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Trotz Alzheimer will Karl Weigand, dass seine Frau Bärbel etwas erlebt. Die beiden schauen gern Bücher an oder besuchen Konzerte

Sieben Fakten zur Volkskrankheit

Schock-Diagnose: Wenn Alzheimer die Familie trifft

München - Über 1,2 Millionen Deutsche haben die Schock-Diagnose schon hören müssen: Alzheimer. Der langsame Weg ins Vergessen, wie es den Angehörigen geht, wo sie Hilfe finden, der Forschungsstand: alles über die Volkskrankheit.

„Ein langsamer Abschied“

Karl Weigand (64) erinnert sich noch gut an den Anruf aus dem Schlaflabor. Seine Frau Bärbel war dort für die Auswertung der Testergebnisse zuständig. „Den Kollegen ist aufgefallen, dass sie ständig Termine durcheinander brachte“, erzählt der Rentner. Das war 2004. Spätestens da war klar: Mit Bärbel Weigand (68) stimmt etwas nicht. Ein Untersuchungsmarathon an der Uniklinik brachte die Horror-Diagnose: Alzheimer!

Das Paar liebt noch immer gemeinsame Spaziergänge

„Natürlich war der Verdacht im Hinterkopf. Ein Schock war die Nachricht trotzdem“, sagt Karl Weigand. Von diesem Tag an änderte sich das Leben der Familie. „Der Gedanke an den Tod ist alltäglich. Man verabschiedet sich langsam voneinander.“ Bärbel Weigand konnte noch vier Jahre weiterarbeiten, trug aber weniger Verantwortung. Im Haushalt brachte sie immer mehr durcheinander.

Eines Tages konnte sie das Radio nicht mehr bedienen, mit dem sie jahrelang beim Bügeln Musik gehört hatte. Vom Einkaufen brachte sie eine teuere Brille und Sitzkissen nach Hause, die niemand brauchte. 2011 ging ihr Mann in Altersteilzeit. „Ich musste Abschläge bei der Rente hinnehmen, aber ich wollte Bärbel nicht allein lassen“, erzählt der Oberhachinger.

Inzwischen hilft er ihr morgens beim Anziehen, schneidet mittags das Essen in mundgerechte Häppchen und bringt sie am Abend ins Bett. Mittwochs und donnerstags hat Karl Weigand einen halben Tag frei. Dann besucht Bärbel die Herbstwind-Gruppe der Alzheimer Gesellschaft Landkreis München-Süd. Ihr Mann nutzt die Zeit, um Papierkram zu erledigen und mit dem Mountainbike zu fahren. Dazu kommt er sonst nie. Wenn er die Treffen der Selbsthilfegruppe besucht, bleibt die Tochter (30) bei ihrer Mutter.

Einmal hat Karl Weigand es mit einem mobilen Pflegedienst versucht, aber Bärbel wollte sich nicht von Fremden baden lassen. Manchmal wehrt sie sich auch, wenn er sie waschen will. „Das ist belastend. Aber wir erleben auch sehr schöne Momente miteinander.“

Manchmal drückt sie seine Hand, so als möchte sie sagen: „Schön, dass du da bist.“

Richtige Unterhaltungen führt sie schon lange nicht mehr. Oft passt das Satzende nicht zum Anfang. Bei Spaziergängen quatscht sie Passanten an. „Anfangs war mir das peinlich. Heute gehe ich gelassen damit um“, sagt Karl Weigand. Er versucht den Tag so zu gestalten, dass sie etwas erleben können. Regelmäßig stehen Konzertbesuche auf dem Programm. Dann kauft er Tickets am Rand der Sitzreihe. So kann Bärbel mitsummen, ohne andere zu stören.

Beate Winterer

Hier bekommen Angehörige Hilfe

Angehörige und Betroffene können Hilfe und Beratung bei der Alzheimer Gesellschaft München (AGM) finden. Das ist eine Vereinigung aus über 500 Angehörigen sowie Experten aus dem psychosozialen, pflegerischen und ärztlichen Bereich.

Für die Zeit unmittelbar nach der Diagnose gibt es Informationen und Hilfen am Demenz-Telefon 089 / 47 51 85, das Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 12 Uhr sowie an Mittwoch und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr besetzt ist. Dabei können auch persönliche Gespräche terminiert werden.

