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Von Kopf bis Fuß: Wenn uns etwas wehtut, schränkt uns der Schmerz oft in unserem gesamten Alltag ein.

Volkskrankheit

Schmerz lass nach

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Wer ihn spürt, will ihn schnell loswerden: den Schmerz. Zwar ist er ein lebensrettendes Signal, doch wenn er chronisch wird, wird er zur Qual.

Ein Experten-Interview mit Prof. Eberhard Kochs über mehr als ein Gefühl.

Schmerz gilt als Volkskrankheit: Wie kommt das?

Aktuelle Analysen aus dem Jahr 2014 zeigen, dass rund 23 Millionen Deutsche über chronische Schmerzen klagen. Dies bedeutet, dass fast ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung, exakt sind es 28 Prozent, in den vergangenen drei Monaten unter ständigen oder häufig auftretenden – nicht-tumorbedingten – Schmerzen litten. Schmerz gilt somit als Volkskrankeit. Hier ist aber zu beachten, dass nicht jeder dieser 23 Millionen Menschen auch behandlungsbedürftig und damit krank im engeren Sinne ist.

Viele glauben: Wenn man die „Reizursache“ beseitigt, ist alles getan – warum ist das ein Trugschluss?

Schmerz wird heute als bio-psycho-soziales Modell verstanden. Das heißt: Es gibt biologische Faktoren, zum Beispiel eine Gewebeschädigung, psychologische Faktoren, etwa eine Depression, und soziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit. Alle drei Komponenten können – natürlich in unterschiedlicher Ausprägung – eine Rolle spielen. Selbst bei akuten Schmerzen erfolgt eine Beeinflussung des empfundenen Schmerzes auf unterschiedlichsten Ebenen ...

Was bedeutet das?

Dass unser Schmerzempfinden durch bio-psycho-soziale Faktoren auf unterschiedlichste Weise moduliert werden kann: positiv im Sinne einer Schmerzlinderung – negativ im Sinne einer Schmerzverstärkung oder eines lang anhaltenden Schmerzes. Insbesondere bei Schmerzen, die nicht von Anfang ausreichend therapiert werden, kann es zu neuroplastischen Veränderungen kommen. Das sind Veränderungen von Strukturen und Funktionen im zentralen Nervensystem. Dies gilt auch für die Entstehung chronischer Schmerzen.

Apropos: Wo verläuft denn die Grenze zwischen „normalem“ und „chronischem“ Schmerz?

Eine solche Einteilung existiert nicht. Eine gängige Einteilung von Schmerzen unterscheidet in „akute“ oder „chronische“ Schmerzen. Hier wird als Kriterium die Zeit herangezogen.

Das heißt konkret?

Wenn akute Schmerzen ohne erkennbaren Grund fortbestehen, verliert der Schmerz seine Warnfunktion und es kann ein sogenanntes chronisches Schmerzsyndrom resultieren – die Grenze zwischen „akutem“ und „chronischem“ Schmerz wird damit überschritten. Der Schmerz hat dann seine biologisch sinnvolle Warnfunktion verloren und wird als eine eigenständige Krankheit betrachtet.

Wann spricht man vom chronischen Schmerz?

Wenn dieser Schmerz länger als drei bis sechs Monate fortbesteht, sich verselbstständigt, zum Lebensmittelpunkt wird – und schwerwiegende psychosoziale Beeinträchtigungen mit sich bringt. Aber Vorsicht: Auch rein körperliche Schmerzen werden bereits im akuten Stadium durch psychologische Prozesse auf kognitiver, emotionaler und auf Verhaltensebene beeinflusst, sie können zunehmend erhebliche soziale Konsequenzen haben: Sie wirken sich auf Familie, Beruf und andere Kontakte aus. Dies kann wiederum den Schmerz und das Schmerzerleben ungünstig beeinflussen – und zur besagten Chronifizierung beitragen.

Also spielt unsere Seele beim Schmerzempfinden eine konkrete Rolle?

