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Kleine Ursache – starke Schmerzen: Kalkschulter

Wenn die Schulter extrem schmerzt

Diagnose Kalkschulter - was sie bedeutet 

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Die menschliche Schulter ist ein Wunder an Beweglichkeit – unsere Arme lassen sich praktisch in alle Richtungen strecken, sogar Drehbewegungen sind möglich.

Dr. Heribert Konvalin ist Orthopäde

Leider hat die Natur geschlampt und einem wichtigen Bauteil etwas wenig Platz eingeräumt: Die Supraspinatus-Sehne, die den Oberarmknochen mit dem Muskel verbindet, der den Arm hebt. Diese Sehne muss eingezwängt zwischen dem oberen Schulterblatt und dem darunterliegenden Oberarmkopf hin- und hergleiten. Eine Schwachstelle, die häufig zu Problemen führt. Der Körper möchte diese Schwachstelle verstärken und lagert am Sehnenansatz Calciumphosphat ein. Kalkkügelchen entstehen. Etwa jeder Fünfte zwischen 30 und 50 Jahren hat so ein Kalkdepot in der Schulter, allerdings ohne dass es Probleme macht. Doch bei circa der Hälfte entwickelt sich eine schmerzende Kalkschulter. Etwa 70 Prozent der Patienten sind Frauen. Wie man vorbeugen kann und was hilft, das erklärt der Orthopäde Dr. Heribert Konvalin vom Medizinischen Versorgungszentrum Helios in München.

Wenn die Schulter schmerzt, wann sollte man zum Arzt?

Dr. Heribert Konvalin: Wenn sich langsam Beschwerden entwickeln, würde ich die schmerzauslösende Bewegung zunächst mal vermeiden, und man kann es sich schon mal so zehn bis 14 Tage anschauen. Aber wenn es dann nicht besser wird, sollte man die Beschwerden beim Arzt abklären lassen.

Liegt wirklich eine Kalkschulter vor, hat der Patient keine Wahl: Er leidet unter so starken Schmerzen, dass er sofort zum Arzt gehen wird. Viele Patienten sind nicht in der Lage, ihren Arm zu heben, sie leiden unter einer Pseudoparalyse. Sie haben eine akute Entzündung, die Schulter kann heiß und angeschwollen sein. Dieser Patient braucht starke Schmerzmittel. Es gibt auch einen Spontanverlauf der Erkrankung: Die Kalkschichten können von ganz allein wieder verschwinden. Aber das kann lange dauern. Zudem kann die Krankheit erneut auftreten und sich verschlimmern.

Mal löst sich der Kalk von allein auf, mal tut es höllisch weh. Das ist doch verrückt!

Konvalin: Oft sieht man den Kalk als Zufallsbefund, und der Patient hat gar keine Beschwerden. Dann röntgt man nach einem Dreivierteljahr noch mal, und alles ist weg. Das gibt es. Ärger machen die Kalkeinlagerungen nur, wenn sie in die Umgebung einbrechen und eine Entzündung verursachen. Platzen die Kalkkügelchen auf, ergießen sie sich in den Schleimbeutel oberhalb der Sehne. Das Immunsystem schickt seine Abwehrzellen, die Mastzellen, um den Kalk aufzulösen und abzutransportieren. Dabei kommt es zu einem Entzündungsreiz, der Körper lagert Flüssigkeit ein. Diese Flüssigkeit kann nicht ausweichen, weil oben das Schulterdach und unten der Oberarmkopf blockieren. Es kommt zu einem stark erhöhten Druck und der Patient hat extreme Schmerzen.

Wie können Sie helfen?

Konvalin: Zunächst ist es wichtig, den Patienten schmerzfrei zu bekommen. Wenn starke Schmerzmittel allein nicht helfen, kann es notwendig sein, eine Kortisonspritze zu geben. Aber spätestens nach drei Spritzen sollte Schluss sein, weil Kortison die Sehne schädigen kann. Hat der Patient keine funktionellen Einschränkungen, und das Ganze tritt nicht wieder auf, dann braucht man weiter gar nichts zu machen. Da kann der Kalk bleiben, wo er ist. Tritt es jedoch wiederholt auf, würde man zur Stoßwellentherapie greifen, um das Problem grundsätzlich anzugehen.

Die Therapie mit Stoßwellen hilft?

Konvalin: Das ist in Studien belegt und wird von den Krankenkassen bezahlt. Die Patienten haben deutlich weniger Schmerzen, die Kalkdepots verringern sich oder werden ganz vom Körper resorbiert. Durch die energiereichen Ultraschall- oder mechanisch erzeugten Stoßwellen werden die Kalkdepots zerkleinert, damit der Körper sie dann abtransportieren kann. Die Stoßwelle regt zudem die Durchblutung des umgebenen Gewebes an, dadurch wird die Regeneration der Sehne gefördert. 80 Prozent der Behandelten werden durch die Therapie schmerzfrei.