Hilfe gibt es auch per E-Mail unter: info@agm-online.de

Darüber hinaus veranstaltet die AGM Angehörigen-Seminare, Gesprächsgruppen sowie Musik- und Tanzcafés für Angehörige und Betroffene. Weitere Informationen gibt es unter: www.agm-online.de

Sieben Fakten zur Volkskrankheit

Alzheimer, die unheimliche Volkskrankheit: Schon 1,2 Millionen ältere Menschen leiden allein in Deutschland darunter. Sie sind einem schleichenden, sogenannten degenerativen Verfallsprozess im Gehirn ausgeliefert, der häufig in bedingungsloser Pflegebedürftigkeit endet. Die wichtigsten Alzheimer-Fakten im tz-Überblick:

Was versteht man eigentlich genau unter der Alzheimerschen Krankheit?

Bei diesem tückischen Leiden sterben – vereinfacht ausgedrückt – die Nervenzellen im Gehirn ab. Die Erkrankung ist nach dem fränkischen Arzt Alois Alzheimer benannt. Er hat sie 1901 erstmals bei einer Patientin namens Auguste Deter festgestellt. Zu den Symptomen gehören Gedächntisverlust, Verlust der Sprachfähigkeit und des Urteilsvermögens, Persönlichkeitsveränderungen sowie Stimmungsschwankungen.

Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?

Demenz ist der Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit einem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern, Orientierungsvermögen und Schlussfolgerungen einhergehen. Die Alzheimersche Krankheit ist die am weitesten verbreitete Form einer Demenz. Bei rund zwei Dritteln aller Demenzen handele es sich um Alzheimer, berichtet die Stiftung „Alzheimer Forschung Initiative“.

Ist Alzheimer heilbar?

„Es gibt bis heute keine Therapie, alle Ansätze sind gescheitert“, sagt der renommierte Münchner Neurologe Dr. Karl-Otto Sigel. Mediziner können ihren Patienten allenfalls mit Tabletten helfen, die den Verlauf der Krankheit hinauszögern. Die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt sieben Jahre – gerechnet ab dem Zeitpunkt der Diagnose.

Wodurch wird Alzheimer verursacht?

Die Wissenschafter haben dieses Rätsel noch nicht gelöst. Lange Zeit glaubten sie, dass Alzheimer von Amyloid-Plaques ausgelöst werden – praktisch Eiweiß-Klümpchen, die sich im Gehirn ablagern. „Heute geht man davon aus, dass diese Plaques eher eine Folge der Erkrankung sind“, erklärt Dr. Sigel.

Wer ist besonders gefährdet?

In erster Linie erkranken ältere Menschen an Alzheimer. „Es gibt allerdings auch Risikofaktoren, unter anderem Diabetes, Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck oder unsgesunde Lebensweise wie übermäßiger Alkoholkonsum“, weiß Dr. Sigel. Eine genetische Veranlagung kann den Ausbruch der Krankheit ebenso befeuern.

Woran erkennt man, dass ein Mensch an Alzheimer erkrankt ist?

„Wenn man über etwa ein halbes Jahr hinweg den Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit beobachten kann, dann ist eine gründliche Untersuchung sinnvoll“, sagt Dr. Sigel. „Dabei sollte der Hausarzt zunächst andere mögliche Ursachen ausschließen, etwa Diabetes, Gefäßerkrankungen, Herzinsuffizienz oder Depressionen.“ Wenn das alles nicht der Fall ist, sollte sich der Patient von einem Neurologen durchcheken lassen. In Amerika setzten Ärzte bereits eine spezielle Diagnosemethode ein, um das Alzheimer-Risiko zu bestimmen. So lassen sich die Eiweiß-Plaques durch ein Tomografieverfahren namens PET nachweisen. Auch in Deutschland steht PET vor der Zulassung.

Wie läuft eine Alzheimer-Untersuchung beim Neurologen ab?

Der Arzt macht mit dem Patienten sogenannte Screening-Tests. Das bedeutet: Er stellt ihm beispielsweise Fragen oder auch Zeichenaufgaben, um die Leistungsfähigkeit seines Gehirns zu überprüfen. Bei einer Kernspin-untersuchung in der „Röhre“ werden andere Ursachen für die Gehirnstörungen ausgeschlossen, etwa ein Tumor oder Gefäßerkrankungen. „Außerdem steht uns noch die sogenannte Nervenwasser-untersuchung zur Verfügung“, berichtet Dr. Sigel. Dabei wird dem Patienten etwas Flüssigkeit aus dem Wirbelsäulenkanal entnommen und analysiert. „Im Labor lassen sich spezielle Demenz-Marker nachweisen, die einen Alzheimer-Verdacht bestätigen können“, erklärt Dr. Sigel.

Andreas Beez

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