Allein von der Seele zu sprechen ist in diesem Zusammenhang schwierig. Was aber zutrifft: Über die bereits genannten biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren lässt sich die Therapie des Schmerzes positiv beeinflussen. Dies wird auch in sogenannten „multimodalen schmerztherapeutischen Programmen“ international an spezialisierten schmerztherapeutischen Zentren mit gutem Erfolg angewendet.

Hirnanalysen haben gezeigt, dass seelischer Schmerz in denselben Bahnen und Strukturen präsent ist wie der körperliche ...

Es ist bekannt, dass zum Beispiel beim Empfinden von Trauer, also im weitesten Sinne beim Empfinden von „Seelenschmerzen“, Gehirnstrukturen aktiviert werden, die auch bei körperlichen Schmerzen aktiviert werden. Gleiches gilt für die Schmerzlinderung durch Placebo, also eine Scheinbehandlung.

Wie weit darf denn eine „Selbstmedikation“ gehen?

Eine Selbstmedikation ist kritisch zu sehen. Insbesondere wenn beim Patienten Vorerkrankungen, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Leber- und Nierenerkrankungen, vorliegen, ist von einer Selbstmedikation ohne vorherige Beratung durch einen Arzt dringend abzuraten. Insbesondere bei älteren Patienten, die unter einer Dauertherapie stehen – Stichwort Herz-Kreislauf-Medikamente oder Blutverdünnung – kann es durch eine zusätzliche Anwendung von Schmerzmitteln sowohl zu Wirkverstärkungen und -verlust als auch zu schweren Nebenwirkungen kommen. Eine adäquate Beratung sollte stets durch den behandelnden Arzt erfolgen.

Interview: Barbara Nazarewska

Merkur-Sprechstunde: Melden Sie sich an! 

Die Liste an schmerzhaften Problemzonen ist lang. Ganz oben steht bei vielen das Kreuz. Rückenschmerzen kennt fast jeder. 

Meistens lässt sich leicht gegensteuern – mit Wärme, Bewegung oder auch Massagen. Grundsätzlich gilt aber: Halten die Schmerzen länger als eine Woche an, dann sollte man unbedingt zum Arzt gehen. Das raten Experten. Gleiches ist zu beachten, wenn diese Schmerzen in die Arme oder Beine ausstrahlen. Oder: man sogar Lähmungserscheinungen bekommt. 

Auch Sie haben Rückenschmerzen? Dann kommen Sie zur Merkur- Sprechstunde. Unsere Experten werden Ihnen medizinische Ratschläge geben und Fragen beantworten. Unter ihnen sind: PD Dr. Christof Birkenmaier, Oberarzt für Wirbelsäulenchirurgie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Physiotherapeutin Katrin Hilpert, deren Behandlungsschwerpunkte unter anderem in der „präventiven Rückenschule“ liegen. Prof. Jörg-Christian Tonn, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der LMU, Campus Großhadern. Dr. Urszula Smorag, niedergelassene Ärztin in eigener Praxis für Schmerztherapie in München. UndNico Broegger, Fitnesstrainer und Sportpsychologe – er wird bei der Veranstaltung zusammen mit Physiotherapeutin Hilpert unseren Leserinnen und Lesern einige wichtige Übungen für den Rücken zeigen. Moderiert wird der Abend von Prof. Christian Stief, der von der montäglichen „Stiefs Sprechstunde“ bekannt ist. 

Sie wollen auch dabei sein? Melden Sie sich bitte an – die Teilnahme ist kostenlos!

Die Merkur-Sprechstunde findet am Mittwoch, den 29. Juni, ab 18 Uhr im Veranstaltungssaal (Alte Rotation) des Münchner Pressehauses, Paul-Heyse-Str. 2-4, statt. Geben Sie bitte die gewünschte Teilnehmerzahl, Ihre Adresse und Telefonnummer an. Schicken Sie uns entweder eine Postkarte: 

Münchner Merkur Redaktion
Gesundheit & Wissenschaft 

Paul-Heyse-Str. 2-4 

80336 München
Stichwort: „Sprechstunde“

Oder eine E-Mail an: mitarbeit.wissenschaft@merkur.de
Stichwort: „Sprechstunde
Sie erhalten von uns eine Teilnahme-Bestätigung.

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