir ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Arbeitnehmer schafft sein Jobpensum nicht, er greift zu Aufputschmitteln, die seine Konzentration steigern lassen. Innerhalb kürzester Zeit ist er hellwach, hat das Gefühl, vor Energie und Kreativität zu strotzen. Das ist natürlich erst mal verlockend ...

Aber es gibt eine Kehrseite.

Tretter:Der besagte Arbeitnehmer wird am Abend nicht mehr müde, er braucht bald Beruhigungsmittel, um endlich einschlafen zu können. Am Morgen darauf ist er wiederum gerädert, kommt kaum aus dem Bett – nimmt also erneut etwas ein, was seinen Körper dann hochfahren lässt. Und das geht immer so weiter – wobei die Dosierung stets steigt.

Wer ist besonders gefährdet, in diese Abwärtsspirale zu kommen?

Tretter:Menschen, die unter starkem Leistungsdruck stehen – die also zu einem bestimmten Zeitpunkt immer wieder etwas abliefern müssen.

Welche Rolle spielt dabei eine bereits bestehende Sucht?

Tretter:Sie ist ein Verstärker. Tabak und Alkohol sind klassische Einstiegsdrogen. Die meisten Raucher fühlen sich nach einer Zigarette wieder aktiver. Dieses Muster übertragen sie dann bald auf andere, zum Teil härtere Substanzen – Aufputschmittel, Drogen.

So kommt es zu einer Art doppelten Abhängigkeit – etwa von Zigaretten und Aufputschmitteln?

Tretter:Durchaus. Es gibt aber auch andere Beispiele: Nehmen Sie einen alkoholabhängigen Menschen, der im Rausch stürzt und sich etwas bricht. Gut möglich, dass der Bruch nicht gut verheilt, dann muss der Betroffene natürlich Schmerzmittel einnehmen. Wird diese Einnahme kaum oder überhaupt nicht ärztlich überwacht, kann sie schnell zum Missbrauch führen. Wie gesagt: Schmerzmittel können eine zusätzliche euphorisierende Wirkung haben.

Was ist die Lösung?

Tretter:Ein multimodales Vorgehen, so heißt das in der Fachsprache. Konkret: Die Betroffenen müssen nicht nur medizinisch, sondern auch psycho-sozial behandelt werden. Denn es ist ja in der Tat so, dass nur wenige Suchtpatienten ihre Abhängigkeit allein durch Schmerzmittel entwickeln. Vielmehr liegt in fast allen Fällen ein persönliches Risikopotenzial vor, das sich unter anderem auf die individuelle Lerngeschichte und aktuelle Lebenssituation bezieht. So sind zum Beispiel Menschen mit einer hohen Stressempfindlichkeit besonders anfällig. Unabhängig davon, ob diese Stressanfälligkeit angeboren ist oder erworben wurde.

Es gibt ja Süchtige und Süchtige ...

Tretter:Natürlich ist die Problematik zum Beispiel bei starken Rauchern und Heroinabhängigen eine andere. Und natürlich muss genau hingeschaut werden, wer welche Schmerzmittel wie lange einnehmen soll ...

Lässt sich das denn so exakt kontrollieren?

Tretter:Nein. Aber: Je enger Hausärzte mit Schmerzambulanzen, Suchtmedizinern und Psychotherapeuten zusammenarbeiten, je besser die Lotsenfunktion von Apothekern von vornherein gestärkt wird, umso mehr schaffen wir es, den Trend des steigenden Schmerzmittel-Verkaufs zu stabilisieren – anstatt, dass er weiter in die Höhe schießt.

Interview: Barbara Nazarewska

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