Wann operieren Sie?

Konvalin: Wenn der Patient nicht schmerzfrei wird. Wir operieren nie sofort, da muss ein Kalkdepot schon mal ein Dreivierteljahr Ärger machen. Es ist möglich, das Kalkdepot operativ zu entleeren. Das ist ein Routine­eingriff per Schlüssellochmethode und sehr unkompliziert. Die Patienten, denen man dann das Kalkdepot entfernt, verspüren eine große Erleichterung. Der Eingriff erfolgt unter Kurznarkose. Die Operierten wachen auf und merken gleich den Unterschied. Das einzige Problem ist, dass ein Rezidiv entstehen kann.

Eine Kalkschulter ist also gut zu behandeln?

Konvalin: Ja, oft jedoch wird zu lange konservativ und mit Injektionen behandelt. Das kann die Sehne schädigen. Daher gehört es zur Basisdiagnostik im Kernspintomogramm die Sehnenstruktur zu kontrollieren. Ist der Patient schmerzfrei, sollte er über muskuläres Aufbautraining versuchen, die Muskeln zu entlasten und die Durchblutung in der Schulterregion zu fördern. Damit kann er sich selbst am besten helfen.

Der Verkalkung vorbeugen

Die Ursachen einer Kalkschulter sind nicht ganz geklärt, auch ist nicht bekannt, warum es Frauen so viel häufiger trifft. Die aktuelle Wissenschaft vermutet, dass die Sehne nicht genügend Nährstoffe erhält, sie quasi hungern muss und der Körper das mit Kalkeinlagerungen ausgleichen möchte. Die Sehne, die ja die Kraft des Muskels auf den Knochen überträgt, wird von Knochen und Muskel mit Nährstoffen versorgt. Beim Heben des Arms werden diese Versorgungskanäle ab einer gewissen Höhe eingeklemmt, die Zufuhr wird für kurze Zeit unterbrochen. Die mittlere Abspreizhaltung zwischen 70 und 120 Grad ist das Problem. Ist der Arm ganz oben, fließen die Nährstoffe wieder frei, hängt der Arm unter 70 Grad, ist auch wieder genug Platz. Am Gefährlichsten ist es, den Arm auf Dauer auf Schulterhöhe zu halten. Auch wenn die Muskeln der Schulter verkrampfen, kann die Versorgung der Sehne leiden.

Dr. Konvalin rät beim Arbeiten am Schreibtisch bzw. am Computer die sogenannte Schonhaltung mit vorhängenden Schultern zu vermeiden. Denn das verkürzt die Brustmuskeln, die Rückenmuskeln dagegen sind ständig überdehnt. Am Schreibtisch sollte man aufrecht sitzen und die Schulterblätter zurücknehmen.

Fehldiagnose

Ein weiterer häufiger Grund für Schulterschmerzen ist das sogenannte Engpass-Syndrom. Der enge Kanal für die ­Supraspinatus-Sehne kann sich zusätzlich verengen, oder die Sehne kann sich verdicken. Wenn z. B. Sportler gegen diesen Schmerz arbeiten, kann es sogar passieren, dass die Sehne reißt. Häufig kommen Patienten zu Dr. Konvalin mit der Diagnose Engpass-Syndrom, die Schmerzen jedoch stammen von einem nicht diagnostiziertem Kalkdepot. Dr. Konvalin: „Das ist sehr belastend für die Patienten, weil sie nicht schmerzfrei werden.“ Wenn dann eine Operation nötig ist, können eventuelle Verengungen des Sehnenkanals gleich mit entfernt werden.

Vorsicht, Verwechslung! 

Eine Kalkablagerung in der Schulter hat nichts mit der Verkalkung von Gefäßen zu tun. Dabei werden an Arterien sogenannte Plaques aus Fetten abgelagert, die die Blutwege verengen. Reißt so ein Plaque auf, besteht die Gefahr, dass es als Gerinnsel Gefäße verstopft, es kommt zum Schlaganfall oder zum Herzinfarkt. In der Schulter oder in anderen Gelenken kann es zum Umbau von Knorpelzellen kommen, wobei der Körper z. B. Calciumphosphat einlagert, um die überlasteten Regionen zu stärken. Solche Ablagerungen können starke Schmerzen verursachen.

Dr. Heribert Konvalin praktiziert im medizinischen Versorgungszentrum im Helios: 089/159 27 70.

sus

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